Totally screwed up

Sebastian Sigler22.09.2015Wirtschaft

Elf Millionen Dieselfahrzeuge des VW-Konzerns weltweit! Der Nordamerika-Chef von Volkswagen hat sich in New York bereits für das Verhalten des Konzerns entschuldigt. Das gehört insbesondere in den USA zum Fair Play. Welches Statement kommt nun aus Wolfsburg und wie kam es überhaupt zu alledem?

„Totally screwed up“ ist Volkswagen in diesen Tagen. Und man sei es auch in den letzten Jahren gewesen, so formuliert es Horn. Doch das gilt nicht nur für Nordamerika, sondern es gilt weltweit. Die Volkswagen AG – also auch Audi, Skoda und andere Marken – hat insgesamt ein Riesenproblem. Die Emissionswerte der Dieselfahrzeuge des Konzerns, zumindest die mit Vierzylindermotoren, sind weit höher, als es die Gesetze vorschreiben. So etwas geht nicht. Die Behörden ermitteln völlig zu Recht, und es wird hohe Strafen geben. Schon jetzt wird der Kopf von VW-Chef Martin Winterkorn gefordert, er scheint kaum zu halten. Das ist starker Tobak, die Aktie stürzt in Abgründe. Aber ist das schon alles?

Mobilität und Flexibilität haben ihren Preis

„Totally screwed up“ ist aber möglicherweise nicht nur Volkswagen. Auch Andere müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie nicht ein wenig hoch in der Kurve liegen, wenn sie nun mit dem Finger auf VW zeigen. Immer strengere Umweltauflagen sind zwar wünschenswert und sinnvoll – ja, sie sind gesundheitliche Notwendigkeit! –, aber die Physik kennt Grenzen. Wer ein Auto mit Dieselmotor fährt, produziert Feinstaub und andere Emissionen, verbraucht dafür aber vergleichsweise wenig Kraftstoff. Bei Benzinmotoren ist von Benzol die Rede, und der Strom für die gepriesenen Elektroautos kommt aus Kohle – oder, nach wie vor, sehr oft aus Kernkraftwerken. Jede Antriebsart hat Vor- und Nachteile. Mobilität und Flexibilität haben, das ist festzuhalten, immer ihren Preis, denn das Perpetuum Mobile ist eine Illusion.

Da stellt sich eine unbequeme Erkenntnis ein. Ein preiswertes Auto fahren zu wollen und dabei immer weniger Schadstoffe produzieren zu wollen – ist das nicht bigott? Sogar die elektrische Energie, die ein Hybrid-Fahrzeug nutzen kann, musste zuvor ebenfalls irgendwo gewonnen werden – meist durch Beschleunigung, die wiederum ein Benzinmotor erzeugte. Elektrisch betriebene Autos werden oft genug durch Atomstrom fortbewegt. Und ist Atomstrom besser als Feinstaub?

An die Ingenieure in der Automobilindustrie werden ständig erhöhte Anforderungen gestellt. Anforderungen im Übrigen, von deren Realisierung diejenigen die sie aufstellen, kaum mehr als eine blasse Ahnung haben. Diese Anforderungen werden in Gesetzen formuliert. Allright – wer schummelt, muss büßen und das korrigieren. Die vielen Feinde, die die automobile Fortbewegung generell und der deutsche Automobilbau insbesondere haben, sie klatschen klandestin, aber unisono Beifall. Sie bekommen jetzt ihr Fest. So weit, so gut? Nein, das ist nur die eine Seite. Lassen Sie uns gemeinsam auch die andere Seite bedenken:

Blumenkohl und Briefporto

An die Ingenieure in der Automobilindustrie werden ständig erhöhte Anforderungen gestellt. Diese Anforderungen werden in Gesetzen formuliert. Diese Gesetze werden von Parlamenten verabschiedet, die – das gilt für die USA wie für Deutschland – demokratisch legitimiert sind. Hinter diesen Gesetzen steht also die Mehrheit der Bürger. Und diese Bürger möchten immer niedrigere Grenzwerte für Autos ganz allgemein, vor allem für Dieselfahrzeuge. Das betrifft übrigens durchaus nicht nur Autofahrer. Wirklich nicht nur die Autofahrer?

Nein, nicht nur die Autofahrer! Sondern alle Kunden von Dienstleistungen. Denn natürlich wollen genau dieselben Bürger, die für immer höhere Anforderungen an die Automobilingenieure sorgen, dass der kleine Markt um die Ecke preiswerten Blumenkohl anbieten, natürlich soll die Post pünktlich kommen, natürlich sollen Blumenkohl und Briefporto preiswert sein und bleiben! Und dann lassen sich zum Beispiel Familien im ländlichen Raum kaum mehr ohne Auto organisieren – da geht es um Arztbesuche, Turnunterricht, Schulstress ganz allgemein, Klavierunterricht und Reitstunden. Oder es geht darum, der krebskranken Mutter noch einige wenige letzte Besuche des Lieblingslokals zu ermöglichen. Ganz legitime, ganz nachvollziehbare Notwendigkeiten. Und das alles mit automobilen Emissionswerten, die sich im Fünfjahresrhythmus halbieren?

Kurz innegehalten, kurz nachgedacht. Wieviel vom ungeheuren VW-Skandal ist möglicherweise unser ureigener Skandal, der Skandal einer bigotten Gesellschaft?

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