Die Fußball-Europameisterschaft als britannisches Orakel

Sebastian Sigler27.06.2016Außenpolitik, Europa, Gesellschaft & Kultur

Great Britain ist ‘raus. Auch bei der Fußball-EM. Die Liste der Mannschaften, die in Frankreich angetreten waren, wirkt nach der Brexit-Entscheidung wie ein Menetekel. Da waren, natürlich aus rein historischen Gründen, Nordirland und Wales mit eigenen Nationalteams vertreten. Bei der nächsten EM könnte Schottland dazukommen. Dies auch aus historischen Gründen. Maria Stuart lässt grüßen.

A Day in The Life

„I saw the news today, oh boy….“ Jetzt ist er da, der Brexit. Nach 43 Jahren wird Großbritannien, wenn nicht noch ein Wunder geschieht, die EU verlassen. In Brüssel, Berlin und Paris jedenfalls rechnet man nun damit – und bittet um zügige Abwicklung. Der Brüsseler Sigthórsson könnte Juncker heißen. Oder Merkel.

Großbritannien ist kein Gründungsmitglied der EWG, die dann zur EG und schließlich zur EU wurde. Der Inselstaat, der Migration und Sozialsysteme durch seine Seegrenzen – und den schwerbewachten Eurotunnel – vergleichsweise gut kontrollieren kann, förderte seinerseits in den letzten beiden Jahrzehnten die verschiedenen EU-Erweiterungen massiv, vor allem nach Osten hin. Die Bedenken der Länder „auf dem Kontinent“, die Landgrenzen haben, wurden regelmäßig hinweggewischt. Fristen für osteuropäische Einwanderer in den Arbeitsmarkt wurden von London für unnötig gehalten – und torpediert. Gerne hat man sich zur gleichen Zeit auf der britischen Insel mit knapp einer Million polnischer Arbeitskräfte verstärkt. Natürlich zu Mindestlöhnen. Geschah all dies, um Großbritannien einseitig zu stärken, um die Union zu schwächen?

Jetzt sieht die Union ungefähr genauso aus, wie das aus London gefordert wurde. Die Freizügigkeit wurde Realität, ja, sie war sogar so weitgehend, dass weit über eine Million Migranten – viele, aber längst nicht alle sind Kriegsflüchtlinge – quer durch den Kontinent marschieren konnten. Und dass es Monate dauerte, bis endlich auch eingen deutschen Politikern auffiel, dass hier ein Prozess gründlich entgleist war.

Nowhere Man

Und nun treten die Briten aus. Zwei Möglichkeiten gibt es: entweder ist der britische EU-Austritt von langer Hand vorbereitet worden – oder dies ist wirklich ein überaus gravierender und bedauerlicher Betriebsunfall des Populismus. Nigel Farage, der kettenrauchende Ex-Rohstoffhändler, der mit 16 die Schule ohne regulären Abschluss verließ, wird das in der Rückschau wohl als seinen größten Erfolg verbuchen können. Denn was sollte er nun noch erreichen? Viele Vertreter der jungen Generation in Großbritannien reklamieren jedenfalls umgehend eine Wiederannäherung des noch vereinigten Königreiches an die Europäische Union. Eine Online-Petition erreichte binnen der ersten 48 Stunden nach dem Brexit die bemerkenswerte Zahl von 2,9 Millionen Unterschriften.

Doch es hilft zunächst nichts, denn die über 17 Millionen mutmaßlich kettenrauchenden Farage-Anhänger haben gesiegt. Die Briten sind draußen. Die EU-Außenminister tagen bereits ohne sie, der britische EU-Kommissar ist zurückgetreten, ein Lette trat geräuschlos binnen weniger Stunden an seine Stelle. Deutschland und Frankreich verbleiben als die beiden großen Schwergewichte. Doch unterschiedlicher könnte deren ökonomische Ausrichtung nicht sein – Frankreich verschuldet sich hemmungslos, Deutschland hegt und pflegt seine schwarze Null. Der Brexit ist daher für Deutschland schlichtweg eine Katastrophe, denn die französische Volkswirtschaft ist ein Trümmerhaufen. Bisher konnte Berlin immer wieder marktwirtschaftlich dringliche Punkte mithilfe der Briten in der EU durchsetzen, ohne sich selbst allzu sehr exponieren zu müssen. Das ist nun vorbei. Deutschland ist allein. Deutschland wird zahlen. Der 23. Juni 2016 wird teuer für Europa – und viel, viel teurer noch für Deutschland.

Maxwell’s Silver Hammer

Die EU-Regierungschefs haben ein hohes Interesse daran, schnell und wirksam alle möglichen Nachahmer abzuschrecken. Wie eilig sie es damit haben, dokumentierten bereits die sechs Außenminister der Gründungsnationen des EWG, aus dem die EU erwachsen sollte. Das war aber nur ein erster Aufgalopp, denn das wohl drängendste Problem dürfte Spanien haben. Die Katalanen werden sich sehr genau ansehen, welche Schritte Nicola Sturgeon, die vom Süden Glasgows aus operierenden Erste Ministerin Schottlands, nun unternimmt, um die Unabhängigkeit ihrer Schotten von England zu erzwingen.

Und die höchst bemerkenswerten Vorgänge auf der Inselgruppe im Nordwesten Europas geht weiter. Schon fordern die Bürger Londons, die unter anderem allergrößte Sorge um ihren Finanzplatz haben, eine gesonderte Abstimmung in der englischen Metropole, ja, eine Sondermitgliedschaft des Großraums London in der EU – sehr wohl wissend, dass dies eine, gelinde gesagt, skurile Forderung ist. Spanien, selbst in einer innenpolitischen Krise gefangen, möchte da nicht nachstehen. Gibraltar, den Affenfelsen, soll Großbritannien gefälligst zurückgeben! Denkbar sei zunächst ein Condominium, also eine gemeinsame Verwaltung, auf lange Sicht aber müsse Gibraltar nun spanisch werden, wo England sich gegen die EU entschieden habe. Der Unmut kennt keine Grenzen, offenkundig.

Politische Zentrifugalkräfte sind es, die derzeit vor allem das United Kingdom ergreifen. Es könnte durchaus noch schlimmer kommen als bislang befürchtet. Wann sehen wir wieder Straßenbarrikaden in Belfast? Die Nordiren sind nach vielen Jahren und mit unendlicher Mühe befriedet worden, doch wenn Schottland nun für die Unabhängigkeit votiert, könnte auf der Nachbarinsel die de facto unterlegene katholische Fraktion der Nordiren massiv auf eine Wiedervereinigung mit der Republik Irland drängen. Gegen Wales haben die Nordiren bei der Fußball-Europameisterschaft verloren – vielleicht möchten sie nun gegen England gewinnen.

Penny Lane

Das Feuer, das durch den Brexit entfacht wurde, wird so schnell nicht zu löschen sein. Niemand kann vorhersagen, wie viel an über Jahrhunderte mühsam und langsam gewachsenem Zusammenhalt im Vereinigten Königreich es verzehren wird. Schon jetzt ist indes die Prognose, dass England an Wirtschaftskraft massiv verlieren wird, kein Orakelspruch mehr, sondern eine vorhersehbare Tatsache. Und darunter werden zuallererst diejenigen leiden, die mit großer Mehrheit den Brexit gewählt haben: die Ärmeren und schlechter Qualifizierten, die in ländlichem Umfeld und im Norden Englands wohnen. Wenn in den Midlands wieder mit Holz geheizt werden muss, wenn in kalten Wintern dort wieder Menschen erfrieren, wenn die Automobilhersteller – zuerst übrigens die Japaner! – ihre Werke rund um Liverpool, Manchester und Birmingham stillgelegt haben, dann werden diese Menschen am eigenen Leib spüren, was die Wirkungen des Brexit sind.

Und dann wird es zu spät sein. Oder, wie Paul McCartney formulierte: „And in the end, the love you get is equal to the love you give.” John Lennon vereinfachte diesen Gedanken übrigens auf dem Album Abbey Road: „And in the end, the love you take is equal to the love you make.” Wie auch immer – der Titel dieses Beatles-Songs lautet: „The End”. Womit irgendwie vorläufig alles gesagt ist.

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