Eine Verfassung für ein Deutschland nach Hitler

Sebastian Sigler18.07.2016Gesellschaft & Kultur

Claus Graf Schenk v. Stauffenberg wagte am 20. Juli 1944 das schon lang geplante Attentat auf Hitler. Doch ein großer Kreis von Verschwörern gegen den Diktator hatte sich zuvor schon jahrelang damit beschäftigt, was nach Hitler in Deutschland geschehen sollte. Eine demokratische Verfassung war in Arbeit. Schlaglichter und Beispiele.

Gerade in einer Zeit, in der sich am Rande Europas ein Staatschef unter dem Vorwand eines zweifelhaften Militärputsches Schritt für Schritt auf den Weg in die Diktatur macht, ist der Blick darauf wichtig, was Diktatur überwindet: eine Verfassung, die von einem demokratische gewählten Parlament verabschiedet und garantiert wird. Die Widerstandskämpfer Franz Böhm, Walter Eucken, Dietrich Bonhoeffer und Wilhelm v. Flügge stehen wie Viele, aber doch exemplarisch für die Arbeit an einer demokratischen Verfassung für ein Deutschland nach Hitler.

Franz Böhm

Eine strikte Ablehnung von Ideologie und Politik der NSDAP, Konzeption nationalökonomischer Aspekte des Widerstand gegen Hitler sowie aktives Handeln gegen das nationalsozialistische Regime, nicht zuletzt durch die Mitarbeit an der Konzeption für ein Deutschland nach dem NS-Terror – all dies vereinte Franz Böhm. Das hätte in der NS-Zeit bei weitem ausgereicht, um ihn an den Galgen zu bringen. Doch er überlebte eine aufwendige Fahndung der Gestapo spe¬ziell nach ihm.

1933, erschien seine Promotionsschrift „Der Kampf des Monopolisten gegen den Außenseiter als wettbewerbsrechtliches Problem“, und im selben Jahr war auch seine Habilitationsschrift, die mit „Wettbewerb und Monopolkampf“ übertitelt war, bereits druckreif. Doch Böhm wurde eine Professur verweigert, weil die ordoliberale Lehre, die er mitbegründet hatte, den NS-Machthabern höchst suspekt war.

Seit 1933 hatte Franz Böhm mit Carl Friedrich Goerdeler in brieflichem Kontakt gestanden, 1938 trafen beide erstmals zusammen. Zu dieser Zeit entstand in Freiburg die Widerstandsgruppe „Freiburger Konzil“ unter dem direkten Eindruck der Reichspogromnacht; Böhm gehörte ihr an. Unter einer Tarnung diskutierte er ab 1940 auch mit Peter Graf Yorck v. Wartenburg über eine gerechte Wirtschaftsordnung für ein Deutschland nach Hitler; eine geheime Denkschrift entstand. Das veranlasste Dietrich Bonhoeffer, im Spätsommer 1942 nach Freiburg zu kommen, um weitere, ausführlichere Arbeitspapiere für die in Berlin tagenden Widerstandskreise zu erbitten. In Freiburg entstand der komplette Entwurf für eine Wirtschaftspolitik nach Hitler für den Entwurf einer Reichsverfassung, den der Kreisauer erarbeitete.

Franz Böhm wurde ab 1944 von der Gestapo gesucht, er sollte wegen seiner Aktivitäten in ein Konzentrationslager verschleppt werden. Doch durch eine unglaubliche Verwechslung entging er der Verhaftung: an seiner Stelle wurden gleich zwei Geistliche gleichen Namens verhaftet; einer von ihnen starb 1945 im KZ Dachau, der andere überlebte die Gestapo-Haft nur knapp.

Walter Eucken

Zu den Todesopfern des Widerstands gegen Hitler zählt Walter Eucken, der 1891 geboren wurde, nicht. Sein Vater war der Nobelpreisträger Rudolf Eucken. Seine Äußerungen und sein Mut hätten den Sohn, der als Professor für Nationalökonomie höchst berühmt war, leicht an den Galgen bringen können, und wenn er von den Nationalsozialisten erkannt worden wäre, hätten sie es mit zwingender Logik getan, denn sein Beitrag zum Denken der Freiburger Kreise, die dem Kreisauer Kreis zuarbeiteten, ist bedeutend. Dies gilt in gleichem Maße für seine Leistungen in der Disziplin der Volkswirtschaft, genauer: der Nationalökonomie. Die hier entwickelten Modelle für Volkswirtschaften waren diametral entgegengesetzt zu dem, was im Nationalsozialismus bezweckt wurde.

Früh war Eucken ein erbitterter Gegner des Nationalsozialismus. Am 21. Oktober 1935 notierte er in sein Tagebuch: „Alle Juden werden beurlaubt oder aus dem Staatsdienst entlassen. Überall Mißhandlungen. Diese Sünde, die das deutsche Volk begeht, indem es wehrlose Menschen seelisch und körperlich mißhandelt, wird sich an ihm furchtbar rächen. Gott ist auch ein rächender Gott.“ Wahrscheinlich hatten sich, als Eucken dies schrieb, die späteren Akteure der Freiburger Widerstandskreise, vor allem Franz Böhm, Constantin v. Dietze, bereits arkan vernetzt. Im übrigen hielt er an der Freundschaft zu dem aus jüdischem Haus stammenden Philosophen und Mathematiker Edmund Husserl, der von den Nationalsozialisten schikaniert wurde, unbeirrt fest.

Constantin von Dietze erhielt zusammen mit seinen Mitstreitern – darunter auch Eucken – durch Dietrich Bonhoeffer, der eigens dafür nach Freiburg reiste, im Jahre 1942 den Auftrag, zusammen mit dem Mitstreitern im „Freiburger Konzil“ Vorschläge für eine Neuordnung der Wirtschaft in Deutschland nach Adolf Hitler zu erarbeiten. Zusammen mit Lampe, Dietze, Böhm und weiteren Mitstreitern erstellte ein gemeinschaftliches Gutachten unter dem Titel: „Wichtigste Probleme des Wiederaufbaus und der Friedenswirtschaft und ihre Lösung durch primär marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung“.

Die Tätigkeit der Freiburger Widerstandskreise an sich kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Einer der profiliertesten Fachleute für den Widerstand gegen Hitler, Günter Brakelmann, urteilt wie folgt: „Die Freiburger und Kreisauer Kreise dürften unter den deutschen Widerstandsgruppen das größte intellektuelle Potential bei sich versammelt haben.“

Wilhelm v. Flügge

Perfekt getarnt hatte Wilhelm v. Flügge seinen Kontakt zu anderen Akteuren des Widerstands gegen Hitler. Auch heute noch ist über ihn zu lesen, er sei „Direktor der I. G. Farben in Berlin“ gewesen, was aber seine Tätigkeit im Widerstand verdeckt. In Wirklichkeit arbeitete er nun verdeckt für das Amt Abwehr, wo er seit spätestens 1937 Kontakte speziell zur Widerstandsgruppe um die hohen Militärs Wilhelm v. Canaris und Hans Oster hatte.

Von Beirut und Istanbul aus sondierte Flügge ab 1938, wie eine Reaktion des Auslands auf einen Sturz Hitlers sein würde und arbeitete im übrigen spätestens seit 1941 an einem Entwurf für eine Reichsverfassung nach dem erhofften Sturz Hitlers, den „Bemerkungen zur deutschen Verfassung“. Auch mit einer Verwaltungsreform war Flügge befasst, denn Verwaltungsrecht war seine berufliche Leidenschaft.

Im Jahre 1943 wurde Flügges Tarnung abermals verfeinert; zu vermuten ist, dass hier die Verhaftung v. Dohnanyis am 5. April 1943 eine Rolle spielte. Sein offizieller Arbeitgeber war spätestens ab Ende 1943 die Nordsee AG. Doch alles Tarnen nützte nichts. Als im Frühjahr 1944 der Abwehrchef Admiral Canaris abgelöst wurde, war auch Flügge aufgeflogen. In seinem Büro war ein Exemplar der demokratischen Reichsverfassung für die Zeit nach Hitler gefunden worden, an der er arbeitete. Ernst Kaltenbrunner schäumte und sprach von einer „Verratsquelle in Istanbul“.

Flügge wurde eine Falle gestellt. Er wurde verhaftet und verbrachte über ein Jahr in verschiedenen deutschen Konzentrationslagern, bevor er in einer wahrhaft abenteuerlichen Aktion zusammen mit 137 anderen Häftlingen von Dachau aus nach Südtirol verschleppt wurde. Es handelte sich um prominente Häftlinge, derer sich wohl Himmler bedienen wollte, um seine Freiheit zu erpressen. Wie alle anderen wurde Flügge aber Ende April 1945 von Wehrmachtssoldaten aus den Fängen der SS befreit. Eine spannende Geschichte, ein wahrer Geschichts-Krimi.

_Dies sind Auszüge aus „Corpsstudenten im Widerstand“, herausgegeben von Sebastian Sigler, Duncker & Humblot 2014._

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