Hand-Haltung

von Sebastian Pfeffer27.12.2013Innenpolitik

Eine Zeit ohne Ziele, dafür mit Ruhe, kaum Diskurs, aber viel weiter so. Nichts beschreibt den Zustand des Landes 2013 besser, als die beiden Hände der Kanzlerin.

Mein Wort des Jahres ist „Handhaltung“.

Es ist ein interessantes Wort, jedenfalls im richtigen Kontext. Die äußere Haltung der Hände drückt die innere Haltung des Menschen aus. Angela Merkels Hände zeigen, wie sie tickt und damit auch, mit welchem Takt das Herz des Landes schlägt, das sie so klar erneut zur Kanzlerin gewählt hat. Die Merkel-Raute bildet das Skelett der deutschen Seele.

Nur ein Gag sollte es sein, mitten im Wahlkampf: Die Merkel-Raute übergroß in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs. Sie hatten die Hände der Kanzlerin auf die Fassade einer Hotel-Baustelle geklebt, und wenn die Raute sehen könnte, hätte sie von dort auf den Reichstag und das Kanzleramt geschaut, freie Sicht auf das Regierungsviertel gehabt, den Fernsehturm am Horizont. Die Raute hoch über dem Zentrum der Macht.

Eine Haltung des Sowohl als Auch

Möglich, dass Merkel ihre Hände einst nur deshalb so faltete, weil sie keine Hosen trug, die Taschen hatten, weil sie nicht wusste wohin, nicht die Arme verschränken wollte oder sich davon abhalten musste, die Faust zu ballen. Aber nein, niemand macht so eine Bewegung einfach so und immer wieder. Dahinter stecken Gefühle, Regungen, Impulse. Dahinter steht eine Haltung.

Die Regung des Körpers sagt fast immer mehr als alle Worte. Deshalb lernen Politiker ihre Körpersprache zu kontrollieren, genau wie Manager oder Schauspieler. Die Kameras sind jederzeit überall, schon eine achtlos verzogene Braue könnte ein festgetackertes Lächeln für alle Augen entlarven. Beim Händedruck ist jeder erpicht, seine Hand oben auf der des anderen zu haben; das signalisiert Dominanz, manchmal stapeln sich die Hände dann mehrfach übereinander.

Was sagen uns die Hände der Kanzlerin? Merkels Hand-Haltung – die Raute – zeigt ein Sowohl als Auch. Sie ist nicht offen aggressiv, defensiv aber auch nicht. Eine Position der Mitte. Stellt man die Raute in den Wind, sorgt ihre Form kaum für Widerstand. Dabei ist es egal, wie man sie wendet, die Raute ist ergonomisch wie ein Fisch, an allen Seiten gleitet alles an ihr ab.

„Sie kennen mich“

Nicht einmal die Union weiß heute noch sicher, wofür die Union steht. Dirk Kurbjuweit hat Merkels Haltung im letzten „Spiegel“ des Jahres als „kühlen Nationalismus“ bezeichnet, und so versucht, diese Widersprüche in Worte zu pressen. „Sich schonen und Geschäfte machen“ – das sei zugespitzt das deutsche Interesse à la Merkel. Wettbewerbsfähigkeit, Haushaltskonsolidierung, keine Experimente; die ideologische Justierung liefert je nach Umfragen das Bauchgefühl. Das sind die Eckpunkte der merkelschen Raute.

Damit trifft die Kanzlerin den Geist der Zeit und die Gefühle ihrer Zeitgenossen. Gerne haben die Deutschen Merkel als Mutti, obwohl die oft so unnahbar wirkt, wie es kaum einer von seiner Mutter möchte. Doch die Deutschen sind zu gewissem Maße egoistisch, zu gewissem Maße stolz und zu gewissem Maße zufrieden. In dieser ungewissen Epoche sorgen eindeutige Zeichen nur für Verwirrung.

„Sie kennen mich“ war der prägnanteste Satz, den die Kanzlerin im Wahlkampf gesagt hat. Deutlicher kann man nicht undeutlich sein. Merkel appellierte an eine Vertrautheit, die simuliert ist, denn wenn eines sicher ist, dann dass die Bürger diese Kanzlerin nicht kennen, die sich politisch fast nie äußert und von der privat kaum mehr bekannt ist, als ihr Mann, der Streusel mag.

Rauten-Jahre ohne Ziel

„Wir charakterisieren die Epochen unseres Landes und unserer Leben anhand der Regierungschefs“, schreibt Nils Minkmar in seinem aktuellen Buch („Der Zirkus“). Dem Muff der Adenauer-Zeit folgte der Aufbruch Brandts, die bleierne Zeit unter Schmidt und die kohlschen Wendejahre; Schröder steht für Reform und Spaltung. Die Merkel-Jahre sind Rauten-Jahre, eine Zeit ohne Ziele, dafür mit Ruhe, kaum Diskurs, aber viel weiter so.

Wohin das auf diese Art verrautete Deutschland steuern wird, ist völlig offen. Das ist ein denkbar ernüchterndes Ende für einen Text und passt doch zu der Nicht-Eindeutigkeit für die das Wort des Jahres 2013 steht: die Raute.

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