Warten auf den Weihnachtsmann

Sebastian Sigler21.12.2015Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Warum ist der freundliche alte Mann in seinem rot-weißen Kostüm so populär bei uns? Das hat sehr viel mit Konsum zu tun. Und das christliche Weihnachtsfest spielt dabei keine Rolle? Doch, eine sehr große! Aber die Begründung dafür ist anders, als es in den Konsumtempeln und Warenhäusern gemeinhin zu hören ist.

Wer hat dem Weihnachtsmann eigentlich seinen auffälligen roten Zweiteiler mit weißem Besatz geschneidert? Die Frage ist leicht beantwortet – der Graphiiker Haddon Sundblom war’s. Er hatte von Coca Cola im Jahre 1931 den Auftrag erhalten, für eine Werbekampagne der Brausefirma der Weihnachtsmann in den Firmenfarben zu zeichnen – dabei aber so, wie ihn jeder kannte. Damit er wiedererkannt werde. Warum aber nahm sich diese Firma, die schon sehr früh die Ziele der totalen Globalisierung für sich erkannt hat, gerade dieser Kultfigur an? Nun, auch hier fällt die Antwort nicht schwer. Santa Claus steht für Geschenke, also für Konsum – und wer Weltspezialist für Konsumwaren sein will, trinkt Coca-Cola, das sollte insinuiert werden. Diese Botschaft, ausgesandt von einem der weltweit führenden Konsumkonzerne, wirkt bis heute.

In der Bibel wird Santa Claus vergeblich gesucht. Und doch ist der Weihnachtsmann sozusagen ein internationaler Superstar, denn er bringt viele, viele Geschenke – ja, das scheint sein einziger Zweck zu sein. Denn Geschenke sind wichtig im zwischenmenschlichen Miteinander, sowohl für die Beschenkten als auch – und vor allem! – für die Schenkenden. Das beschrieb der Soziologe und Ethnologe Marcel Mauss 1923 in seinem „Essai sur le don“. Doch dann ist der Rummel um den Gabentisch vor allem auch wichtig für die Industrie und den Handel, denn Geschenke stehen im Mittelpunkt. Diese Gaben sind dabei so verpackt, so dass die Beschenkten unter dem Tannenbaum nicht direkt erkennen können, wie kostbar die Dinge sind, die dort auf sie warten. Es geht also wirklich mehr um das Schenken, weniger um das Geschenk. Ist also unser Weihnachtsfest nur ein Vorwand für egoistischen Konsum?

Ein Tanz um das Goldene Kalb der Geschenke?

Nein, bei unserem Weihnachtsfest geht es um mehr. Sehr wichtig ist zunächst die emotional bindende Kraft der Geschenke. Sie erzeugen Dankbarkeit, die sich in Liebe transformiert, und schweißen auf diese Weise die soziale Primärgruppe der Familie enger zusammen. Christus als Geschenk für unser aller Leben lässt sich da hervorragend einbinden, nämlich dort, wo er nicht ohnehin der Mittelpunkt ist. Sodann sind Geschenke aber vor allem Signale der Überlegenheit, und als solche kurbeln sie den Konsum vielleicht am stärksten an. Der Schenkende signalisiert dem Beschenkten, dass er der Stärkere ist, dass er genug hat, um zu reichlich Dinge verschenken. Neben den Konsum tritt damit die Erziehungsfunktion, mit der auf freundlichste und liebevollste Art und Weise eine soziale Hierarchie zwischen Eltern und Kindern, ja, zwischen allen Schenkern und Beschenkten hergestellt wird.

Das ist die heutige Lage rund um Santa Claus und Weihnachtsmann. Diesem Status vorausgegangen war die Emigration des vorwiegend im Norden Hollands bekannten Sinterklaas nach Neu Amsterdam beziehungsweise New York, wo er sich binnen zweier Jahrhunderte nahtlos zu Santa Claus entwickelte. Der holländische Sinterklaas überformte dabei zunehmend die Figur des „Father Christmas“, die britische Immigranten mitgebracht hatten. Immerhin wurde nach englischer Tradition die Bescherung um einen Tag auf den 25. Dezember verlegt, denn der amerikanische Santa Claus kommt ja erst in der Nacht nach dem 24., bekanntermaßen bevorzugt durch den Kamin.

Blicken wir aber noch etwas grenauer hin, denn das lohnt sich. Die Figur des heutigen Weihnachtsmanns, und zwar diesseits wie jenseits des Atlantiks, hat uralte Vorbilder in China, wo bereits im vierten Jahrhundert vor Christus ein gütiger Naturgott namens Shou Xing auftrat, der ein Gesicht wie ein Kind hat, dazu aber einen langen Bart, und der gerne zusammen mit einem Hirsch auftritt. Mythen wie diese haben häufig die Fähigkeit, transkulturell ihre Bedeutung zu behalten, auch wenn sie sich über Jahrhunderte hinweg immer wieder wandeln. Und so tritt die Gestalt des Bischofs Nikolaus von Myra, der der Legende nach im Jahre 270 in der kleinasiatischen Stadt Patras geboren und am 6. Dezember 343 gestorben ist, ins Licht der sich immer weiter transformierenden Kultur. Die abstrakte Figur des Heiligen Nikolaus hat gewiss Wurzeln in älteren Kulturen, so wohl auch in China bei Shou Xing. Doch da ist noch etwas anderes, und diesmal ertwas einzigartiges: die Botschaft Gottes, die uns gegeben worden ist, und speziell der Neue Bund durch Jesus Christus. Diese Botschaft wird nun unter anderem in der Figur des Nikolaus transportiert. Wir kennen ihn deshalb als einen Heiligen, der am 6. Dezember, übrigens seinem Todestag, Kinder und Arme beschenkt.

Die Transformation einer kulturprägenden Figur

Der Reformator Martin Luther ersetzte den Brauch des schenkenden Nikolaus für seinen Wirkungsbereich im Jahre 1535: nun sollte der Heilige Christ, später verniedlicht als „Christkind“, zu Weihnachten Geschenke bringen. Dieses Christkind, das sehr viel weniger mit dem Konsum zu tun hat als der Weihnachtsmann, findet seit gut 100 Jahren hierzulande auch im überwiegend katholischen Süden und Westen starke Verbreitung, während sich im Norden und Osten, wo eigentlich die Lehre Luthers vorherrschte, gerade durch die Säkularisierung durch gleich zwei sozialistische Diktaturen der uralte Nikolaus in neuer Gestalt als Weihnachtsmann zunehmend etablierte. Der ursprünglich als Bischof dargestellte Nikolaus verschmolz zunehmend mit der Figur seines traditionell in Süddeutschland bekannten Begleiters und Gehilfen Knecht Ruprecht, auch Krampus genannt, übernahm dessen Stiefel, den Sack und die Rute, behielt jedoch den Mantel und den zunehmend modifizierten Bischofshut. Der Rollentausch zwischen Christkind und Nikolaus, dieser beiden Kulturtraditionen, die sich immer teils auch überlagerten, war perfekt. Doch das warten auf den Weihnachtsmann hatte noch kein Ende.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der europäische Nikolaus oder Sinterklaas noch blaue, braune, rote oder goldfarbene Mäntel an und wurde eher als asketisch wirkender Heiliger in der Bischofstracht mit Mitra, Stab, Kreuz, Chormantel und Stola dargestellt. In Nordamerika, wo die Winter im Durchschnitt wesentlich härter sind als in Europa, wechselte Santa Claus in zunehmend dem Winterwetter angepasste Kleidung. Von diesem winterlich bestiefelten und einen Rentierschlitten lenkenden alten Mann, der schon deswegen Geschenke brachte, damit die Menschen die Kälte überleben konnten – es ging hier konkret um warme Kleidungsstücke und kalorienreiche Lebensmittel –, war es in der industriellen Überflussgesellschaft nur noch ein Schritt zu dem colatrinkenden, rot-weißen gewandeten, zum Konsum animierenden Weihnachtsmann. So kommt nun Santa Claus aus Nordamerika und formt das Bild vom weitgehend säkuliarisierten Nikolaus abermals um. Denn die Geschenke dienten jetzt zwar iimmer noch der Demonmstration eigener Überlegenheit, zugleich der Freude und zunehmend dem Hedonismus.

Kein christliches Fest mehr?

Fast unwahrscheinlich, aber wahr: Trotz der augenscheinlichen Fixierung auf den Konsum hat das weltweit gefeierte Weihnachtsfest seinen christlichen Charakter behalten. Nicht der Konsum hat die Religion überformt, sondern die Religion hat den Konsum ganz unauffällig, aber unübersehbar durchdrungen. Diese Determinierung des Schenkens geschieht auf unauffällige Weise, aber umso wirksamer. Nicht umsonst wird Weihnachten das „Fest der Liebe“ genannt. Und hier ist des Rätsels Lösung ganz nahe: Die Liebe ist genau die Fähigkeit, die durch das Christentum wie durch keine andere Religion in den Menschen erweckt wird. Und dies sich im christlichen Weihnachtsfest einmal im Jahr mit aller Intensität ausdrücken lässt.

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