Es gibt kein Ende der Geschichte

Sebastian Sigler21.05.2016Außenpolitik, Europa

Francis Fukuyama landete einst einen gewaltigen PR-Gag mit einer These. 1992, nach dem Fall des Eisernen Vorhanges, rief er das „Ende der Geschichte“ aus. Das bisher aber nicht eingetreten ist. Heute sieht er zwei Narrative konkurrieren – eines, das nationalistisch ist und eines, das religiös-fundamentalistisch ist, vor allem in der aktuellen Flüchtlingskrise. Das ist wieder so eine These.

Als der vielgefragte Poltikwissenschaftler Francis Fukuyama vor einigen Wochen nach Deutschlands kam, hatte er nach eigenem Bekunden die Vision, dass es „einen gut ausgearbeiteten Plan gäbe, diese Krise auf einem lokalen Level zu bewältigen“. Wäre Herr Fukuyama noch ein wenig länger in Deutschland geblieben oder vielleicht auch etwas öfter mal aufgetaucht, wäre ihm vielleicht aufgefallen, dass es sich bei der aktuellen Flüchtlingskrise um eine komplexe Situation handelt, in der die nackte Not der Menschen eine Grundlage bildet, auf der handfeste politisch-religiöse Interessen ausgespielt werden.

Die Not der Flüchtlinge ist dabei latent, sie kann deswegen für konkrete Zielsetzungen punktuell und kurzfristig genutzt werden. Das ist am östlichen Rand Europas natürlich nicht verborgen geblieben. Vor allem der türkische Machthabe Recep Tayyib Erdogan nutzt die Not der Menschen für seine Interessen. Jüngst erst drohte er ganz offen damit, dass er „die Flüchtlinge losschicken“ wolle, wenn ihm die EU nicht sein derzeit wichtigstes politisches Ziel erfülle: die Visafreiheit für türkische Staatsbürger bei Reisen in die EU. Warum ist diese Visafreiheit so enorm wichtig? Das bleibt unklar. Für die Flüchtlinge – und für die mit ihnen reisenden, zahlreichen Wirtschaftsmigranten auch! – kann indes gesagt werden: Hier werden Menschen als Waffe genutzt, zumindest als Erpressungspotential. Wie aber sollte ein Masterplan in solch einer Lage aussehen? Hier geht es nicht um einen Wettstreit zwischen Narrativen, Herr Fukuyama!

Der Politologe aus Washington D.C. sieht weder Russland noch die Türkei als Teil der europäischen Idee. Das ist sicher zutreffend. Europa hat historisch gewachsene Grenzen, die aber keine Abgrenzung mehr waren und nicht wieder werden sollen. Das ist eine wichtige Frucht der Geschichte, und der Siemens-Chef Joe Kaeser ist hier zu zitieren: „Europa ist noch lange nicht auserzählt!“ Wie wahr! Die Geschichte kennt kein Ende. Weder in Europa noch sonst irgendwo.

Offenbar ganz bei Angela Merkel ist Francis Fukuyma, wenn er anmerkt, dass es keinen Weg gäbe, den Flüchtlingsstrom aus dem Euphrat-Tal, den levantinischen Küstengebieten, dem Osten Anatoliens und dem Hindukusch-Gebiet zu stoppen. Vielleicht hat er jedoch seine Rechnung ohne die Bürger Österreichs und die Grenzwächter in Mazedonien gemacht. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob der Flüchtlingsstrom nicht doch gestoppt werden kann. Eine Prognose zum jetzigen Zeitpunkt ist vor allem eines: mutig. Denn die Balkanroute wurde maßgeblich von einem Sozialdemokraten aus Wien gestoppt vorerst, und nicht etwa von einem Populisten – wobei noch klar zu definieren wäre, was denn in der aktuellen Lage ein Populist überhaupt ist.

„Europa“ ist ein gewaltiges Narrativ

Eine eigene Geschichte und eine klare Identität zeichnen Europa aus. Diese Identität basiert einerseits auf dem Prozess der Verchristlichung des römischen Kaisertums, andererseits auf Einzelereignissen wie der Taufe des Frankenkönigs Chlodwigs I. im Jahre 495 nach Christus durch den heiligen Remigius und der Kaiserkrönung Karl des Großen am Weihnachtstag des Jahres 800 nach Christus durch Papst Leo III. Eine große Zuwanderungsbewegung muslimischer Menschen ist trotzdem möglich und muss in einem Kontinent dieser Größe auch möglich sein. Aber es gibt Bedingungen dafür, Spielregeln. Diese Regeln wurzeln in den Grundlagen, die seit der Antike bestehen. Am besten auf den Punkt gebracht hat dies Theodor Heuß: „Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man muß sie als Einheit sehen.“

Die geistigen Grundlagen Europas sind seit der Antike gelegt, und auf ihnen wird seit über 1.500 Jahren kontinuierlich aufgebaut. Daher steht das Narrativ „Europa“ auch nicht in Konkurrenz zu anderen Überlieferungen. Gut muss unterschieden werden, was nun, angesichts neuer Herausforderungen – und Zuwanderer sind eine Herausforderung – als völlig erklärlicher Wunsch zu werten ist, die bestehende Tradition des europäischen Kontinents weiterzutragen. Oder was dagegen vielleicht eine Überreaktion in nationalistischer Richtung sein könnte. Populistische Bewegungen sind, für sich genommen, keine Gefahr. Jedenfalls nicht in diesen Jahren, nicht in Europa. Zu gefährlichen Narrativen könnte es hierzulande allenfalls in der Reaktion auf ein anderes gefährliches Narrativ kommen. Zum Beispiel auf eines, das keine religiöse Toleranz oder keine Frauenrechte kennt.

Populismus hat vor allem eines: eine Ursache

Es gilt zuerst, zu verhindern, dass ein gefährliches Narrativ von außen kommt, damit im Innern Europas nicht in der Reaktion darauf Nationalismus und Abgrenzung wachsen. Wenn nun den Europäern durch Fukuyama unterstellt wird, sie hätten „einen kontroversen Track Record, wenn es darum geht, Muslime in die politischen Systeme zu integrieren“, dann ist das nur ein kleiner Ausschnitt aus einem viel größeren, viel komplexeren Bild. Der Politiologe sollte vielleicht nochmals nach Europa kommen und sein Bild ein wenig vervollständigen. Bei seinem Irrtum vom „Ende der Geschichte“ ist er ja schließlich auch nicht geblieben.

Wäre es sinnvoll gewesen, den syrischen Machthaber Baschar al-Assad im Jahre 2011 zum Teufel zu jagen? Francis Fukuyama glaubt das. In Verbindung mit einer klaren Strategie des US-Präsidenten Barack Obama hätte dies, so glaubt er, die Lage in Syrien verbessert. Auch hier ist er wieder, der Irrtum vom Wettstreit gleichberechtigter Narrative. Vor allem war der Krieg in Syrien eine äußerst radikale, sunnitisch-islamische Eroberungsbewegung, direkt inspiriert von der Verbreitungsgeschichte des Islam ab dem 7. Jahrhundert – einer Geschichte, die im übrigen die Bezeichnung „Narrativ“ mehr als verdient hat. Dem steht ein Potentat gegenüber, der sein Land in einer wohlerwogenen, ausbalancierten, wenn auch stark autoritären Koalition verschiedener Interessengruppen stabil geführt hatte. Einer Koalition, der im übrigen auch die Christen in Syrien angehört haben, die nun zu Zentausenden den Märtyrertod gestorben sind. In Syrien haben, wie in Europa, eben keine Narrative konkurriert und sie tun es nicht, denn natürlich ist Baschar al-Assad nicht als „Nationalist“ und als „Populist“ zu bezeichnen. Nein, keines dieser Etiketten träfe zu.

Doch noch ein Ende der Geschichte

In einem hat Francis Fukuyama indes doch völlig Recht. Irgendwann wird die Geschichte ein Ende haben. Wenn die Sonne zum Roten Riesen mutiert, den Merkur und dann die Venus verschlingt und dann auch vor der Erde nicht haltmacht. In etwas fünf Milliarden Jahren könnte das der Fall sein. Und dann wird sie tatsächlich ihr Ende gefunden haben, die Geschichte der Menschen auf der Erde.

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