Der Krieg ist und war nie aus der Welt. Christopher Clark

Talk tut gut

Zu viel, zu seicht, die immergleichen Nasen. Auf die Talkshows in der ARD wird derart viel geschimpft – Zeit für eine Gegenrede.

Die Talkshows im Ersten doof zu finden, ist schrecklich en vogue. Wenn selbst „Bild“-Zeitung und ARD-Granden eine unheilige Allianz von Talk-Verächtern formen und „Ohrfeigen“ verteilen, ist Innehalten und Selbstdenken angesagt – solch intellektuellem Hipstertum mag ich nicht angehören. Darum: Fünf Gründe, warum Talkshows uns Deutsche zu besseren Menschen gemacht haben.

Wir sind optimal gebildet. Was lief vor 30 Jahren in der ARD? Montags jedenfalls nicht „Hart aber fair“, sondern das politische Magazin „Kontraste“. Dienstags statt Maischberger die Doku „Kunst geht nach Brot – Beobachtungen zur Kulturpolitik des Bundesverbandes der Deutschen Industrie“; mittwochs keine Anne Will, dafür: „Tagesthemen“. Und wo wir heute Beckmann lauschen, knisterte im Juli 1982 an einem Donnerstagabend noch die Doku „Kein Leben ist perfekt – Made in Hongkong“, in der Röhre. Auch Jauch gab’s noch nicht, stattdessen am Sonntag die „Expeditionen ins Tierreich“.

Sind Sie noch da? Respekt, falls ja. Denn all das klingt so intellektuell, aber mal ehrlich, wer hat dazu jeden Abend Lust, nach Tagen mit durchaus anderweitig gehirnträchtigem Tun. Aktuelle Themen, frisch redaktionell aufbereitet und mit redegewandten Experten aus unterschiedlichsten Richtungen beleuchtet, das ging erst 1998 mit „Christiansen“ langsam los: Montags Salafisten, dienstags Kindererziehung, mittwochs Beschneidung, donnerstags Abenteurer und ihr Leben am Limit, sonntags dann das Trauma Afghanistan – so umfassend und mundgerecht wurden wir noch nie informiert und beraten.

Wir sind tolle Gesprächspartner. Lange war da eine Ahnung, das Fernsehen brachte den Beweis: Menschen sind Egomanen, sind Egomanen, sind Egomanen. Wenn einer sagt, es geht um „Inhalte“, dann meint er, „es geht um mich!“ Wenn einer sagt, „bleiben wir bei der Sache“, dann meint er, „Schluss mit Ihrem Geschwätz!“ Wenn einer sagt, „lassen Sie mich doch mal ausreden“, dann um andere zu unterbrechen. Der allabendliche Fernseh-Talk hat jede noch so kleine Egomanie schonungslos ins Licht gestellt. Mit unermüdlichem Eifer halten uns Talker und Gäste den Spiegel vor. Ereifern, Schwindeln, Mobben. Jetzt wissen wir, so geht es nicht. Jetzt lassen wir unsere Gesprächspartner ausreden und gehen auf ihre Argumente ein. Danke, Talkshow.

Wir sind tolerant gegenüber anderen. „Ach, der auch“, seufzten sie früher über die Sofakissen, wenn von Dirk Bach bekannt wurde, dass er Männer mag. Dann kamen Hella von Sinnen, Lilo Wanders, Hape Kerkeling – heute glaubt kaum jemand mehr, unterhaltsame Moderatoren könnten nicht vom anderen Ufer sein. Wir überschätzen nämlich schnell ihre Zahl, wenn exotischere Menschen geballt im Fernsehen vorkommen. So funktioniert das Gehirn: Es rechnet die Einzelfälle zur Realität hoch, und das führt dazu, dass Randgruppen weniger randgruppig wirken. Politiker, Wissenschaftler, Journalisten, Betroffene. Je mehr von ihnen in Talkshows sitzen, desto eher sagen wir: „Die sind ein Teil der Gesellschaft wie ich.“ Und das ist gut so.

Wir sind nicht nachtragend. Wer ehrlich zu sich ist, der weiß: Es nervt, wenn unsere Meinung nicht akzeptiert wird und erst recht, wenn jemand dreist genug ist, das offen zu sagen. Dann streiten wir schnell und werden laut – du unterbutterst mich nicht! Doch unverhofft kommt Günther Jauch, legt behutsam die Hand auf den Streithahn-Arm und Beckmann schaut tief in unsere Augen. Ein bisschen traurig sieht er aus, dafür voller Versöhnung. Wer will da noch böse sein? In den Talkshows wird sich oft keine Sekunde Zeit, kein Zentimeter Raum gegönnt. Trotzdem sitzen sie wenige Wochen später wieder beisammen, die gleichen Köpfe, nur der Rauch ist verzogen. Die Talkshow, vorgelebte Versöhnung.

Wir sind zufrieden mit unserem Leben. Lange war da diese innere Unruhe, weil der Alltag oft so furchtbar dröge ist. Ein Blick aus dem Fenster, geschaut und gedacht: Schon wieder Regen. In der Flimmerkiste dagegen, immer Sonnenschein: fidele Prominente und Hollywood-Geschichten überall. Dann kam der Talk, nackt und ungeschminkt. Jetzt ist klar, warum wir ständig über das Wetter reden. Weil die Themen nicht auf den Bäumen wachsen. Die Talkshow ist ein großes soziales Experiment: Verzichten Sie auf den Smalltalk und verwickeln Sie jeden flüchtigen Gesprächspartner jeden Tag in eine gehaltvolle Konversation über die wichtigsten Themen der Woche. Das können Sie nicht? Ha! Die Quassel-Profis in der ARD auch nicht. Seither reden wir ohne Gram über Sonne und Regen. Talkshowgucken befreit.

Was zu beweisen war: Dank der Talkshows im Ersten sind wir heute bessere Menschen als früher, wenn auch nicht perfekt. Noch ist Raum für Entwicklung frei. Freitags zum Beispiel.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ramin Peymani, Alice Weidel, The European Redaktion.

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