Danke, Genossen

von Sebastian Pfeffer15.09.2014Innenpolitik

Linke wählen? Wohl kaum, vielleicht nie. Trotzdem ist es Zeit, mal Danke zu sagen.

Die Linke ist inhaltlich oft, sagen wir: schwierig. Diese Lust, auf „Reiche“ zu schimpfen. Diese Sucht, auch noch den letzten Cent umzuverteilen. Dieser Wahn, alles staatlich regeln zu wollen. SED und Stasi im Gepäck. Abgeordnete im Bundestag, die immer noch der Verelendungstheorie anhängen.

Einst standen Plakate bei einer Landtagswahl in rund 200 Metern Abstand hintereinander an einer Hauptstraße. Das erste fordert: „Reichtum für alle“. Auf dem zweiten steht: „Reichtum besteuern“. Klar, gemeint ist es andersherum. Aber genau in dieser Abfolge beschreiben die Sprüche, was die Linke ist: die parteigewordene Wollmilchsau.

Die, die sich darin eingerichtet hat, stets nach mehr vom Mehr zu rufen und nie in der Verantwortung zu sein, selbst etwas herbeischaffen zu müssen. Die, die für den Fall der Fälle (Regierung) jedes Problem sofort lösen könnte. Allein, man lässt sie nicht, oh weh. (Ja, in Brandenburg, da regiert die Linke mit, aber das zählt nicht, Brandenburg kann jeder regieren, denn in Brandenburg ist nichts.) Die Linke redet immer zu laut, kritisiert immer zu hart, wirkt dabei zu weinerlich, bleibt versprochenes Wort.

Aber

Aber: Die Linke ist zum politischen Korrektiv geworden. Alleine schon, weil sie heute so oft wie noch nie die Partei ist, die allein eine alternative Position vertritt. Pazifismus. Punkt. Weil sie die einzige ist, die noch ungefähr weiß, wie die 20 bis 30 Prozent der Abgehängten zu erreichen sind. Und, weil sie verblüffend viele gute Leute hat.

Obwohl das so verblüffend möglicherweise auch wieder nicht ist. Wer nicht regiert, muss sich wenig verbiegen, wer anders denkt und spricht als die meisten, wirkt leicht wie ein besonderer Charakter. Doch reicht das, um die Qualität des linken Personals zu erklären? Kaum.

Sahra Wagenknecht, die Frontfrau, die bis zur Erschöpfung Talkshows und Interviewtermine absolviert, ist zwar gefühlt immer da und trotzdem meistens der beste Gast. Und obwohl man ständig etwas von ihr liest, wird man ihrer später müder als vieler der wortkargeren Kollegen. Wagenknecht, der die politische Haltung in jeder Strähne zu stecken scheint – wo findet man eine wie sie in den anderen Parteien?

Rhetoriker und Ausnahmetalent

Gregor Gysi, der als Oppositionsführer mit 66 Jahren rhetorisch sogar noch besser als früher wird, was schwer ist, weil Gysi dafür Gysi übertrumpfen muss, und der war schon immer gut. “Aktuell im Bundestag, eine Rede zur Maut:”:http://www.youtube.com/watch?v=JMQqPrhVzj4 „Wenn das je passieren wird, Herr Schäuble, dann muss ich Ihnen ein bisschen drohen. Dann werde ich mit allen Mitteln versuchen, die Straße zu kaufen, in der Sie wohnen. Und dann wird das für Sie sehr teuer, wenn Sie nach Hause wollen. Und außerdem benenn’ ich dann die Straße um und es wird Ihnen am peinlichsten sein, immer schreiben zu müssen, dass Sie zum Gysi Nummer 1 wohnen.“ Danke.

Dass er auch ernst kann, hat Gysi zuletzt in der Debatte um Waffenlieferungen an die Kurden bewiesen. Auch wenn er wegen des Drucks aus seiner Partei zurückrudern musste. „Mit Protestbriefen wird man IS nicht stoppen“, “hatte er der „taz“ gesagt”:http://www.taz.de/!143996/ und für viele Linke war das zu viel der Realpolitik, aber Gysi hat einmal mehr bewiesen, dass er ein tauglicher Politiker ist, weil er die Realität nicht verleugnet, nur weil sie ihn in seiner Komfortzone drangsaliert.

Ähnlich gut, wenn auch leiser, ist Dietmar Bartsch, der Ost-Realo. Oskar Lafontaines Einfluss hat ihn knapp den Parteivorsitz gekostet, er wäre wohl die bessere Wahl als Bernd Riexinger gewesen, vielleicht nicht für das nostalgische Empfinden der Linken, aber für ihre Fähigkeit, Anschluss zu finden und zu regieren. Bartsch ist einer der wenigen, denen man zutrauen kann, demokratischen Sozialismus wirklich in Politik umsetzen zu können. Selbst Sigmar Gabriel nannte den gebürtigen Stralsunder einst „ein Ausnahmetalent in der deutschen Politik“.

AfD löst Linke als Feindbild ab

Und dann ist da noch Bodo Ramelow, der Niedersachse, der 25 Jahre nach dem Mauerfall in Thüringen als erster Linker ein Bundesland “regieren kann”:http://www.theeuropean.de/bodo-ramelow/8939-landtagswahl-thueringen-ramelow-will-an-die-macht und damit das politische Gefüge der Republik erschüttern würde. Der angekündigt hat, dass sich kein Ex-IM Hoffnungen zu machen braucht, in seiner Regierung einen Posten zu holen.

2012 hat Ramelow erstmals einen “Gastbeitrag für The European”:http://www.theeuropean.de/bodo-ramelow verfasst, mehrfach danach. Seine Texte waren immer auf den Punkt, eigentlich wirkt er wie ein idealtypischer Sozialdemokrat. Wäre seine Regentschaft eine Gefahr für Thüringen, wie der politischen Gegner behauptet? Wohl kaum.

Es wäre vielmehr der Schritt zur endgültigen Etablierung der Linken. Jahrelang hat sie den übrigen Parteien als gemeinsames Feindbild gedient. Diese Rolle übernimmt nun die AfD. Damit, könnte man sagen, ist die Linke entdämonisiert. Sie ist deshalb insgesamt, gerade im Bund, nicht unbedingt wählbar geworden. Aber es ist an dieser Stelle trotzdem mal Zeit – für ihre Rolle und dieses Personal – Danke zu sagen.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Frau Weidel: Was hat es zu bedeuten, dass ich per Google nur Schweigen der AfD zu dieser Frage vorfinde?

Nach dem Attentat in Halle hat Boris Palmer (Die Grünen) an Alice Weidel (AfD) einen Offenen Brief geschrieben und fragt: "Wäre es nicht notwendig, dass Sie zu dieser Tatsache eine politische Bewertung abgeben? Wie stehen Sie dazu, dass Rassismus und Antisemitismus in Deutschland wieder zu Morden

Erdogan will die Tore bis Wien öffnen

Trumps wilder Rückzug aus Syrien macht Erdogan den Weg frei für seinen historischen Masterplan: Ein Eroberungsfeldzug zur Wiederherstellung des Osmanischen Reiches. Nicht nur die Kurden sind in Gefahr. Auch Europa droht gewaltiges Ungemach.

„Das Volk gegen seine Vertreter“ lautet Johnsons Devise

Der Mann hat keine Skrupel. Er agiert in einem bemerkenswert polemischen Wahlkampfmodus. Da wird das Florett der Rhetorik beiseitegelegt und zum rostigen Beil gegriffen. Boris Ziel sind Neuwahlen, weil er hofft, dass ihm die Wähler Recht geben und sich gegen ihre Vertreter im Unterhaus wenden werde

Der Islam und das linke Weltbild sollen mit allen Mitteln geschützt werden

Montag am frühen Abend im hessischen Limburg: Ein großer LKW steht vor der roten Ampel. Plötzlich reißt ein Mann (ca. 30 Jahre, Vollbart) die Fahrertür auf, starrt den LKW-Führer mit weit geöffneten Augen an. Dann zerrt er ihn mit Gewalt aus seinem Fahrzeug, setzt sich selbst rein und fährt

Fünf Gründe warum die Linkspartei an Geltungskraft verliert

Einst regierte die LINKE den Osten unisono und war als Kümmererpartei allgegenwärtig. Der deutsche Osten der Puls und die Partei seine Herzkammer. Doch die Windrichtung hat sich geändert, die Herzen auch: Die LINKE ist im Abschwung und verliert an Atem, ihr droht der Infarkt, wenn nicht gleich de

"Sag' mir, wo du stehst!"

Kann man den Klimawandel als ernstes Problem betrachten und trotzdem genervt sein von der allgegenwärtigen Klimapropaganda?

Mobile Sliding Menu