Vier Widerstandskämpfer der ersten Stunde

Sebastian Sigler29.12.2015Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Graf Stauffenberg, Goerdeler, Graf Yorck, Bonhoeffer – diese Namen kennt jeder, sie stehen für den Widerstand gegen den NS-Staat. Sie waren in der Minderheit. Natürlich liefen spätestens ab 1933 Millionen von Deutschen der NSDAP und Hitler hinterher, doch der genauere Blick lohnt. Es gab noch mehr Menschen, die von Anfang an gegen Hitler kämpften.– zum Beispiel diese vier.

1.) Albrecht v. Hagen – Sprengstoff für Stauffenberg

Mit Sorge sahen “Albrecht v. Hagen”:https://de.wikipedia.org/wiki/Albrecht_von_Hagen und seine Frau Erica am 30. Januar 1933 den Aufmärschen der SA und den wilden Fackelzügen zu, welche sich durch die Falkenwalder Straße zum Paradeplatz in Stettin hin ergossen, eskortiert von der halben Stadtbevölkerung. Die Hakenkreuzfahnen hingen plötzlich aus vielen Fenstern. „Deutschland erwache!“ oder (…) ehrgeizige, aufrührerische Sprüche wie „Heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze Welt“ und schließlich „Führer wir folgen Dir!“ – Alle diese wilden Lieder hämmerten auf nach politischer Freiheit lechzende Menschen (ein), denn Deutschland war ein mächtiges und geachtetes Land gewesen, bevor es den 1. Weltkrieg verlor. Die Propaganda war dabei, das stellte v. Hagen durchaus fest, raffiniert aufgezogen. Nur wenige Menschen erlagen ihr nicht. Zu ihnen gehörten der aus pommerschem Uradel stammende v. Hagen und seine engsten Freunde.

Eines Abends, es war im März 1938 im Kleinwalsertal, sahen v. Hagen und seine Frau Erica über die Höhen lange, geisterhafte Fackelzüge ziehen: Großdeutschland war am Erwachen und zog in noch unbekannte Qualen in der nahen Zukunft. Viele im örtlichen Gasthaus brachen in Jubel aus. Viele aber erbleichten angesichts dieser Fackelzüge. Albrecht und Erica hielten sich an der Hand und verstummten. Sie konnten nur mühsam die Tränen zurückhalten, trugen sie doch das tiefe Wissen in sich, daß durch dieses Regime der Gewalt über den Einzelnen ein Land nicht zu regieren sei. „Wohin geht ihr“, sagte Albrecht vor sich hin, „mein Gott, wohin?“

Im Jahre 1944 waren es Albrecht v. Hagen und der baltische Baron Wessel Freytag v. Loringhoven, die getrennt voneinander, um nicht erkannt zu werden, Sprengstoff für ein Attentat des Grafen Schenk v. Stauffenberg auf Hitler beschafften. Nach dem 20. Juli wurde v. Hagen verhaftet. Er wurde am 8. August 1944 in der Haftanstalt Berlin-Plötzensee durch die Nationalsozialisten gehenkt.

2.) Botschafter v. Prittwitz – konsequent für die Demokratie

Bereits vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 hatte “Friedrich-Wilhelm v. Prittwitz und Gaffron”:https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_von_Prittwitz_und_Gaffron die Ansicht vertreten, dass der Nationalsozialismus „unsagbares Leid über Deutschland hereinbrechen lassen musste.“ Verschiedentlich warnte er in Briefen und Stellungnahmen vor der Reaktion der amerikanischen Bevölkerung auf einen Rechtsruck der deutschen Politik, sowie vor einer Beteiligung von Nationalsozialisten an der Regierung. Aber auf diese einsamen Rufe in der Wüste bekam er nirgends befriedigende Reaktionen.

Am 6. März 1933 dann, sieben Wochen nach Hitlers Machtübernahme, knapp eine Woche nach dem Reichtagsbrand und der Aufhebung von Grundrechten durch die Notverordnung „Zum Schutz von Volk und Staat“, sandte der deutsche Botschafter in den Vereinigten Staaten von Amerika, Prittwitz und Gaffron ein kurzes Telegramm nach Berlin. Mit dem Text: „Angesichts der innenpolitischen Entscheidung in Deutschland halte ich es für meine Pflicht, Sie zu bitten, dem Herrn Reichspräsidenten mein bisheriges Amt zur Verfügung zu stellen.“ An den Reichsaußenminister Konstantin von Neurath schrieb Prittwitz, „er habe nie einen Hehl aus seiner politischen Einstellung gemacht, die in einer freiheitlichen Staatsauffassung und republikahnischen Grundsätzen wurzele. Deswegen könne er „aus Gründen des persönlichen Anstandes“ nicht weiter seinen Dienst ausüben, ohne sich „selbst zu verleugnen“. Prittwitz hatte inständig gehofft, andere Diplomaten würden seinem Beispiel folgen, zumal das eigentlich so verabredet war. Doch als es soweit war, blieb er der einzige deutsche Botschafter, der derart konsequent handelte.

Für seinen mutigen Schritt hat sich v. Prittwitz nicht vor einem Nazi-Gericht verantworten müssen. Er lebte bis 1945 zurückgezogen in Oberbayern; nach der Befreiung wurde er Mitbegründer der CSU. _Text: Markus Wilson-Zwilling_

3.) Walter Eucken – Kämpfer für die Marktwirtschaft

Bereits 1927 begann “Walter Eucken”:https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Eucken, Ordentlicher Professor für Volkswirtschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, eine Vorlesungsreihe unter dem Titel „Theoretische Nationalökonomie“ zu halten. In diesen Vorlesungen legte er seinen Studenten das dar, was ab 1948 als „Soziale Marktwirtschaft“ in aller Munde sein sollte. Doch bevor es dazu kommen konnte, wurde er für seine Lehre vom freien Markt und dem freien Warenverkehr verfolgt.

Früh gehörte Eucken, übrigens ein Sohn des Literatur-Nobelpreisträgers Rudolph Eucken, zu denen, die völlig ohne Illusionen die Lage im NS-Staat überblickten. Am 21. Oktober 1935 notierte er mit Blick auf die Gesamtgesell¬schaft in sein Tagebuch: „Alle Juden werden beurlaubt oder aus dem Staatsdienst entlassen. Überall Mißhandlungen. Diese Sünde, die das deutsche Volk begeht, indem es wehrlose Menschen seelisch und körperlich mißhandelt, wird sich an ihm furchtbar rächen. Gott ist auch ein rächender Gott.“ Unter dem direkten Eindruck der Reichspogromnacht tagte ab Dezember das „Freiburger Konzil“, dem auch Eucken angehörte und das sich mit dem Recht auf Widerstand, der christlichen Ethik, dem Naturrecht und immer neuen Planungen für ein Deutschland nach Hitler beschäftigte. Es handelte sich hier um einen unter strenger Geheimhaltung in Privatwohnungen tagende Gruppe von Menschen, die zum Widerstand gegen Hitler entschlossen waren.

Ab November 1942 erarbeitete das „Freiburger Konzil“ auf Anregung von Dietrich Bonhoeffer und unter Mitwirkung von Friedrich Carl Goerdeler mehrere Denkschriften, darunter das Papier „Ein Versuch zur Selbstbestimmung des christlichen Gewissens in den politischen Nöten unserer Zeit“, das teilweise auch in die Planungen des Kreisauer Kreises für ein Deutschland nach Hitler einfloss. Im September entging Eucken dann knapp der Verhaftung durch die Gestapo. Hätte Goerdeler, der ab dem 12. August 1944 in Gestapo-Haft war, oder auch der bereits 1943 verhaftete Bonhoeffer die Namen der an den Freiburger Denkschriften Beteiligten genannt, es wäre deren sichere Verhaftung und wahrscheinlichen deren Tod gefolgt. Doch alle anderen Widerstandskämpfer, die in Haft waren, schwiegen. Walter Eucken hat die Zeit des Nationalsozialismus überlebt.

4. Hans Koch – unbestechlicher und unbeugsamer Jurist

“Hans Koch”:https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Koch_%28Jurist%29 war Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, Rechtsanwalt, Verteidiger der Unternehmerfamilie Simson wie auch Verteidiger Martin Niemöllers. Gegen die Nationalsozialisten erfocht er vor Gericht mehrmals spektakuläre Erfolge, was Hitler im Falle Niemöller dazu bewog, diesen ohne Gerichtsurteil und ohne Anklage in ein Konzentrationslager zu deportieren, wo ihm Koch bis 1945 als Rechtsanwalt unerschütterlich beistand. Koch galt in seinem gesamten sozialen Umfeld als „guter“ und „besorgter“ Mensch.

Ab dem 21. Januar 1945 war Hans Koch dann selbst in Gestapo-Einzelhaft, ohne Gerichtsurteil, ohne rechtliches Gehör, auch seine Frau war schuldlos inhaftiert. Als ein Vierteljahr später, in den Abendstunden des 23. April, sowjetischen Truppen bereits erste Stadtteile Berlins erreicht hatten, wurde Koch aus seiner Zelle beordert. Er wurde zusammen mit 15 anderen Gefangenen auf das weitgehend in ein Ruinengrundstück verwandelte Gelände des Universal-Ausstellungs-Landes-Parks geführt, wo jeder einzeln von einem SS-Mann per Genickschuß getötet wurde. So rächte sich das NS-Regime in seiner letzten Stunde an einem Mann, der ab der ersten Stunde, ab 1933 konsequent für das Recht und die Freiheit und gegen Hitler gekämpft hatte.

Diese Texte sind Auszüge aus “Corpsstudenten im Widerstand gegen Hitler”:http://www.amazon.de/Corpsstudenten-im-Widerstand-gegen-Hitler/dp/3428143191, herausgegeben von Sebastian Sigler bei Duncker & Humblot, Berlin 2014.

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