Schockwellen

Sebastian Sigler13.10.2015Wirtschaft

Wenn sich die erste Hysterie um den VW-Abgasskandal gelegt hat, wird uns das Ausmaß des Schadens – nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für Kultur und Sport – erst wirklich klar werden.

Der VfL Wolfsburg, aufstrebender Teilnehmer der Fußball-Championsleague und aussichtsreicher Verfolger des Münchner Dauermeisters FC Bayern, stoppt die Pläne für ein geplantes Nachwuchszentrum. Das ist höchst bedauerlich, ja, tragisch. Denn genau das sollte das oberste Ziel der Fußball-Multis sein: eine Förderung des Breitensports. Nur so sind die exorbitanten Summen, die im Profi-Fußball gefordert und bezahlt werden, zu rechtfertigen. Die Fußball-Fangemeinde, und das sind weltweit Millionen, mögen energisch protestieren – aber Hand aufs Herz: Dies ist eine schlechte, eine sehr schlechte Nachricht.

Keine Förderung des Fußball-Nachwuchses in Wolfsburg – der Grund ist klar. VW musste schon vor Wochen eingestehen, in großem Umfang bei den Abgaswerten bestimmter Dieselmotoren geschummelt zu haben. Dass es sich hier in erster Linie um ein Steuerproblem und erst danach um ein Umweltproblem handelt, ist über die großen Wellen der Empörung völlig in den Hintergrund getreten. Ebendiese Empörung, die von den Feinden, die VW schon aus historischen Gründen hat, eifrig geschürt und genussvoll ausgewalzt wird, sorgt nun für Schockwellen. Aus Hollywood kommt die Ankündigung, man wolle einen Film über VW drehen. Die Reaktion aus Wolfsburg ist keine Überraschung. Investitionen in Milliardenhöhe werden gestrichen, Sparprogramme verkündet, der Gürtel wird deutlich enger geschnallt.

Strafe muss sein

Strafe muss sein – und allein schon die kriminelle Energie, die unbestritten bei bestimmten VW-Managern und -Ingenieuren im Spiel gewesen sein muss, rechtfertigt empfindliche Sanktionen. Und hier geht es um Milliardensummen, allein schon an Steuernachzahlungen, daran soll kein Zweifel aufkommen. Was aber folgt? Ein erfolgreicher Konzern – und VW ist erfolgreich! – zahlt enorm viel Steuern. Schon jetzt haben Städte wie Braunschweig und Salzgitter, Hannover und natürlich zuvörderst Wolfsburg ihre Haushaltsberatungen für 2016 völlig auf Eis gelegt. Den kommunalen Finanzen dieser Städte droht schlichtweg der plötzliche Kollaps. 20, 30, ja 40 Prozent der Gewerbesteuereinnahmen könnten wegbrechen.

Erst nach den Obliegenheiten gegenüber dem Staat kommen die Projekte, in die ein Konzern wie VW seine verbleibenden Überschüsse einsetzt. Da gehen viele Millionen in den Denkmalschutz – erst vor wenigen Jahren wurde das Schloss Herrenhausen in Hannover, im Bombenkrieg völlig zerstört, mit VW-Geldern wiederaufgebaut. Solche Projekte stehen nun auf Jahre hinaus auf dem Spiel. Würde der Braunschweiger Dom, eine überaus bedeutender mittelalterliche Kirche, in den nächsten Jahren ein neues Dach oder eine erneute Restaurierung der auf höchst labilem Untergrund stehenden Westtürme benötigen – VW könnte vielleicht nicht mehr helfen. Bis vor wenigen Wochen wären solche Unterstützungen die größte Selbstverständlichkeit gewesen.

Was hat all dies mit Fußball zu tun? Die historischen Bauwerke, die in unseren Städten stehen, sehen wir täglich, sie stehen uns buchstäblich vor Augen. Die Kultur, die jungen Menschen beigebracht wird, wenn sie spielerisch lernen, im Team zu arbeiten, sehen wir dagegen erst später; sie sind erst nach Jahren und nur viel indirekter erkennbar. Doch genau diese Werte sind es, die gerade jetzt, gerade in Zeiten des großen Zustromes von Wirtschaftsmigranten und Flüchtlingen, so dringend benötigt würden. Junge Menschen, deren Eltern hier Arbeit suchen oder die vor radikal-islamischem Terror fliehen mussten, bräuchten in den nächsten Jahren viele, viele Fußballschulen.

Eine gesellschaftliche Katastrophe

Die Nachwuchsförderung auf sportlichem Gebiet ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Nur die Förderung junger Menschen, die so sehr bei der gesellschaftlichen Integration helfen kann, rechtfertigt die zwei- und dreistelligen Millionenbeträge, die in der Fußball-Bundesliga bezahlt werden. Denn diese Förderung ist eine fast unvergleichliche elegante Methode, gefährdete und dislozierte Jungen – und Mädchen! – auf einem guten Weg in ein gelingendes Leben wichtige Hilfestellung zu geben. Und vor diesem Hintergrund wird die Tragweite des VW-Skandals erst wirklich sichtbar. Es ist für viele Menschen in diesem Land eine gesellschaftliche Katastrophe.

Aber da war doch noch etwas – ach ja, der Fußball! Natürlich freuen sich die Fans von Eintracht Frankfurt, des VfB Stuttgart, der Borussia aus Mönchengladbach, ja, aller traditionell ausgerichteten Vereine jetzt, weil die enorme Bevorteilung einiger traditionell gar nicht so großer Vereins in den nächsten Jahren weniger stark ausfallen dürfte – auch der Aufstieg der „Schanzer“ aus Ingolstadt sei hier erwähnt. Und freuen dürfen sich die Fans auch, denn zur Freude ist der ganze Fußballrummel ja nur da. Das Runde und das Eckige, garniert mit Stadionwurst und Pils – das bleibt auch in Zeiten des VW-Skandals eine der sehr schönen Nebensachen der Welt.

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