Was man mit Gewalt gewinnt, kann man nur mit Gewalt behalten. Mahatma Gandhi

Die große Lüge der SPD

Die SPD sitzt im Umfrage-Sumpf und klagt über ihr schlechtes Image. Zu Recht. Die Partei belügt sich seit Jahren selbst.

Es heißt, die SPD habe ein Image-Problem. Es heißt, sie brauche mehr Streit und müsse zu ihrem Markenkern zurück, sich wieder für „soziale Gerechtigkeit“ einsetzen. Das heißt: Die SPD belügt sich weiter selbst.

Die Wahrheit ist: Streit hatte die SPD in den letzten Jahren genug, vor allem mit sich. Und klar, sie könnte mehr gegen die CDU keifen, aber dass sie das nicht macht, hat einfach den Grund, dass sie mit der CDU oft einig ist. Soll sie unehrlicher werden? Und mit der allseits geforderten sozialen Gerechtigkeit hat die SPD noch nie etwas gewonnen. Ein Blick auf ihre großen Siege reicht.

Willy Brandt, der Übervater, ist 1969 nicht im dritten Anlauf vom Volk zum Kanzler gewählt worden, sondern hat es mit knapper Mehrheit und unerwartetem Koalitionspartner zum Kanzler geschafft. Erst 1972 wurde er gewählt – und zwar für seinen Kniefall und die Ostpolitik. Und Gerhard Schröder, der jetzt als Anti-Sozialer verschrien wird, hat 1998 – nach 16 Jahren Kohl – den modernsten deutschen Wahlkampf gemacht, in dem er nur einen zentralen Inhalt vermittelt hat: sich selbst.

Doch an diesen Teil der Geschichte denkt die SPD nicht, sondern erzählt sich tapfer weiter, sie müsse zu ihren ewig sozial-gerechten Wurzeln zurück. Dafür soll nun eine Studie mit 53 Menschen bürgen. Das ist die große, übergeordnete Lüge der SPD. Die kleine, alltägliche ist die, die Sigmar Gabriel, der Vorsitzende, erzählt. Dass die SPD ein starkes Programm habe, das nur umzusetzen sei, die Hoffnung also, dass sich gute Arbeit eines Tages lohnen werde.

Die SPD fällt aus der Zeit

Die SPD müht sich in der Großen Koalition inhaltlich ab, aber die Leute honorieren das nicht, sie schimpfen lieber auf die Inhaltsleere der Politik allgemein und machen ihr Kreuz bei der CDU, die seit Jahren niemanden über Gebühr mit Inhalten belästigt. Man kann sich sein Volk halt nicht aussuchen, also sollte die SPD besser anfangen, ehrlich mit sich zu sein.

Ein Satz von Peer Steinbrück, dem Ex-Kandidaten, reicht, um das wahre Problem der Partei offenzulegen: „Der Held der SPD ist […] der gesinnungsethisch und parteiverträglich stark auftretende Delegierte auf der Parteikonferenz“ (aus dem aktuellen „Spiegel“).

Das ist sowohl eine Charakterstudie seiner Partei als auch die Begründung Steinbrücks dafür, warum es mit Steinbrück und der SPD im Wahlkampf nicht harmonierte. Steinbrück war zwar nicht der Charismatiker, der er hätte sein müssen, um Merkel zu schlagen, aber für die SPD war sein Charisma schon zu viel.

Denn kaum etwas ist der Partei so suspekt wie eine charismatische Führung, wenig gilt ihr edler als der reinherzige Angriff auf die eigenen Chefs. Gabriel ist der zehnte Vorsitzende in 20 Jahren. Ihren größten Charismatiker Schröder hat die Partei am meisten gehasst. Im historischen Kontext macht die SPD das sympathisch. Genauso wie ihre Lust am eigenen Leid, die sie bereit sein lässt, den Finger immer besonders fest in die eigene Wunde zu legen.

Aber im Deutschland 2015, dessen charismatischer Führer Angela Merkel ist, fällt die SPD damit aus der Zeit. Sie braucht eine charismatische Figur an ihrer Spitze, wenn sie regieren will. Um die zu bekommen, muss sie zu einer Partei werden, die Charisma und Führung nicht verachtet, sondern honoriert. In dieser Hinsicht braucht sie noch mehr von dem, was die CDU längst hat: den Willen zur Macht. Sonst kann sie – Programm hin, Programm her – bleiben, wo der Pfeffer wächst.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sebastian Pfeffer: Die lauwarme Partei

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