Vom Geist, den Erdogan beschwor

Sebastian Sigler7.06.2016Außenpolitik, Europa, Innenpolitik

Die Armenien-Resolution des Deutschen Bundestages warf ein Schlaglicht. Der türkische Botschafter wurde aus Berlin zurückbeordert, der deutsche Botschafter in Ankara einbestellt. Wutschäumende Reden im vorderasiatischen Land unter dem Halbmond, deutsche Politiker bekommen Morddrohungen. Doch das war nur eine Momentaufnahme. In der Türkei herrscht weiterhin Terror. Zwei Seiten derselben Medaille?

Bombenanschläge in der Türkei. Schon wieder. Diesmal traf es eine Busstation mitten in Istanbul, wieder nur einen guten Kilomter entfernt von der Blauen Moschee, und eine Polizeistation im Südosten Anatoliens, in Midyat. Wahrscheinlich wird nicht einmal Reccep Tayyip Erdogan die Schuld an diesen neuerlichen Terrorakten den elf Bundestagabgeordneten geben, die vor wenigen Tagen der Resolution des Deutschen Parlaments zustimmten, den Völkermord an den Armeniern auch als solchen zu bezeichnen. Aber sicher ist dies nicht. Denn für Erdogan sind deutsche Volksvertreter der „verlängerte Arm der PKK-Terroristen“, die auch hier verdächtig sind. Erdogan wähnt sich offensichtlich in einem Krieg. Aber in welchem Krieg?

Aus deutschem Blickwinkel

Insbesondere der neuerliche Bombenanschlag in Istanbul ist eine Tragödie – aber betrachten wir die Sache doch zur Gänze und mit etwa mehr Abstand. Erdogan forderte jüngst also für die elf Mitglieder des Bundestages, die türkische Wurzeln haben, einen Bluttest: Er will beweisen, dass sie nicht „türkischen Blutes“ sind. Kann nur Türke sein, wer rein türkische Vorfahren hatte? Ein fataler Verdacht keimt. Auch Bewerber bei der SS, die Karriere machen wollten, mussten ihr „Geblüt“ nachweisen, mussten eine lange Reihe rein arischer Vorfahren vorlegen: „großer Ariernachweis“ hieß das im Dritten Reich. Doch hat das wirklich etwas mit Erdogan und seiner Denkweise zu tun? Nun ja, er hält das Blut derer, die er untersuchen lassen will, für „verdorben“ – meint er damit: „entartet“?

Beleuchten wir den Grund, den Erdogan für seinen Bluttest-Vorstoß nennt, verschlimmert sich der Verdacht. Die elf deutschen Volksvertreter mit türkischen Wurzeln nannte einen „verlängerten Arm der PKK-Terroristen“. Das doch wohl allein deswegen, weil sie sich gegen ihn stellen. Und diese Mentalität, nach der jeder ein Feind ist, der nicht ausdrücklich für den Sultan ist, hat eine gewisse Parallele im Denken der Nationalsozialisten. Konkret, in der heutigen Türkei, könnte sie ihren Grund in der Geschichte Kleinasiens haben. Die Turkvölker, allen voran die Selcuken, die etwa im 11. Jahrhundert nach und nach ganz Anatolien unter ihre Kontrolle brachten und schließlich auch Ost-Rom, also Konstantinopel, eroberten, sie stammen aus Zentralasien. Die Kurden hingegen sitzen schon seit Jahrtausenden in ihren heutigen Gebieten, bei den Armeniern war es ebenso – bis sie dem türkischen Völkermord zum Opfer fielen.

Die kulturelle Identität Kleinasiens

Erstaunlicherweise benehmen sich die Türken wie Ursupatoren im eigenen Lande – mit jedem Erdogan-Vorstoß wird klarer, warum. Es geht ganz offenkundig um Identität. Die Kulturschätze, die im ganzen Reich Erdogans vorgezeigt werden, sind nur zu geringen Prozentsätzen von Türken erschaffen. Im Westen haben die Pontos-Griechen erstrangige Denkmäler der Menschheitsgeschichte hinterlassen, angefangen von Ephesos. Drei von sieben der antiken Weltwunder standen in Kleinasien – so viele wie sonst nirgends in einer Weltgegend. Und wer eine Kunstreise durch Mittelanatolien macht, der staunt über tausende und abertausende Mosaiken und Ornamente, die in ihrer großen Mehrzahl von christlichen Baumeistern und Künstlern stammen. Im Osten des heutigen Anatoliens stehen schließlich Hunderte von alten Ruinen – Kirchenruinen. Denn dies ist das westliche Armenien, das erst vor rund 100 Jahren durch einen Genozid entvölkert wurde.

Deutschland solle Rechenschaft ablegen über den Holocaust, fordert Erdogan. Nun, in Deutschland geschieht das. Aber Erdogan kann es offenbar nicht erkennen. Wie auch? Wie man mit einer Jahrhundertschuld verantwortungsvoll umgeht, scheint er am wenigsten zu wissen, wie sein Umgang mit dem Völkermord an der Armeniern eindrucksvoll nahelegt. Oder, um es mit einem Sprichwort zu sagen: wer mit einem Finger auf das Gegenüber zeigt, zeigt mit mindestens drei der anderen Finger derselben Hand – auf sich selbst.

Lernen vom NS-Ariernachweis?

Es ist ein Versuch: denken in den Kategorien des Bluttests. Ein solcher Test, in Anatolien durchgeführt, würde wahrscheinlich belegen, dass geschätzte zwei Drittel der türkischen Bevölkerung teils armenischen und griechischen Ursprunges sind – die vielen, in früheren Jahrhunderten geraubten und zwangsislamisierten Frauen würden durch das Blut wieder präsent. Und auch einige der vielen jungen christlichen Männer, die geraubt und unter Zwang zu Moslems gemacht wurden – sofern sie nicht kastriert wurden und als Haremswächter ihr Dasein fristen mussten.

Es handelt sich bei letzterem Phänomen um die Knabenlese, auch „Knabenzins“ genannt, osmanisch دوشيرمه Devşirme, von devşirmek دوشيرمك, was „pflücken“ oder „sammeln“ bedeutet. So wird das System der im Osmanischen Reich seit dem späten 14. bis ins frühe 18. Jahrhundert praktizierte Zwangsislamisierung christlicher junger Männer genannt. Diese Zwangskonvertiten konnten in ihren späteren Jahren dann sogar Karriere am Sultanshof machen. Und wer weiß, vielleicht steckt auch in Reccep Tayyib Erdogan zur einen Hälfte ein zwangsislamisierter Pontos-Grieche und zur zweiten Hälfte ein Armenier, dem man einst Gewalt antat. Das jedenfalls würde seinen Ruf nach dem Bluttest aus psychologischer Sicht perfekt erklären.

Zwangsmission, Welteroberung – und der Preis dafür

Doch warum dies alles? Warum reagiert der türkische Machthaber, offenkundig gestützt von breiten Bevölkerungsschichten, derart aggressiv, das es große Mühe macht, nicht das Wort „Rassismus“ in den Mund zu nehmen? Allein die Tatsache, dass sich eine Kultur der alleinseligmachenden Offenbarung des Korans entgegenstellt, ist für sich genommen bereits eine Beleidigung. Wenn Griechen, Armenier und Aramäer einst das Angebot, fast – fast! – freiwillig Moslems zu werden, ausschlugen, wurden sie allein schon deswegen als Feinde der Hohen Pforte wahrgenommen. Feinde der 1453 zwangsislamisierten Stadt Konstantinopel, die dann Istanbul genannt wurde. Und ein Feind muss heute auch sein, wer den Völkermord als das benennt, was er ist. Und eben nicht das „Angebot“ annimt, sich der unumkehrbaren Notwendigkeit der Islamisierung zu beugen, die letztlich die ganze Welt erfassen soll. Deswegen gilt dieses Freund-Feind-Denken logischerweise auch für Abgeordnete des Deutschen Bundestages.

Es führt kein Weg daran vorbei, in Istanbul wie anderswo: der Koran befiehlt seinen Gläubigen die Eroberung der Welt mit den Mitteln des Schwertes und der List, und die Aggression macht vor Schlafzimmern und Kinderbetten nicht halt. Und kein Gesetz der Liebe – wie in der Bibel zu finden – relativiert dies. Hier liegt der fundamentale Unterschied der Religionen. Mit türkischem Geld, hier nicht zu vergessen übrigens die Milliarden aus Saudi-Arabien, wird schließlich im 21. Jahrhundert die Zwangsislamisierung der ganzen Welt betrieben.

Reccep Tayyip Erdogan weiß recht gut, von welchem Herrscher er am meisten lernen kann, wenn er maßlose Eroberungspläne hat. Er weiß, dass derartige Kriege ihren Preis haben. Und dass stille Mitwisser zur Durchführung unerlässlich sind. Exakt deswegen trifft ihn das Armenien-Votum aus Berlin so sehr. Vielleicht so sehr wie die verheerenden Bomben in Istanbul, Ankara und im Kurdengebiet Südostanatoliens.

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