Völkermord an den Armeniern: Türkei droht dem Deutschen Bundestag

Sebastian Sigler5.05.2016Außenpolitik, Europa, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Am 24. April 1915 begann ein grauenerregender Genozid. Verübt haben dieses Jahrhundert-Verbrechen die radikal-sunnitischen Anhänger des Jungtürken-Regimes am ältesten christlichen Volk der Welt, an den Armeniern. Ankara leugnet beharrlich und droht demokratisch gewählten Parlamentariern – nun auch in Deutschland.

23. April 2015, der Vorabend, 100 Jahre nach dem Beginn des unfassbaren Mordens. Ein Gänsehaut-Moment. Der große Berliner Dom – bis auf den letzten Platz gefüllt. Fast unüberschaubar viele Vertreter unterschiedlichster christlicher Kirchen, mehrere hundert Politiker, zivile und staatliche Würdenträger, Vertreter von Hilfsorganisationen, Mitglieder kirchlicher Orden – und ganz vorne eine große Delegation armenischer Bischöfe und Erzpriester. Bundespräsident Joachim Gauck spricht, und atemlos warten alle im weiten Rund unter der großen Kuppel. Warten auf ein Wort. Auf ein einziges Wort.

Gauck formuliert klar und präzise. Er spricht von einer „genozidalen Dynamik, der das armenische Volk zum Opfer fiel“. Dann führt er aus, im Nordosten des Osmanischen Reiches hätten „geplanten und systematischen Mordaktionen“ von Türken an den Armeniern stattgefunden. Eine kleine Pause. Und dann sagt der Bundespräsident das Wort, auf das – aus seinem Mund! – alle gewartet haben: „Es war Völkermord!“

Völkermord!

Wie eine Welle ging es durch die Versammelten, hundert Jahre danach. Ein Loslösen, eine Entspannung, weil endlich offiziell eingestanden war, was längst schon jeder fühlte. Völkermord. Tränen auf vielen, vielen Gesichtern. Die Wahrheit war angekommen – nun auch in dem Land, dessen im Osmanischen Reich dort stationierte Offiziere sich vor einem Jahrhundert auf beschämende Weise mitschuldig gemacht haben an sadistischen und blutrünstigen Vertreibungen, die Männer und Frauen um ihres christlichen Glaubens willen trafen. An den bestialischen Märschen in die Wüste, wo zigtausende und wieder zigtausende Frauen und Kinder, kleine Kinder, Säuglinge unter der mitleidlosen Sonne kauern und schließlich liegend warten mussten, bis sie elendiglich verdursteten. Das namenlose Elend dabei bewacht von türkischen Posten mit Gewehren, die nicht nur einen Schießbefehl hatten, sondern auch gerne schossen. Der Völkermord an den Armeniern – eine entsetzliche Narbe auf dem Antlitz der Menschheit.

Die Jungtürken, die die nicht endenwollenden Massaker im Namen Allahs an Christen verübten, waren Wiederholungstäter. Bereits 1894 hatte es in Armenien und Nordostanatolien, aber auch in Istanbul Hinrichtungen und Massenmorde gegeben, denen zehntausende Armenier, Aramäer und Pontos-Griechen zum Opfer fielen.

Die Türkei, Nachfolgerin des Osmanischen Reiches, will nun mit Macht verhindern, dass der Deutsche Bundestag ein Jahr nach dem Wort des Bundespräsidenten, 101 Jahre nach dem Beginn des Genozids, die sadistische und kaltblütige Vertreibung und Vernichtung eines ganzen Kulturvolkes, das sich der totalen Herrschaft des Korans und der Scharia nicht unterwerfen wollte, als Völkermord verurteilt. „Es ist nicht Aufgabe der nationalen Parlamente, über die Geschichte zu urteilen“, sagte der türkische Botschafter in Deutschland, Hüseyin Avni Karslioglu, der Rheinischen Post. Die Bezeichnung Genozid sei ein durch die Genfer Konvention definierter Rechtsbegriff, über den nur ein internationales Gericht entscheiden könne.

Türkischer Botschafter droht dem Bundestag

Nicht genug damit, dass der türkische Botschafter einem frei gewählten Parlament eines ihm offenkundig fremden Landes zentrale Rechte absprechen möchte. Karslioglu droht dem deutschen Parlament zudem fast unverhohlen. Diplomatisch verbrämt, doch in der Sache völlig klar, nimmt er das heutige Armenien als Geisel. Es sei „fragwürdig, wie der Bundestag mit einer Entschließung, in der diese Ereignisse als Völkermord bezeichnet werden, zur Normalisierung der Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien beitragen“ könne.

Und der Vertreter Erdogans in Berlin setzte einen listigen Vorschlag hinzu, Er verweist auf den Vorschlag seiner Regierung, eine gemeinsame Historikerkommission einzurichten. Womit er natürlich Berlin als mitschuldig in das damalige Geschehen hineinzuziehen versucht. Es ist aber ein gewaltiger Unterschied, ob einige Offiziere und ein Militärattaché in einem verbündeten Land während eines Krieg einen laufenden Völkermord unterstützen. Oder ob eine Regierung beschließt, über anderthalb Millionen Menschen, die per Gesetz ihrem Schutz unterstellt sind, bestialisch und aus Gründen des Glaubens – also rassistisch – zu ermorden. Was Erdogan seinen Gesandten auch vorschlagen lässt: die Wahrheit wird er nicht verändern können.

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.

Zwischen 1915 und 1918 wurden im damaligen Osmanischen Reich bis zu 1,5 Millionen Armenier, Aramäer, Assyrer und Pontos-Griechen vertrieben und getötet. Ursprünglich stand bereits im vergangenen Jahr der Antrag, im Bundestag eine Resolution zu diesem Menschheitsverbrechen, wie es nur wenige gab, zu verabschieden. Die Regierungskoalition aus Union und SPD brachte den bereits formulierten Entwurf mit Rücksicht auf die Türkei aber nicht zur Abstimmung. Am 2. Juni soll es nun geschehen, und an vorderster Front haben sich Politiker der Grünen dafür eingesetzt: Das Land, das die Verantwortung für den Holocaust trägt und diese auch wahrnimmt, soll nun endlich offiziell auch den Armeniern zubilligen, was vor aller Augen offen zutageliegt: dass das älteste christliche Volk, dessen rechtmäßiges Land rund um den Berg Ararat liegt, Opfer eines Völkermordes wurde, dass das christliche Armenien völlig ausgelöscht werden sollte.

Es wird wahrlich Zeit für diesen Schritt. Ein Volk, das den Völkermord eines christlichen Brudervolkes nicht bekennt, wird auch eigene Schuld kaum je bewältigen können. Der Präsident des Bundestages, Norbert Lammert, hat dies klar erkannt. Er hat, schon vor Bundesprääsidtent Joachim Gauck, glasklar und eindeutig vom „Völkermord an den Armeniern“ gesprochen. Nun müssen die Abgeordneten des deutschen Volkes entscheiden, ob sie der Wahrheit ins Auge zu blicken in der Lage sind. Oder ob sie vor langen Arm des autokratischen, totalitären Regimes eines Recep Tayyib Erdogan die Knie beugen.

Von Ingeborg Bachmann stammt das Wort: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Es ist klar, unmittelbar, unmissverständlich und vor allem moralisch unwiderlegbar. Am 2. Juni, in Berlin, werden die Vertreter des deutschen Volkes zu dieser ethischen Grundsatzfrage allgemeingültig Stellung beziehen müssen. Kaum ein Thema wäre dazu geeigneter als die Anerkennung – endlich! – des Völkermordes an den Armeniern.

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