Angriff auf die innersten Werte

Sebastian Sigler15.11.2015Europa

Wir Europäer werden gehasst, weil wir so sind, wie wir sind. Jeder Einzelne von uns soll bestialisch umgebracht werden, unsere gesamte Kultur soll idealerweise ausradiert werden. Schock! Wie kommt es zu so viel radikaler Ablehnung?

Die Staaten und Kulturen, die traditionsverwurzelt auf dem europäischen Kontinent beheimatet sind, haben in den vergangenen 1.500 Jahren enorme Leistungen erzielt, gewaltige Fortschritte gemacht. Grundlage dafür waren die Werte der Bibel, meist die des Christentums, oft auch die des Judentums – egal, wie das heute individuell gesehen wird: dies war das Fundament und zugleich eine feste kulturelle Klammer. Auf dieser gemeinsamen Basis haben die Völker Europas die Welt erforscht, weltweit gehandelt, schließlich weltweit geherrscht. Die Westküsten Europas waren dabei der Ausgangspunkt – je westlicher, desto weltoffener: Diese Beobachtung hat bis heute einen gewissen Charme.

Die Überlegenheit europäischer Kulturtechniken, zu denen ganz unterschiedliche Qualifikationen im geistigen wie technischen Sinne gehören, führten nach und nach in das Zeitalter des Kolonialismus. Dies löste gewaltige Kriege aus – zumeist interessanterweise in Europa selbst. Der Zweite Weltkrieg stand am Ende dieser Epoche, und er markiert nicht nur ein Jahrtausendverbrechen, das durch Deutsche und im deutschen Namen begangen wurde, sondern er markiert auch eine Wegscheide der Weltpolitik: die US-Amerikaner haben die Briten als größte Hegemonialmacht abgelöst. Das letzte – und größte – Kolonialreich wich einer weltweit aktiven strategisch-militärischen Allianz.

Die Aktivitäten des technisierten Europa setzten sich nach 1945 verstärkt auf dem nordamerikanischen Halbkontinent fort, übrigens auch dort durchaus unter den Vorzeichen einer christlich-jüdisch geprägten Gesellschaft. Die Globalisierung, das Internet, allverfügbare amerikanische Konsumprodukte, die mobile Telefonie über Satellit weltweit – das sind die sichtbarsten Zeichen. Und exakt diese Kulturtechniken, die ja eigentlich unter das Kapitel der elektronischen Hochtechnologie fallen, sind es nun, die die anderen Teile der Welt entweder zur Konkurrenz anspornen oder sie zu immer hasserfüllteren Gegnern werden lassen. Die Konkurrenten – durchaus erfolgreich! – sind zuvörderst in Ostasien zu suchen, die Gegner, die nur noch den Hass als Ausweg sehen, sind eher im sogenannten Greenbelt angesiedelt, also dort, wo die verschiedenen Spielarten des Islam vorherrschen. Wobei diese Beobachtung eine Tendenz zeigt, nicht etwa absolute oder gar flächendeckende Phänomene.

Ein neuer, gefühlter Kolonialismus

Es gibt Völker, die in der Globalisierung eine Bedrohung sehen und die möglicherweise nach dem Ende des Kolonialismus nicht schon wieder eine Fremdbestimmung wünschen. Coca-Cola, Internet, McDonalds: das ist aus der Sicht dieser Menschen aber Fremdbestimmung. Und das Christentum vielerorts gleich mit. Die Völker, die sich davon betroffen fühlen, haben offenkundig einige Jahrzehnte für sich eine kulturelle Antwort gesucht. Und sie haben diese Antwort spätestens seit dem Ayatollah Chomeini, seit Osama-Bin-Laden in genau den Suren des Korans gefunden, die – für sich genommen – radikal auslegbar sind. Nur mit Gewalt, so fühlen es viele fundamental denkende Moslems, wahren sie ihren Stolz. Einen Stolz, der im übrigen aus den Suren des Korans herauslesbar ist. Auf Einschränkungen der Allmacht in vom ihm beanspruchten Gebiet reagiert dementsprechend der Islamische Staat, der Teile Syriens und des Iraks kontrolliert und terrorisiert, aus gekränktem Stolz mit Anschlägen wie dem in Paris. Zur Bekämpfung des Gegners ist dabei jedes Mittel recht, sogar die Technik, die der radikale Islam vehement ablehnt: selbstredend benutzt der Islamische Staat Youtube, Twitter und Facebook!

Das Römische Reich hat im 4. Jahrhundert das Christentum schrittweise zu seiner Religion gemacht, und wenige Jahre, nachdem – am Ende der Antike – der letzte Kaiser in Rom seine Krone niederlegte, wurde Chlodwig I. in Reims getauft. Dies ist die Geburtsstunde des christlichen Europa. Eine Wachablösung. Später wurde sie, durch Karl den Großen und den mittelalterlichen Reichsgedanken, zur translatio imperii.

Gerade das Gebiet des ersten christlichen Staates nördlich der Alpen, des Altfränkischen Reiches, ist besonders im Visier des islamischen Terrorismus, hier werden die meisten Verdächtigen ermittelt. Dieser Tage steht die Gegend um Brüssel im Mittelpunkt, vor allem das Problemviertel Molenbeek; im ostbelgischen Verviers starben bereits im Januar dieses Jahres Menschen in einem Anti-Terror-Einsatz, und nun soll genau von dort der Drahtzieher der Anschläge vom 13. November kommen; in Lille und anderen nordfranzösischen Städten finden sich Zentren des Islam, deren Ausrichtung zumindest zwielichtig sind. In Bonn – speziell in Bad Godesberg – und in Aachen werden radikal ausgerichtete Moslems, viele davon Salafisten, zahlenmäßig so stark, dass in ganzen Vierteln vollverschleierte Frauen das Stadtbild bestimmen, während hie und da ein mutmaßlich dazugehöriger männlicher Begleiter mit stolzgeschwellter Brust drei Schritte vorausläuft: „Seht her! Das kann ich!“ Wobei hier immer betont werden muss, dass keiner Gruppe von Menschen gegenüber, wes Geistes Kind sie auch sei, ein Generalverdacht angebracht ist.

Angriff auf das Herz Europas

Gerade das Gebiet, auf dem mit dem ältesten christlichen Herrschaftsgebiet das heutige Europa erstand und das – wahrscheinlich kein Zufall – auch heute noch die Region ist, von der aus die EU faktisch geführt wird, gerade das ist also die am meisten vom islamischen Terrorismus heimgesuchte und zugleich von Verdächtigen bevölkerte Region. Genau von dort aus wurde nun die französische Hauptstadt Paris, die übrigens auch im 6. Jahrhundert schon zum altfränkischen Reich gehörte, nun angegriffen. Ist das alles eine Kette von Zufällen? Durchaus möglich. Falls es aber keiner wäre – das Vorgehen der Angreifer würde auf einen überaus durchdachten Plan schließen lassen. Die Bürger und die Regierungen Europas können sich mit dem Blick in den Geschichtsatlas so ungefähr ausrechnen, wo es den nächsten Großangriff geben dürfte. Falls, ja falls dies Gedankenspiel nicht völlig aus der Luft gegriffen ist.

Die Antwort auf all das kann nur Frieden sein. In der Bibel gibt es genug Texte, die direkt dorthin weisen, die gar nicht erst dahingehend ausgelegt werden müssen. Das christliche Europa, die jüdische Wurzel sei hier ausdrücklich mitgenannt, kann diese Antwort des Friedens geben. Ob ein laizistisches Europa das kann? Gerade Frankreich, in dem Staat und Kirche sehr strikt getrennt sind, könnte der entscheidende Prüfstein werden.

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