Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Ludwig Wittgenstein

Skandal!

Zeige mir ihre Skandale und ich sage dir, wie deine Gesellschaft ist. Ein anderer Blick auf die politische Karriere von Wolfgang Schäuble.

Am Dienstag ist Wolfgang Schäuble 70 geworden. Der Finanzminister ist beliebt im Land, zumindest, wenn es danach geht, Beliebtheit als etwas Messbares aufzufassen und in Relation zu anderen Politikern zu setzen. Nur Angela Merkel erreicht dann (knapp) einen besseren Wert. Auf rund 50 Jahre Politik schaut Schäuble zurück. Da ist viel Stoff für Würdigungen und Glückwünsche aller Art, doch solche werden dieser Tage schon zur Genüge geschrieben. Doch Schäubles Karriere erzählt viel mehr als nur die Geschichte einer bedeutenden Persönlichkeit – gerade weil es sie heute so nicht wieder geben würde.

Im Jahr 2000 war Schäuble CDU-Vorsitzender und einige Zeit lang sah es so aus, als nahe das Ende seiner politischen Laufbahn. „Das war’s“, schrieb damals „Spiegel Online“. Es waren die Tage, als die Untiefen der Spendenaffäre sichtbar wurden und die Forderungen nach Rücktritt laut. Schäuble trat zurück. Politisch am Ende war er jedoch keineswegs. Der Finanzminister ist heute einer der wichtigsten Politiker Europas, einer, der das deutsche Geld zusammen und die Europäer auf Linie hält. Und das, obwohl er es einst nicht geschafft hat, 100.000 Euro korrekt zu verbuchen, die ihm nett im Umschlag übergeben wurden.

Eine Gesellschaft erkennt man an ihren Skandalen

Damals war das ein Skandal, die ganze Spendenaffäre war einer. Was nicht viel sagt. Wikipedia weiß, „ein Skandal bezeichnet ein Aufsehen erregendes Ärgernis und die damit zusammenhängenden Ereignisse oder Verhaltensweisen“. Der Duden schreibt: „Geschehnis, das Anstoß und Aufsehen erregt“. Der Skandal ist also eine vage Zustandsbeschreibung, nichts Definitives.

Den bis dato letzten großen Skandal der politischen Landschaft hat Christian Wulff ausgelöst. Legt man Wulffs und Schäubles Vergehen übereinander, treten die unterschiedlichen Dimensionen hervor: 100.000 Euro hier, kostenfreie Übernachtungen dort, Rehabilitierung auf der einen, Persona non grata auf der anderen Seite. Die Skandalwaage misst mit mehrerlei Maß.

Der Mainzer Publizistikprofessor Hans-Mathias Kepplinger ist einer der renommiertesten, aber auch pessimistischsten Skandalforscher. Er sagt, für die Entstehung eines Skandals sei es unerheblich, ob tatsächlich ein Missstand besteht. „Entscheidend ist die Vorstellung der Mehrheit.“ Das heißt, für eine Gesellschaft, in der im sprichwörtlichsten Sinne niemand mehr einer Fliege etwas zuleide tut, ist das Töten einer Fliege ein Skandal.

Daran, was zum Skandal wird und mit welcher Heftigkeit die Skandalisierung abläuft, lässt sich also viel über die Gesellschaft selbst ablesen. Sie legt ihre aktuelle moralische Messlatte an. Positiv formuliert, kann sie sich dadurch insgesamt korrigieren, sich neue (höhere) Standards geben und Vereinbarungen über die (nähere) Zukunft treffen.

Heute bliebe Schäuble die Rehabilitation verwehrt

Negativ formuliert bedeutet es, dass eine Person einen Skandal völlig unbeabsichtigt auslösen kann, weil die moralischen Spielregeln erst im Nachhinein definiert werden. Und sie werden eben nicht mit einem Maß begutachtet, das fair und im Kontext abgewogen wurde. Bettina Wulff macht gerade so eine Erfahrung, wenn auch in abgeschwächter Form. Kepplinger sagt dazu: „Wo es die meisten Missstände gibt, gibt es die wenigsten Skandale.“ Und umgekehrt.

Auf Wolfgang Schäuble und Christian Wulff übertragen heißt das, sie hatten das Glück oder das Pech, in Zeiten verschieden großer Missstände einen „Anstoß“ zu erregen. Würde Schäuble heute mit einem Geldkoffer erwischt, wäre ihm die Rückkehr in Amt und Würde wohl auf ewig verbaut; über Wulff hätte man vor einigen Jahren vielleicht noch milde gelächelt.

Wichtig ist aber auch der Umgang des Skandalisierten mit dem Skandal. Widerstand scheint dabei einigermaßen zwecklos. Studien zeigen, dass Menschen die Handlungen anderer meist so beurteilen, als ob diese aus intrinsischen Motiven heraus agiert haben. Wenn ein anderer etwas Schlechtes tut, dann weil er ein schlechter Mensch ist. So knapp, so einfach. Fragt man Menschen nach ihren eigenen Handlungen, nennen sie dagegen meist externe Faktoren als handlungsleitend. Die Umstände sind schuld, was getan wurde war gewissermaßen alternativlos.

Skandalisierte und die Öffentlichkeit reden deshalb zwangsläufig aneinander vorbei. Der größtmögliche Fehler ist dabei der Verweis auf die bislang gültigen moralischen Standards. Also auf vergleichbare Handlungen anderer. Und natürlich kommen die ganz menschlichen Faktoren hinzu: Wer viele Neider, Konkurrenten, Feinde hat, der wird wohl eher fallen, weil entsprechend viele den Marsch mitblasen. Fasst man Kepplinger knapp zusammen, dann muss der Skandalisierte sich möglichst plausibel erklären, Demut zeigen und in Deckung gehen. Nur wer sich in das moralische Gerüst wieder einfügt und glaubhaft vermitteln kann, in Zukunft den Ansprüchen zu genügen, kann auf seine Rehabilitierung hoffen.

Unmenschlich, diktatorisch

Das Ergebnis all dieser Mechanismen ist durchaus obskur. Die Politik ist heute vermutlich „sauber“ wie selten zuvor, ihr Ansehen aber auf einem historischen Tiefpunkt. Man kann das aus Zucht-und-Ordnung-Sicht befürworten oder die Ausweglosigkeit sehen: Die Gesellschaft wird mit ihren moralischen Ansprüchen niemals Frieden schließen können. Folgt man Kepplingers pessimistischer Sicht, entstehen so über kurz oder lang unmenschliche, ja diktatorische Systeme.

Schäuble hat in 50 Jahren einen Fehler gemacht und vieles richtig. Eine große Karriere in knappen Worten. Und eine, die es heute so wohl nicht mehr geben würde. Wer weiß, vielleicht hätte auch ein Christian Wulff dem Land noch große Dienste erbracht. 50 Jahre sind eine lange Zeit.

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