Türkische Machthaber leugnen Völkermord an den Armeniern – immer noch!

Sebastian Sigler26.04.2016Außenpolitik, Europa

Es war ein grauenvoller Genozid. Das Jungtürken-Regime im Osmanischen Reich ließ über 1,5 Millionen Armenier und Armaäer bestialisch umbringen; auch deutsche Offiziere haben sich damals, 1915 bis 1917, mitschuldig gemacht. Hitler nahm diesen Genozid zum Vorbild für seine planvolle Vernichtung der Juden Europas. Offiziell wird der Völkermord an den Armeniern in der Türkei bis heute geleugnet.

Am 30. April um 20 Uhr wird in Dresden im Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste ein bedeutendes Konzert stattfinden: „aghet – ağıt“. Dieses Projekt thematisiert den Genozid an den Armeniern. Tags darauf, am 1. Mai um 17 Uhr, wird das von der EU geförderte Konzertprojekt abermals aufgeführt, und zwar in einer Kammerversion. Diesmal in der St. Gotthardskirche in Brandenburg an der Havel. Das Ziel von „aghet – ağıt“ ist das gemeinsame Gedenken und die Versöhnung. Durch die Zusammenarbeit von deutschen, türkischen und armenischen Musikern und Komponisten wird diese heilsame Versöhnung speziell in diesem Projekt bereits beispielhaft verwirklicht. Im kommenden November soll „aghet – ağıt“ in Belgrad, in Jerewan und in Istanbul gastieren. Dieses Konzert in Istanbul? Wirklich?

Der türkische Völkermord an den Armeniern

Es war der 24. April 1915. „Aghet“, die Katastrophe für das armenische Volk, begann mit einem Massaker an armenischen Intellektuellen. Und obwohl der heutige türkische Staat überhaupt nicht betroffen ist, leugnet die Regierung in Ankara diesen kaltblütigen und barbarischen Völkermord, der im Kontext des Ersten Weltkrieges geschah. Leugnet trotz unwiderlegbarer Quellen und Dokumentationen aus zahlreichen Archiven, die die Vernichtung des ältesten christlichen Volkes der Welt belegen.

Heute vor 100 Jahren, im April und Mai 1916, waren die meisten Armenier, die durch türkische Soldaten aus ihren Häusern in die Wüste vertrieben worden waren, schon tot. In der sengenden Sonne verdurstet, verhungert, unter Qualen an Krankheiten und Auszehrung gestorben. Über anderthalb Millionen Menschen. Viele von ihnen waren auch schon in ihren Häusern erschossen oder erschlagen worden, weil sie sich weigerten, augenblicklich zu Moslems zu werden, als es ihnen mit vorgehaltener Waffe befohlen wurde. Andere wurden lebendig begraben oder Hunden zum Fraß vorgeworfen, während sie noch lebten – und all dies einzig und allein, weil sie Christen waren, weil sie an Jesus Christus glaubten.

Mutige Musiker lassen sich die Wahrheit nicht verbieten

Die Dresdner Symphoniker haben, um an den Völkermord zu erinnern und Versöhnung zu stiften, eine Konzertreihe gestartet, die den Namen “„aghet – ağıt“”:http://www.aghet.eu/ trägt. Mit diesem Wort bezeichnen die Armenier die Vernichtung ihrer Großväter, Großmütter, Urgroßväter, Urgroßmütter – und ihrer Priester. Die EU-Kommission fördert diese als Versöhnungsprojekt angelegte Konzertreihe mit 200.000 Euro. Doch die Türkei leugnet den Völkermord nicht nur, sie möchte das Erinnern an die Schande tilgen. Mit aller Macht. Recep Tayyib Erdogan hat seinen Brüsseler Botschafter energisch protestieren lassen, er hat seine neue Rolle in Europa voll in die Waagschale geworfen. Die Ständige Vertretung der Türkei bei der Europäischen Union verlangt von der EU-Kommission nicht nur den Stopp der Förderung, sondern die komplette Einstellung des Konzertprojekts.

Eine immense Schuld, die offensichtlich auch von den Enkeln der Täter empfunden wird, möchte Ankara totschweigen. Denn eine solche Schuld muss den, der sie auf seiner Seele trägt, innerlich zerstören – es sei denn, er gesteht sie sich ein und weint all die Tränen, die seine Opfer vor 100 Jahren geweint haben. „Katharsis“ nannten die Dramatiker der griechischen Antike diesen Prozess – Reinigung. Der Zuschauer in den griechischen Theatern erfuhr diese Katharsis, und auch heutige Besucher von Theatervorstellungen, in denen Sophokles’ „König Ödipus“ oder seiner „Antigone“ gegeben werden, kennen diese Wirkung.

„Sie wollten, dass niemand davon erfährt“

Markus Rindt, der Intendant der Dresdner Symphoniker, spricht angesichts des Vorgehens der türkischen Regierung von einem „Angriff auf die Meinungsfreiheit“. Er ist verantwortlich für das Projekt “Aghet”:http://www.aghet.eu/, das im November 2015 in Berlin Premiere hatte und das auch noch in Istanbul gastieren soll, in der Türkei also. Diesen Plan hat er bislang nicht aufgegeben, und er möchte offenkundig optimistisch klingen. Doch es klingt wie das Pfeifen im Walde, wenn er sagt: „Ich glaube nicht, dass unsere Agentur einknickt.“ Die Agentur – das ist die Exekutivagentur für Bildung, Audiovisuelles und Kultur bei der EU-Kommission (EACEA). Auch wenn sie die Werbung für “Aghet”:http://www.aghet.eu/ auf Befehl aus Ankara hin eingestellt hat, steht diese Agentur hinter „aghet – ağıt“. Noch.

„Sie wollten, dass niemand davon erfährt und dass die Begriffe Genozid und Völkermord getilgt werden“, sagte Rindt. Für die Musiker namhafter europäischer Orchester sei eine solche „Entschärfung“, also die Löschung der beiden Kernbegriffe Genozid und Völkermord inakzeptabel – und eine Lüge. „Man muss beim Namen nennen, was es war. Wir können nicht drum herumreden, dass es um Völkermord geht.” Die Brüsseler EU-Kommission bestätigte indessen, dass der Text von der Website entfernt wurde. Es habe Bedenken gegeben bezüglich der Wortwahl. Und dies sei auf Verlangen der türkischen Botschaft geschehen.

Marc Sinan, Gitarrist der Dresdner Symphoniker, findet dazu deutliche Worte: „Dass die türkische Regierung nun selbst vor Einflussnahme auf die freie Meinungsäußerung in Kunst und Kultur auf europäischem Boden nicht zurückschreckt, ist ein Warnsignal. Sie verlangt einen Maulkorb für Botschaften, die ihr nicht passen und überschreitet damit eine weitere Grenze. Völlig klar ist, dass wir einer Vermeidung des Begriffes Völkermord nicht zustimmen werden. Es ist mehr als überfällig, zu einer gemeinsamen europäischen Haltung gegenüber dieser tragischen Episode der türkischen Geschichte zu kommen. Der Genozid an den Armeniern und dessen Leugnung durch die türkische Regierung strahlt in die Gegenwart aus und ebnet den Boden für die maßlose Gewalt gegenüber der kurdischen Bevölkerung. Das Appeasement durch die EU-Kommission macht Europa zum Mittäter.“ Der Komponist und Gitarrist hat sowohl deutsche als auch türkische als auch armenische Wurzeln. Er ist einer der Initiatoren von „aghet – ağıt“.

Appeasement macht die EU zum Mittäter

Das „Appeasement durch die EU-Kommission“ macht die EU also „zum Mittäter“. Zum Mittäter? Ja, und das kann auch gar nicht anders sein, denn jeder, der einen Völkermord verschweigt, wer die Opfer verhöhnt, wer gegen eine aktive Erinnerung agiert, der wird zum Mittäter – so lehrt es die Psychologie. Was das für die heutige Türkei bedeutet, muss gar nicht ausgesprochen werden. Es ist auch ohne explizite Erwähnung die Wahrheit. Zu hoffen ist nur, dass nicht die aufkommende Erinnerung an alte Verbrechen mit der Ausführung neuer Verbrechen bekämpft wird – dies wäre, in den Lehrbücher der Psychologie steht es glasklar, nur allzu wahrscheinlich.

Ja, die Hoffnung hat es schwer. Und das Einknicken vor Ankara, auch in Fällen wie „aghet – ağıt“, macht die Hoffnung noch kleiner. Die Kurdengebiete innerhalb und außerhalb der Türkei werden schwer von türkischen Bomben getroffen, bis heute. Obwohl es die Kurden sind, die als einzige regionale Kraft eigenständig Erfolge gegen die Mörderbanden des Islamischen Staates in Syrien und im Nordirak erfochten haben. Auch die rund 20 Millionen Aleviten, die in der Türkei leben, werden unterdrückt. Sie sind zwar zu zahlreich, um sie alle binnen Jahresfrist umzubringen, aber der Boden für immer neue Gewalt ist gesät – und die EU bestärkt Ankara noch. Der Grünen-Chef Cem Özdemir jedenfalls warnt, das Einknicken auch im Falle „aghet – ağıt“ werde auch andere „autoritäre Herrscher zur Nachahmung ermutigen“. Dass zuallererst Recep Tayyib Erdogan zum Weitermachen ermutigt wird, versteht sich dabei von selbst.

Weder Deutschland noch die EU dürften erpressbar sein, fordert Özdemir. Dass sie es beide längst sind, dürfte auch er wissen. Erdogan verfolgt seine Gegner und alle, die er dafür hält, nach Art der osmanischen Sultane. Und er lässt sogar in weit entfernten Ländern, bis in deren Gesellschaft seine Macht reicht, Intellektuelle wegen Majestätsbeleidigung belangen, wenn sie ein Spottgedicht auf ihn dichten und öffentlich vortragen. Jan Böhmermann weiß, was damit gemeint ist.

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