Ein sehr deutsches Unternehmen

Sebastian Sigler7.03.2016Innenpolitik, Wirtschaft

Ein deutscher DAX-Konzern feiert seinen 100. Geburtstag. Der stilisierte Propeller als Firmenzeichen ist BMW geblieben, er erinnert an die ersten Produkte: Flugzeugmotoren für Militärmaschinen. Militär, Zwangsarbeit und Aufrüstung – dafür stand BMW einst. Dass es heute trotz aller dieser Irrungen in München einen gutbeleumundeten Konzern gibt, der weltweit Autos baut, ist ein kleines Wunder.

116.000 Mitarbeitern weltweit und über 80 Milliarden Euro Jahresumsatz sprechen für sich: der Autobauer BMW gehört heute zu den großen deutschen Konzernen. Die Marke BMW steht weltweit und unangefochten für erstklassigen Automobilbau, die Bilanz weist satte Gewinne aus, die Managemententscheidungen der vergangenen Jahrzehnte tragen reiche Frucht. Vorstandschef Harald Krüger kann zu den Jubiläumsfeierlichkeiten die beiden Großaktionäre Susanne Klatten und Stefan Quandt sowie Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt begrüßen.

BMW ist heute die Nummer 1 im Segment Premiumautomobile. Deit elf Jahren ist das so. Ob das so bleibt, muss sich zeigen – ein erstes Signal war, dass Daimler bei den Januar-Zulassungen BMW knapp geschlagen hat, das kleine Zünglein an der Waage könnte dabei eine bärenstarke Vorstellung der S-Klasse aus Stuttgart sein, der BMW mit dem aktuellen „Siebener“ kaum folgen kann. BMW setzt Zukunftstechnologie dagegen – die Münchner haben, zumindest gefühlt, bei der E-Mobilität in Deutschland die Nase vorn. Die stärkste Konkurrenz ist hier Tesla.

Der erste BMW, der vier Räder hatte, lief 1928 in Eisenach vom Band und hörte auf den Namen „Dixi“. Gefertigt wurde mit britischer Lizenz, die von Austin kam. Doch das ist lange her. Knapp neun Jahrzehnte später hat BMW die britische Automobilfirma Rover aufgekauft, wieder abgestoßen und aus der Masse zwei Edelsteine zurückbehalten: Mini und Rolls Royce – ein Managementkunststück der Extraklasse. Viel ist geschehen, in der Tat, denn in den Tagen der Weimarer Republik stand BMW vor allem für den Bau von Motoren, Daimler war dagegen schon ein anerkannter Autobauer im Luxussegment.

Ein kleines Wirtschaftswunder

Dass BMW überlebte, war alles andere als selbstverständlich, denn durch den Versailler Vertrag war dem Deutschen Reich zunächst der zivile Motorflug komplett untersagt. Die Bayerischen Motorenwerke lieferten, zunächst gegen die Bestimmungen von Versailles, Flugzeugmotoren nach Russland. Wenn die Bänder damit nicht ausgelastet waren, bauten sie Motorräder. Erst nach Gründung der Lufthansa 1926 änderte sich das allmählich, und auch von der Aufrüstung ab 1933 profitierte BMW.

Von den unheilvollen Entwicklungen der deutschen Wirtschaft, die von Hitler als „Kriegswirtschaft“ ge- und missbraucht wurde, war BMW keinesfalls ausgenommen. Tausende von Zwangsarbeitern waren auf Befehl des NS-Systems, aber auch mit dem Einverständnis der damailigen Firmenleitung eingesetzt. BMW hat dieses dunkle Kapitel aufgearbeitet und auch, soweit das irgend möglich war, Wiedergutmachung geleistet. Das ist, im internationalen Vergleich gesehen, eine ganze Menge.

Nach Diktatur, Krieg und Befreiung hatten die Münchner Autobauer zunächst keinen guten Stand. Der 501, auch „Barockengel“ genannt, war Anfang der 1950er ein Hingucker, wenige Jahre später kam der fast unnachahmlich elegante 507 dazu. Im Kleinwagensegment hatte BMW die Isetta, auch „Schlaglochsuchgerät“ genannt – das automobile Gesamtkonzept war jedoch nicht rund, es fehlte eine für große Stückzahlen taugliche Modellreihe. Im Laufe der 1960er Jahre erst änderte sich dies. Herbert Quandt, der den Standort Dingolfing mitbrachte und das Unternehmen gründlich sanierte, war wohl der Retter. Unter Eberhard von Kuenheim, Vorstandschef von 1970 bis 1993, erweiterten sich Modellpalette und automobiles Gesichtsfeld – seitdem baut BMW weltweit Autos.

Der Blick in den Rückspiegel

Wo steht das Geburtstagskind an seinem Jubeltag? An der Spitze des automobilen Premiumsegments – der Blick in den Rückspiegel, wo ein Stern aus Stuttgart immer näherrückt, ist heute verboten. Der Blick nach vorn sieht auch gut genug aus: Die Digitalisierung und die Entwicklung des vernetzten und autonomen Fahrens sind angestoßen: „Nach dem technologischen Umbruch zur nachhaltigen Mobilität ist dies für uns der nächste fundamentale Wandel“, sagte Konzernchef Krüger. Und auch die Antriebe der Zukunft hat er im Blick. Wer heutzutage aufmerksam durch München fährt, sieht heute schon eine nennenswerte Zahl von i3 und i8, den beiden Elektrofahrzeugen in der BMW-Modellpalette, wobei gerade der i8 sogar noch den so hoch gerühmten Tesla-Autos aus den USA eine lange Nase macht, was technische Details und flottes Design betrifft. Lediglich beim Dieselantrieb ist BMW derzeit sehr vorsichtig, denn rund ein Drittel der ausgelieferten Fahrzeuge wird von einem Dieselmotor angetrieben. Durch den Mitbewerber aus Wolfsburg, der immer neue Schummel-Details zugeben muss, hat der Diesel insgesamt deutlich an Renomée verloren.

Was können die Anleger von dem 100 Jahre jungen Autobauer erwarten? Sicherlich weiterhin gute Zahlen, auch wenn Vorstandschef Harald Krüger im März sicherlich unter einem gewissen Druck steht, denn die Strategie der Münchner, die sie zur Nr. 1 gemacht hat, bedarf einer Fortsetzung – eine solche wurde den Aktionären aber noch nicht kommuniziert. Wenn diese Hypothek auch ein wenig zur Vorsicht mahnt, so hat BMW doch das große Plus, von keinem der großen Auto-Skandale betroffen zu sein. Für zusätzliche Stabilität sorgt, dass die Bayerischen Motorenwerke im Unterschied zu den Konkurrenten zumindest zu einer knappen Hälfte ein Familienunternehmen geblieben sind, denn auch heute besitzt 47 Prozent der Anteile die Familie Quandt.

Die Gesamtbilanz der 100 Jahre und auch die aktuelle Situation sind jedoch positiv. Wer BMW-Anteile besitzt, hat in den letzten Jahren viel Freude an seiner Anlageentscheidung gehabt. Aktionäre, Beschäftigte und Management können einhellig zufrieden sein. Happy birthday, BMW!

_Dieser Artikel erschien zuerst in der BÖRSE am Sonntag._

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