Gute Droge, schlechte Droge

Sebastian Pfeffer6.07.2012Innenpolitik

Die Drogenpolitik ist vielerorts noch immer schwarz-weiß, weil nicht wahr sein kann, was nicht sein darf. So entstehen sinnlose Verbote und konstruktive Ansätze werden verbal tot geprügelt. Dabei sind fast alle Menschen Junkies.

Nehmen Sie Drogen? Nein, sagen jetzt die meisten. Und lügen. Ihre Behauptung stützt sich auf eine Definition, die sprachlich elegant „legal“ mit gut und „illegal“ mit schlecht verwechselt. Was eine Droge ist und was nicht, bestimmt jede Gesellschaft selbst. Jenseits dieses begrifflichen Ablasshandels nehmen so gut wie alle Menschen Drogen. Nicht jeder ist süchtig. Aber ganz ohne leben? Schluss mit der Doppelzüngigkeit. „Gut oder gaga?“ Klingt wie eine Zeile der „Bild“, “ist eine Zeile der „Bild“”:http://www.bild.de/politik/inland/schleswig-holstein/erstes-bundesland-plant-drogen-tuev-24983762.bild.html. Es geht um Schleswig-Holstein, genauer gesagt um Stellen im dort gerade niedergebrachten Koalitionsvertrag (SPD, Grüne und SSW), die Drogen und ihren Konsum betreffen. In dem Papier ist die Erprobung des „Drug Checking“, gewissermaßen ein Drogen-TÜV, vereinbart. Dabei sollen Drogenkonsumenten die Möglichkeit erhalten, ihren Stoff von einer unabhängigen Einrichtung auf seine Qualität testen zu lassen. Und das im Zweifel direkt vor Ort, also quasi am Eingang der Disco.

Drogentote im Jahr 2011: 986

Gewohnt aufgeregt lässt die „Bild“ dazu den „Fachmann“ Rasmus Vöge sprechen. Der ist CDU-Vize in Schleswig-Holstein und weist in Sachen „Drogen“ sonst keine Qualifikationen auf. Zum Poltern langt’s: „Die neue Regierung ist offenbar selbst zugedröhnt! Wir müssen härter gegen Drogen vorgehen – nicht laxer.“ Es ist nicht überliefert, ob Vöge davor oder danach zum Bier gegriffen hat. In der kurzen Posse zeigt sich fast das gesamte Dilemma der Drogenpolitik in unserem Land. Zäumen wir es von hinten auf: Mit Drogen meint Vöge alles, was nicht Nikotin, Alkohol oder apothekengeführte Tablette ist. Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 110.000 Menschen am Rauchen und 73.000 am Alkohol. Zwischen 1,4 und 1,9 Millionen Bundesbürger sind von legalen Medikamenten abhängig. Drogentote im Jahr 2011: 986. “Alles offizielle Zahlen der Drogenbeauftragten der Bundesregierung”:http://www.drogenbeauftragte.de/drogen-und-sucht.html.

Ein Drittel der Deutschen soll kriminell sein?

Warum also lassen vor allem Konservative immer sofort die Abteilung Attacke von der Leine, wenn es um Drogen ab der Norm geht? Mit etwas Sarkasmus lässt sich sagen: Eben weil sie so wenige Menschen nehmen. Eben weil Millionen Trinker und Raucher fröhlich zustimmen können. So richtig sinnvolle Gründe gibt es kaum. Der Staat hat ein pessimistisches Bild seiner Bürger, das ungefähr so aussieht: Lassen wir es ihnen durchgehen, nehmen sie alle Heroin. So saufen sie wenigstens nur. Überlegungen, die Drogenpolitik zu lockern, wie sie Grüne, Linke und Piraten immer mal anstellen, “stoßen auf reflexhafte, heftige Ablehnung”:http://www.rp-online.de/politik/deutschland/cdu-empoert-ueber-cannabis-offensive-1.2685672. Tatsächlich sind die Harten im Garten der Illegalen drastisch in der Minderheit. Inwieweit sich das mit den Verboten erklären lässt, ist schwer zu sagen. Fest steht: Mehr Menschen könnten harte Drogen nehmen, so schwer sind sie nicht zu beschaffen. Wer aber „Drogen“ nimmt, hat es fast immer mit Cannabis zu tun. “Das soll schlimmer sein als Alk und Kippen”:http://www.cducsu.de/Titel__keine_legalisierung_von_cannabis/TabID__6/SubTabID__7/InhaltTypID__1/InhaltID__20984/inhalte.aspx, doch wirkliche Belege fehlen. Eher im Gegenteil: Cannabis-Tote sind nicht bekannt, kaum einer greift nach der „Einstiegsdroge“ zu harten Sachen. Hier zeigt sich die ganze Willkürlichkeit der Definition von illegalen Drogen: Über ein Drittel aller Erwachsenen in Deutschland konsumieren in ihrem Leben Cannabis. Ein Drittel der Deutschen soll kriminell sein? Die Frage, ob so ein Verbot sinnvoll ist – und Alkohol erlaubt – erübrigt sich.

Missstände, die der Staat erst schafft

Bleiben Ecstasy und Co: Jede Mutter sollte ihren Kindern davon abraten, diese Dinge zu nehmen. In einer perfekten Welt – der von Müttern – sind Menschen ohne Drogen glücklich. Dass die Welt nicht perfekt ist, weiß der Staat, deswegen sind manche Drogen legal. Doch auch die harten illegalen Drogen werden konsumiert, auch das ist Realität. Praktische Lösungen wie das „Drug Checking“ nehmen diese Realität an. Und schließen eine Lücke, die der Staat erst schafft. Weil er die Produktion illegal hält, ist mangelnde Qualität eine ständige Gefahr. Wer von seinem Wodka blind wird, dem hilft die deutsche Justiz. Schwierig bei gepanschten „Drogen“. Es hat deshalb durchaus Sinn, solche Methoden zumindest zu erproben. Was der Staat kriminalisiert, kann er nicht regulieren. Müsste er aber. Denn Abseits vom Gepolter von „Bild“, Vöge und Konsorten ist übermäßiger Drogenkonsum immer ein Symptom individueller oder gesellschaftlicher Missstände, mit dem man sich konstruktiv auseinandersetzen muss. Dass hartes Vorgehen hier nichts bringt, zeigt der Blick in die USA: Trotz repressivster Politik in einigen Staaten geht der Konsum nicht zurück – dafür wird im benachbarten Mexiko der blutigste (Drogen-)Krieg unserer Zeit mit befeuert.

„Hartes Vorgehen“ hilft keinem

Verbote kriminalisieren nicht nur die Nutzer und schaffen einen Markt, der hohe Gewinne verspricht – Geld, das in Taschen von Leuten wandert, die keine Steuern zahlen und es oft noch für andere Arten der Kriminalität aufwenden. Verbote gehen auch an der Realität vorbei. Wenn, dann muss man konsequent sein und alles verbieten (viel Spaß). Die deutsche Doppelzüngigkeit aber steht am Eingang der Disco und sagt: Trink so viel du willst, aber lass das Ecstasy bitte draußen.

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