VÖLKERMORD

Sebastian Sigler1.06.2016Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Der Autor dieser Zeilen muss sich dafür beschimpfen lassen, dass er sich objektiv der Sache eines Volkes annimmt, das abgeschlachtet wurde, weil es christlich ist, weil es sich nicht dem totalen Anspruch des Korans und nicht dem jungtürkischen Regime im Osmanischen Reich beugen wollte. Die Nachkommen der Täter müssen sehr unruhig schlafen – der Völkermord, den sie leugnen: er muss sie sehr quälen.

Morgen wird der Bundestag – wahrscheinlich – den vom jungtürkischen Regime befohlenen Völkermord, bei dem sich unzählige Menschen in Anatolien und auf dem historisch zu Armenien gehörenden Gebiet rund um den Berg Ararat mit Schuld beladen haben, endlich anerkennen. Es geht nur darum, die Opfer nicht ein zweites zu töten, indem ihr Andenken verschwiegen wird. Mehr ist nicht mehr zu tun, denn rund 1,5 Millionen Unschuldiger wurden um ihres Glaubens und ihrer Identität als Kulturvolk willen abgeschlachtet. Im Zusammenhang mit dem Völkermord an den Armeniern war in der internationalen Presse erstmals von einem „Holocaust“ die Rede – der Begriff stammt aus der Thora und bezeichnet ein עלה, also ein Brandopfer vieler, nicht zerteilter Tiere.

Höflich bitten Armenier die Bundestagsabeordneten

Zurückhaltend äußern sich am Tag vor der Abstimmung im Bundestag der Armenisch-Akademische Verein 1860 e.V., die Assembly of Armenians of Europe, Sektion Deutschland sowie die Armenian Renaissance, Sektion Deutschland: *„Wir fordern die Abgeordneten des Deutschen Bundestages auf, am Donnerstag für die Resolution über den Völkermord an den Armeniern und den anderen christlichen Völkern des osmanischen Reichs und damit für die längst überfällige Anerkennung dieses Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu stimmen. Wir bitten darum, die Opfergruppen um die kleinasiatischen Griechen zu ergänzen und unbedingt den Hinweis auf die UN-Konvention über die „Verhütung und Bestrafung des Völkermords aufzunehmen. Mit der Verabschiedung dieser Resolution erweist der Deutsche Bundestag den Opfern des Völkermords von 1915 die Ehre der Wahrheit und anerkennt die Würde derer, die damals abgeschlachtet oder in die Diaspora vertrieben wurden.*

*Wir erkennen in dieser Resolution einen wichtigen Schritt für die politische Kultur in Deutschland, das uns seit über hundert Jahren zweite Heimat geworden ist. Mit der Annahme dieses Textes wird es in Deutschland nicht mehr möglich sein, gegenüber der Türkei – und grundsätzlich darüber hinaus – eine Haltung zu vertreten, wie wir sie seit Kaiserzeiten und bis in die heutigen Tage immer wieder ertragen mussten: dass nämlich Völkermord als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele zumindest stillschweigend geduldet wird.“*

Etwas anders ist der Ton derjenigen, die sich auf die Seite der Völkermord-Leugner stellen. Auf dieser Seite ist folgender Kommentar zu einem der Armenien-Texte zu lesen: „Schon wieder ein Auftrag erfüllt. Ein Selbstjustiz wird bejubelt. (…) Hat jemand sich für die historische Dokumente interessiert? Herr Sieger sicherlich nicht. Das passt nicht in den Auftrag. Wenn man auf der Gegenseite im Krieg gegen das Land, in dem man lebt, kämpft sollteman auch davon ausgehen, daß man auch verlieren kann. Und das War der Konsequenz des Krieges und sicherlich kein Genozid.“ (Die Orthographie wurde nicht verändert.) In dieser inhaltlich wie grammatikalisch sicherlich bemerkenswerten Weise wird angegriffen, wer sich für Gerechtigkeit und Klarheit in Deutschland einsetzt.

Was die Zeitzeugen sagen

Samuel Zurlinden lebte von 1861 bis 1926, davon viele Jahre im Orient. Als liberaler Schweizer Historiker, Journalist und Schriftsteller genoss er hohes Ansehen. Zurlinden publizierte bereits 1917 eine Abhandlung über den Genozid an Christen in Anatolien, also noch während des Ersten Weltkrieges. Es handelt sich um die erste umfassende und bedeutende Darstellung des Völkermords an den Armeniern. Dies schreibt Zurlinden:

„Keinerlei Zweifel kann bestehen über den tödlichen Haß der jungtürkischen Gewalthaber gegen die Armenier und über ihren tiefinnersten Wunsch, die Gelegenheit des Weltkrieges, der die Türkei unbeaufsichtigt ließ, zu benutzen, um so oder anders mit den Armeniern aufzuräumen. Denn schon vor dem Weltkrieg bestand jene haßerfüllte, tödliche Absicht und die Begier, sie im ersten günstigen Moment zur Ausführung zu bringen. Eine Hemmung bereiteten auch nicht etwa moralische Bedenken (…) Es wird natürlich erst einer späteren Forschung möglich sein, eine umfassendere Darstellung dieser schauerlichsten Periode der Menschheitsgeschichte zu geben, als welche wir unsre Zeit mit ihrem Weltkrieg und Völkermord im buchstäblichsten brutalsten Sinne des Wortes bezeichnen müssen. Für unsre ‚vorläufige Orientierung’ müssen wir uns mit den Tatsachen begnügen, die wir bis heute haben in Erfahrung bringen können und nach den Regeln einer gewissenhaften Historiographie als bereits unbestreitbar feststehend betrachten dürfen und müssen.“

„Treten wir mit diesen leitenden Ideen an die Summe der heute schon als historisch beglaubigt anzusprechenden Tatsachen heran, so heben sich daraus deutlich vier verschiedene Stadien des von der jungtürkischen Regierung ins Werk gesetzten Vernichtungsplanes gegen die Armenier hervor. Es sind dies erstens: die Entwaffnung und sukzessive Tötung der armenischen Kontingente der türkischen Armee; zweitens: die Verhaftung, Deportierung und Tötung der Notabeln und geistigen Führer des armenischen Volkes; drittens: die Entwaffnung der armenischen Zivilbevölkerung und gleichzeitige Organisation und Bewaffnung der zu ihrer Abschlachtung bestimmten Kurden und Verbrecherbanden; viertens: die Deportation der gesamten, des Schutzes der wehrkräftigen Mannschaft und der geistigen Führer beraubten, vollständig wehrlos gemachten armenischen Zivilbevölkerung, mit der Absicht ihrer Vernichtung, teils durch sofortiges Massacre nach Verlassen ihrer Wohnstätten, teils durch die Leiden und Strapazen des Transportes, sowie durch die Existenzunmöglichkeit an den ihr angewiesenen Bestimmungsorten.“

„Die zeitliche Aufeinanderfolge dieser vier verschiedenen Stadien ist nicht in dem strengen Sinne zu verstehen, daß man sagen könnte, von diesem bis zu diesem Tage geht das erste, das zweite Stadium usw., vielmehr greifen die einzelnen Aktionen, die wir nach dem obigen Schema unterscheiden, häufig ineinander über oder gehen nebeneinander her. Man ist in der einen Landesgegend schon bei der Deportation und Massakrierung angelangt, während die andere erst die Entwaffnung und Folterung durchzumachen hat. Es gab Städte und Dörfer, in denen die armenische Bevölkerung voll Mitleid ihren, in bejammernswertem Zustand durchziehenden Stammesgenossen Hilfe und Unterstützung bot, ohne zu ahnen, daß in Konstantinopel schon Tag und Stunde festgesetzt war, da auch sie an die Reihe kommen und in das gleiche Elend hinausgestoßen werden sollten. Andererseits setzte die „Aushebung für den Kriegsdienst“ und nachfolgende Tötung der Männer über die ganze hier in Betracht fallende Periode von etwa 1 ½ Jahren neben den schon in voller Ausführung begriffenen Deportationen sich fort. Im großen und ganzen aber wird man dem Verfahren der jungtürkischen Regierung gegen die Armenier das hier aufgestellte Schema zugrunde legen dürfen. So ist es gemacht worden. Mit dieser feigen und gemeinen Brutalität, die den Militarismus – und nicht nur den türkischen – auszeichnet, hat man das armenische Volk zuerst wehrlos gemacht und dann massakriert.“

„Der durch die Proklamierung des ‚Heiligen Krieges’ entfesselte Religionsfanatismus der Moslem hat in unsern Tagen eine Christenverfolgung hervorgebracht, welche alle ähnlichen Perioden der Weltgeschichte tief in den Schatten stellt. Daß man vor allem das Christentum und die Christen treffen wollte, beweist schon die lange Liste von Namen armenischer Bischöfe und Metropoliten, welche eingekerkert, gefoltert, ausgewiesen, gehängt, lebendig verbrannt oder ertränkt wurden, zum Teil ehrwürdige Greise bis zu neunzig Jahren, welche auch der größte Lügen-Virtuose der deutsch-türkischen Propaganda … la Bratter nicht als einer Verschwörung fähig und schuldig erklären würde. Es beweist dies der Hohn der mohammedanischen Henkersknechte, welche Jesus lästerten und ihre röchelnden Opfer fragten, ob ihr Prophet ihnen nun helfen könne. Dafür sprechen auch die Schändungen der christlichen Kirchen, von denen die Kreuze heruntergerissen wurden, die man plünderte, verunreinigte oder als Markthallen und Läden zum Verkaufen der Effekten der getöteten Verbannten verwendete.“

„In manchen Städten und Dörfern wurden die christlichen Kirchen sofort in Moscheen umgewandelt (in Erzerum auch die katholische Kirche); in Gürün hörte noch während des Auszugs der Deportation die dem Tode geweihte Schar, wie die Mollahs von den Dächern der christlichen Kirchen zum Gebet der Gläubigen riefen. In Erzingian machte man aus der armenisch-gregorianischen Kirche einen öffentlichen Abort. In Tarmeh, zwischen Samsun und Unjeh, wurde nach der Verwandlung der Kirche in eine Moschee dem armenischen Priester zum Spott ein Turban umgewickelt. Alsdann mußte er den Namas machen (das muhammedanische Gebet) und den muhammedanischen Gottesdienst halten. (…) Die Frage, ob ein Armenier „schuldig“ oder „unschuldig“ ist, ob man ihn eines Verbrechens gegen den Staat für verdächtig hält oder nicht, ob er durch ordentliche Gerichte einer Schuld überführt ist oder nicht, existiert für das Bewußtsein eines Mohammedaners, da es sich um Christen handelt, nicht, wenn man ihn aus Gründen der Staatsraison beseitigen will. Dem Einwande, daß mit wenigen Schuldigen eine ungeheure Masse Unschuldiger mitbestraft und umgebracht werden, begegnete ein türkischer Offizier mit der Bemerkung: Dieselbe Frage richtete jemand an unsern Propheten Mohammed – Gottes Friede über Ihn! – und er erwiderte: „Wenn du von einem Floh gebissen wirst, tötest du nicht alle?“

„In Trapezunt am Schwarzen Meer, wo der italienische Generalkonsul G. Gorrini und der amerikanische Konsul Oskar S. Heizer, sowie viele andere Zeugen (auch eine Schweizerin) die Vorgänge beobachteten, wurde schon am 25. Juni 1915 der mohammedanischen Bevölkerung verboten, den Armeniern das geringste zu verkaufen oder ihnen etwas abzukaufen. Am Samstag, den 26. Juni, wurde der Befehl angeschlagen, daß die ganze armenische Bevölkerung deportiert werden solle. Donnerstag, den 1. Juli, wurden alle Straßen von Gendarmen mit aufgepflanztem Bajonett bewacht, und das Werk der Austreibung der Armenier aus ihren Häusern begann. Gruppen von Männern, Frauen und Kindern mit Lasten und Bündeln auf dem Rücken wurden in einer kleinen Querstraße in der Nähe des Konsulats gesammelt und, sobald etwa hundert zusammengekommen waren, wurden sie von Gendarmen mit aufgepflanztem Bajonett am amerikanischen Konsulat vorüber in Hitze und Staub auf der Straße nach Erzerum hingetrieben. Außerhalb der Stadt ließ man sie halten, bis etwa 2000 beisammen waren; dann schickte man sie weiter. Drei solcher Gruppen, zusammen etwa 6000, wurden während der ersten drei Tage verschickt und kleinere Gruppen aus Trapezunt und der Umgebung, die später deportiert wurden, beliefen sich auf weitere 4.000. Das Weinen und Klagen der Frauen und Kinder war herzzerreißend.“

„Einen Teil der Männer hatte man schon gruppenweise in Schiffe verladen und an eine einsame Stelle am Ufer etwa zwei Stunden vor der Stadt verbracht, wo Gendarmen sie erwarteten und töteten. Auch zahlreiche Frauen wurden schon in Trapezunt selbst getötet und ins Meer geworfen, nachdem die Offiziere und Gendarmen sie mißbraucht hatten. Auf die Anregung des griechischen Erzbischofs hatte sich ein Komitee gebildet zur Unterbringung der Armenierkinder in Waisenhäusern und Schulen, und der Wali selbst hatte das Präsidium dieser Kommission übernommen; der amerikanische Konsul errichtete ein Asyl für kleine Kinder. Es war jedoch nicht möglich, die armen Kleinen zu retten; der Führer der Ittihadisten (jungtürkisches Komitee) in Trapezunt, Nail Bey, intervenierte beim Wali und erwirkte, daß die Kinder entfernt wurden. Man lud sie in Boote, fuhr mit ihnen aufs Meer hinaus. Dort wurden sie erstochen, in Säcke gesteckt und ins Meer geworfen. Ein hochgestellter Türke sagte einem Griechen, daß in Trapezunt etwa 800 Kinder ertränkt oder sonst umgebracht worden seien. Ein Offizier stellte eine Kinderschar in Reih und Glied auf und schoß sie eigenhändig mit dem Revolver nieder. Die hübschen älteren Mädchen wurden in Harems verteilt. Zwei Töchter aus reicher vornehmer Familie, deren Eltern man vor ihren Augen getötet hatte, wurden vergewaltigt und waren dem Wahnsinne nahe. Ein Mitglied des Komitees für ‚Einheit und Fortschritt’ hatte zehn der schönsten Mädchen in einem Haus zurückbehalten zu seinem und seiner Freunde Gebrauch. Noch tagelang wurden am sandigen Strand unterhalb der Mauer des italienischen Klosters Leichen von Frauen und Kindern angeschwemmt und von griechischen Frauen an Ort und Stelle begraben.“

Nicht auf die Anklagebank

Soweit der Historiker und Zeitzeuge Samuel Zurlinden. Niemand, so ist es glaubwürdig aus Berlin zu hören, soll im Jahre 2016, 101 Jahre nach der Aghet, wegen des Völkermordes an den Armeniern, an den Aramäern und an den Pontos-Griechen auf eine Anklagebank – auf welche auch immer. Es soll aber der Opfer gedacht werden. Und es soll gesagt werden, was die Wahrheit ist: Es war Völkermord.

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