Zerstörung in den Köpfen

Sebastian Sigler4.03.2016Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Die Waffenruhe in Syrien scheint zu halten, aber der Genozid an den Christen geht weiter. Nur redet jetzt keiner mehr darüber.

Halten Sie einen Moment den Atem an, bitte – seien Sie ganz still. Hören Sie die Schreie? Hören Sie die Detonationen, das harte Geräusch von Metall auf Metall? Das Poltern, wenn fast 1.800 Jahre alte Klostermauern von Bulldozern niedergerissen werden? Es geht um Syrien, es geht um den Nordirak, es geht um den Nahen Osten, um die Wiege des Christentums. Dort findet ein Genozid statt, auch heute, auch jetzt gerade, ein Völkermord an Menschen christlichen Glaubens. Trotz Waffenruhe?

Ja, trotz Waffenruhe!

Der Kampf gegen den Islamischen staat und die Al-Nusra-Front geht weiter, ganz offiziell, und die Menschenn in diesen von radikalen Moslems gehaltenen Gebieten leiden und sterben weiter. Die Schreie sind nicht verstummt – wir müssen nur in Zeiten der Waffenruhe zwischen Assad und der gemäßigten Opposition genauer hinhören.

Warum sind die kleinen, aber uralten christlichen Inseln im ansonsten fast durchgehend muslimischen Nahen Osten so eminent wichtig für die Christen auf der ganzen Welt? Es handelt sich um Christen, die nie reformiert wurden, weil sie keine Reformation nötig hatten: um Urchristen, deren Sprache exakt diejenige ist, in der Jesus Christus das Vaterunser betete. Sie sterben in diesen Jahren zu Zehntausenden, werden erschossen, erdolcht, gekreuzigt. Die Täter werden vom Islamischen Staat angeführt, aber in ihrem Windschatten morden muslimische Milizen wie die Al-Nusra, die zu Al-Qaida zählt.

Stellenweise, etwa im syrischen Maalula, lassen sich sogar die schiitischen Hisbollah-Milizen, die ansonsten vorwiegend gegen die radikalen Sunniten kämpfen, zur Schändung christlicher Stätten, zu Mord und Brandstiftung hinreißen – wenn es ihren Interessen nutzt. Und, horribile dictu, immer wieder morden auch die ganz normalen muslimischen Nachbarn, die sich nun im Schatten des großen Genozids das kleine Häuschen der christlichen Nachbarn unter den Nagel reißen können. Sogar der türkische Geheimdienst scheint involviert zu sein, ganze LKW-Ladungen voller Waffen gingen aus Erdogans Reich an den Islamischen Staat. Und wer jetzt an die schrecklichen Ereignisse während des Holocausts an den Armeniern und folgende Völkermorde des 20. Jahrhunderts denkt, der liegt gar nicht so falsch.

Ursprungsstätten des Christentums – geschändet

In der Astrophysik gibt es die Suche nach dem Urknall, von der ungeheuer große Erkenntnisse für das Wissen um unsere gesamte Existenz erwartet werden. Überträgt man diese Erwartung auf den christlichen Glauben, so ist man dem „geistlichen Urknall“ in Jerusalem am nächsten. Aber sehr, sehr nahe daran sind die Gläubigen zum Beispiel in der ältesten Kirchen der Christenheit, die Grabeskirche der Hl. Thekla, die vom Apostel Paulus bekehrt wurde. Diese Kirche befindet sich, in Felsen gehauen, im syrischen Maalula, gut 50 Kilometer nördlich von Damaskus. Und diese Kirche wurde jüngst von Moslems geschändet, die 1.800 Jahre alten Ikonen wurden zerbrochen, aller Schmuck geraubt, das Allerheiligste zerschlagen und mit Urin entweiht.

Ein anderer Vergleich, der zugegebenermaßen ferner liegt: Für jeden Fünftklässler ist es völlig klar, dass ein Artensterben in der Natur große Gefahren für das Leben der Menschen bedeutet, weil es das diffizile biologische Gefüge drastisch schädigt. Auch wenn das zunächst gar nicht sichtbar ist, wenn plötzlich viele Insekten fehlen oder 80 Prozent der Frosch- und Lurcharten verschwinden – jedem Kind wurde ein Gefühl dafür gegeben, wie gefährlich das ist. Doch es geht hier um die scheinbare Unsichtbarkeit des Sterbens – nicht um den Tiervergleich. Wenn in Syrien täglich Kirchen brennen, wenn jahrtausendealte Kulturdenkmäler von Bulldozern zu Staub zermalmt werden, dann schädigt es auch unseren Glauben hierzulande ganz enorm.

Es ist ein christliches Artensterben, auch bei uns

In den Klöstern Syriens und des nördlichen Iraks hatten wir das frühe, das ursprüngliche Christentum unverfälscht und unreformiert lebendig vor Augen. Wenn wir Augen hatten, zu sehen. Sehr viele spirituelle Ideen haben wir in Mitteleuropa von den östlichen Glaubensbrüdern übernommen, nachdem unsere heimischen Kirchen durch Nationalismus und Kolonialismus verhärtet und arrogant geworden waren. Die Vielfalt der Schöpfung ist ein Teil vom Plan Gottes, einen biologischen Kosmos zu erschaffen. Die Christen besitzen den Schatz eines geistlichen Kosmos – doch wie groß ist das Sterben, ist die Verarmung in diesen Jahren!

Was der lateinische Westen zum Beispiel dringend lernen sollte, ist die Art des Miteinanders. Viele Christen der Ostkirchen, zumal die Kleriker, sind vom Habit her kaum von Moslems unterschieden. Rein äußerlich ist schon erkennbar, wie und warum der Islam aus dem jüdisch-christlichen erbe entstand. Das kann in einem neuen Miteinander helfen, und es kann auch Möglichkeiten aufzeigen, Moslems zu Christus zu bekehren. Auch die Nähe können wir im Osten studieren, die Brüderlichkeit, die Möglichkeit zum Miteinander: radikale Kräfte im Islam wollen genau dies Element zerstören, und dafür zerstören sie sogar Moscheen wie die in Mossul, die das Grab des Hl. Jona birgt und die von Christen wie von Moslems verehrt und besucht wurde. Die Zerstörung von Moscheen ist genauso zu verdammen wie die Vernichtung von Kirchen. Das Christentum als Religion der Liebe trachtet im übrigen nicht nach Rache – im Nahen Osten ist trotz entsetzlicher Greuel dieser Ruf nirgendwo zu hören. Was für ein Vorbild bieten uns damit unsere Glaubensbrüder in Syrien und im Irak!

Ein Kloster wie das der Heiligen Thekla oder auch Mar Elian sind – waren! – weit über die Grenzen ihrer Länder bekannt, sie haben auf eine stille Weise den Nahen Osten geprägt, nachhaltig, fast 2.000 Jahre lang. Maalula wird wohl wieder aufzubauen sein, aber Dair Mar Elia bei Mossul? Dort ist nur noch traurige Wüste, weiß-grau, durchzogen von tiefen, breiten Bulldozerspuren. Nichte ein einziger Stein ist mehr zu sehen. Mehr als 1.600 Jahre monastischer Kultur: radikal ausgelöscht. Doch das ist noch nicht das Schlimmste. Die geistlich-religiöse, ja, auch die moralische Verortung einer ganzen Region scheint verloren. Die Christen – und auch viele Moslems! – aus Mossul klopfen heute an unsere Tür. Hier in Deutschland.

Wieviel Verantwortung trägt der Westen?

Die Radikalität der verschiedenen muslimischen Milizen in Syrien und dem Nordirak ist größtenteils nur noch mit dem zu beschreiben, was in Europa als „Faschismus“ bekannt wurde. Diese Haltung kommt indes nicht aus der Lehre des Koran, denn auch die Tötungsbefehle für Ungläubige sind in ihrem Kontext zu sehen, sondern die durch Alltagserlebnisse und individuell aufgeheizte Imame und Religionsführer. Und hier bleibt leider die Erkenntnis nicht aus, dass Feldzüge wie die der USA 2003 viel von der Wut ausgelöst haben, die sich heute mörderisch entlädt.

Wieviel Verantwortung für den Genozid an der bis vor wenigen Jahren immer noch intakten urchristlichen Struktur im Nahen Osten trifft den Westen? Erzbischof Amel Shimon Nona aus Mossul, dem biblischen Ninive, wendet sich angesichts der Verwüstung an die Menschen in Europa: „Unser Leiden ist ein Vorgeschmack darauf, was ihr erleiden werdet.“ Die Frage, ob George W. Bush genug Weitblick hatte, scheint berechtigt. Die Schande, die in der Folge durch radikale Moslems über diese und viele andere religiöse – zumeist christliche – Stätten gebracht wurde, wird dazu führen, dass die Pilger nicht mehr kommen, dass der Glaube an das Wunder erlischt. Der IS reißt weiter Klöster ab und tötet nach wie vor Menschen. Das Christentum in der syrischen Wüste und im Nordirak stirbt. Die Katastrophe ist geschehen.

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