Es ist einfacher, die Rüstungspolitik zu verändern, als Opel zu verkaufen. Willi van Ooyen

Jugend-Sünde

Die deutsche Demokratie ist in eine Schieflage geraten, Politik wird für alte Leute gemacht. Die Jungen haben nur eine Wahl: ihre eigene Partei.

Unsere Gesellschaft altert nicht, sie ist alt. Denn es geht um mehr als die bloße Anzahl älterer und jüngerer Menschen. Eine Gesellschaft ist alt, wenn die Interessen der Alten sehr gut und die der Jungen sehr schlecht vertreten sind. Unsere Demokratie ist, was das betrifft, in eine Schieflage geraten.

Dabei heraus kommen Beschlüsse wie das Rentenpaket, das Arbeitsministerin Andrea Nahles gepackt hat. Die Schere, die sich daran zeigt, ist symptomatisch: Die Alten erhalten die Leistungen, die Jungen tragen die Kosten. Das Paket ist an Menschen über 50 adressiert. Nur für sie ist die frühere Verrentung mit 63 Jahren interessant und nur sie erhalten die Mütterrente jetzt oder wenigstens bald.

Wer nach 1964 geboren ist, hat Pech. Alle unter 40 können die Passagen mit den Leistungen getrost ignorieren – für die Renten in 20 oder 30 Jahren haben die ungefähr so viel Bedeutung wie der gestrige Wetterbericht. Für die Jungen sind nur die Kosten relevant.

Entsprechend einhellig fallen die Reaktionen auf das Paket aus: Gut für die Alten, schlecht für die Jungen. Allerdings fehlt bislang das richtige Fazit. Eigentlich haben die Jungen für die Zukunft nur eine Wahl: Sie müssen ihre eigene Partei gründen.

Niedrige Beteiligung der Jungen

Denn die Politik der etablierten Parteien ist von den Interessen der Alten bestimmt, unsere Demokratie wird immer mehr die ihre. Das liegt zum einen am Engagement der Älteren. Auf politischen Veranstaltungen füllen ergraute Föhnfrisuren und kahle Hinterköpfe die Reihen, in Parteigremien, Stiftungsbeiräten und Vereinsvorständen sitzt und kennt man sich seit Jahrzehnten. Die aktuelle Generation der Rentner ist die gesündeste, gebildetste und reichste, die es in diesem Land je gab. Die Alten haben Kraft, Verve und vor allem Zeit.

Die Jungen können weit weniger Ressourcen einsetzen. Zumindest über viel Zeit haben Studenten mal verfügt und waren auch deshalb stets eine politische Kraft. Doch heute steht der erste Aufenthalt im Ausland oft schon vor dem Studium an, der Bachelor-Master-Lehrplan ist eng und in den Semesterferien werden Praktika wegabsolviert. Die Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg ist so groß wie die gefühlte Selbstverständlichkeit der Demokratie. Deshalb wird mehr auf das geldwerte Fortkommen hin optimiert und die Politik eher ignoriert.

Je älter ein Deutscher ist, desto eher wählt er. 2013 nehmen 80 Prozent der 60- bis 70-Jährigen an der Bundestagswahl teil, bei den 70- bis 80-Jährigen sind es rund 75 Prozent. Am geringsten ist die Beteiligung bei den 21- bis 25-Jährigen, nur 60 Prozent wählen noch (alle Zahlen finden sich hier).

Die niedrige Beteiligung der Jungen wird durch ihre geringe Zahl noch dramatischer. Rund 22,5 Millionen Wahlberechtigte sind 2013 älter als 50, nur knapp 18 Millionen unter 40. In den nächsten Jahren wird das nicht besser, 2014 feiern die Babyboomer ihren Fünfzigsten, die kommende Rentnergeneration wird die größte jemals dagewesene sein.

Politik für Junge lohnt sich nicht

Das allein sind gute Gründe für jede Partei, um vorzugsweise die Interessen der Alten zu bedienen. Es kommt aber noch ein weiterer Grund dazu. Die Politik ist im Verteilen nämlich viel besser als im Gestalten. Ein Gesetz wie das zur Mütterrente lässt sich einfach beschließen und das entsprechende Geld sich überweisen (oder nicht abbuchen). Eine Bildungsreform beispielsweise, die sich erst in der Zukunft auszahlt, ist dagegen viel komplizierter.

Stellt man sich Deutschland als ein Auto vor, in dem die Bundesregierung vorne sitzt und steuert, ist das Verteilen das Gaspedal. Tritt man darauf, strömt mehr Benzin in den Motor und er läuft. Für alle Manöver, die darüber hinausgehen, sind zusätzlich Kupplung, Lenkrad, Blinker, Scheibenwischer, Navigationssystem nötig – und beizeiten die Bremse. Mal abgesehen davon, dass irgendwann der Tank leer ist.

Über diesen Teil der Fahrt denken die etablierten Parteien aber wenig nach. Zwar gibt es mit Jusos, Junger Union, Grüner Jugend, Julis und Linksjugend in allen größeren Parteien Jugendverbände. Doch die sind aus mehreren Gründen zu schwach. Erstens ist ihr Anteil in den Parteien jeweils gering, zweitens sind sie meist noch mit ihrer ersten Karriere befasst und können sich nicht voll auf die Politik konzentrieren, und drittens ist ab Mitte 30 in der Regel Schluss mit dem Jugendverband – die Parteikarriere fängt dann aber meistens erst an. Tonangebend ist überall die Generation 50+.

Schlussendlich ergibt sich so eine Situation, in der es sich für die etablierten Parteien schlicht nicht lohnt, Politik für die Jungen zu machen – erst recht nicht, wenn deren Interessen mit denen der Älteren abgewogen werden müssen. Die Nahles-Milliarden können entweder in die Mütterrente fließen oder z.B. in Bildung. Da es die Alten sind, die Mehrheiten beschaffen, gehen ihre Interessen im Zweifel vor.

Der Fehler der Jungen

Ergo müssen die Jungen nicht jammern, sondern strategisch ihre elektorale Relevanz erhöhen. Denn der Fehler liegt weder bei den Älteren, die derzeit die besseren Demokraten sind, noch bei den Parteien, die nun mal auf Mehrheiten abzielen. Den Fehler macht die junge Generation, die ihre Interessen nicht richtig vertritt.

Dabei liegen die auf der Hand. Von Investitionen in die Zukunft, in Bildung, Forschung und Infrastruktur profitieren die Jungen mehr. Weil sie noch ein ganzes Leben als Steuerzahler vor sich haben, sind geringe fiskale Belastungen eher gut, sie brauchen zukünftiges Wirtschaftswachstum und einen Arbeitsmarkt, der möglichst viele Chancen bietet. Daraus müsste nur noch wer ein Programm schneidern.

Es hat für die Jungen jedenfalls keinen Sinn mehr, ihre Stimmen und ihr Engagement auf alle etablierten Parteien zu verteilen. Damit sind und bleiben sie in jeder und für jede Partei marginal. So wird für sie keine Politik gemacht und in Zukunft nicht gemacht werden.

Machen wir es kurz: Die Jungen müssen ihre Stimmen auf eine Partei vereinen – oder sie werden bleiben, wo der Pfeffer wächst.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sebastian Pfeffer: Die lauwarme Partei

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