Auf ins letzte Gefecht

von Sebastian Pfeffer4.06.2012Innenpolitik

Die Linke hat ihren pragmatischen Flügel gestutzt. Sie entsolidarisiert sich mit den benachteiligten Bevölkerungsteilen, die sie vorgibt zu vertreten. Lieber spinnt sie weiter an der Legende des Verrats, der allen linken Träumen im Wege steht.

Die Linke ist innerlich so zerrissen, dass nur Masochismus sie überhaupt zusammenhält. Nie verwuchs miteinander, was nicht zusammengehört. “Am Ost-West-Konflikt”:http://www.theeuropean.de/stimmen_der_anderen/11162-lafontaine-zieht-seine-kandidatur-zurueck in der Partei wird vielmehr deutlich, wie tief die unterschiedliche Prägung sitzt. Es ist nämlich bezeichnend, dass die im kommunistischen Diktat der DDR aufgewachsenen Politiker in der Linken heute mehrheitlich die Realos stellen. Einerseits mag das an ihrer Regierungsverantwortung im Osten liegen. Andererseits muss man sich fragen, was genau es ist, dass Vertreter der Westfraktion nach der gescheiterten Wahl von Ost-Realo Bartsch grölen lässt, „ihr habt den Krieg verloren“, bevor dann die „Internationale“ geschmettert wird. Was Gregor Gysi, den Ost-Realo mit echter kommunistischer Erfahrung, von „Hass“ zwischen den Lagern sprechen lässt. bq. _Völker, hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht._ „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“ Dieser KPD-Kampfruf aus Weimarer Zeit prägt auch heute noch das Welt- und Feindbild vieler in der Linkspartei – vor allem im Westen. Weil das Feindbild für das Selbstverständnis so immanent ist, wird der Klassenfeind im Inneren gesucht. Der wahre Gläubige schneidet ins eigene Fleisch. So demonstriert er, wie ernst es ihm ist. Die, die im Westen als Linke aufwuchsen, hatten in den Jahrzehnten nach dem Krieg sicher einigen Grund, sich als Riss in einer noch immer fest stehenden Wand aus rechtskonservativen Einstellungen zu sehen. Der Anti-Kommunismus und die Auseinandersetzung mit der DDR im Kalten Krieg tat sein Übriges: Hier ich, da das System. bq. _Reinen Tisch macht mit dem Bedränger! Heer der Sklaven, wache auf! Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger Alles zu werden, strömt zuhauf!_ “Heute ist die Republik links wie nie”:http://www.theeuropean.de/sebastian-pfeffer/10697-die-schwaeche-der-linken-in-deutschland. In ihr sitzen Gewerkschafter, SPD-Flüchtlinge, Träumer, Radikale und linke Spinner mit alten SED-Kadern und jungen Ost-Reformern zusammen. Den Westlern unter ihnen fehlt dabei vor allem eins: der Erfolg. Maximal auf die Fahnen schreiben können sie sich, die SPD mit kurzfristigen Wahlerfolgen in der Post-Schröder-Ära wieder nach links geholt zu haben. Obwohl mit dem internationalen Finanzsystem der Urfeind, das Kapital, wie nie am Pranger steht.

Suchen nach Verrätern in den eigenen Reihen

Die Schuld dafür sucht der einzelne, oh Wunder, nicht bei sich. Aber auch nicht im Lager der offensichtlichen politischen Gegner. “Statt sich mit Sachthemen zu befassen”:http://www.theeuropean.de/christian-boehme/11234-zustand-der-linkspartei und die wieder erstarkte “SPD”:http://www.theeuropean.de/gerd-mielke/11211-profil-und-fuehrung-der-spd für ihre staatstragende Kollaboration mit Schwarz-Gelb anzugreifen (geschweige denn, brauchbare Alternativen anzubieten), wird nach den Verrätern in den eigenen Reihen gefahndet. Im Osten, unter den Realos werden sie gefunden. Weil dort versucht wird, einfach mal pragmatisch Politik zu machen. Die West-Linke ist so sehr daran gewöhnt, sektiererischer Außenseiter zu sein. Verschwörungstheorien haben in solchen Gefilden immer Konjunktur. bq. _Die Müßiggänger schiebt beiseite! Diese Welt muss unser sein; […] Erst wenn wir sie vertrieben haben dann scheint die Sonn’ ohn’ Unterlass!_ Auseinandersetzungen innerhalb einer Partei sind an sich kein Problem. Zwar wissen wir, das kleine homogene Gruppen (mit großen Ressourcen) immer schlag- und tatkräftiger sind als ein großer heterogener Haufen. Wer jedoch Auseinandersetzungen führt wie die Linke, “wer wie Lafontaine versucht, jede innere Demokratie zu ersticken”:http://www.theeuropean.de/bodo-ramelow/11188-die-linke-vor-dem-parteitag-in-goettingen, der offenbart vor allem ein Problem mit dem Selbstverständnis. Mit ihrem Hass auf den Nächsten hat es die Linke geschafft, einen über alle Lager hinweg bekannten und geachteten Politiker wie Dietmar Bartsch zu demontieren. Der Einzige übrigens, der seine Kandidatur lange und ordentlich angekündigt hatte. Den Radikalen ist jede Form des konstruktiven Verhaltens abhandengekommen. Sie pflegen die Legende vom Verrat und übersehen dabei, wie sehr sie selbst zu dem geworden sind, was sie angeblich so sehr bekämpfen: Unterdrücker, die sich als Unterdrückte inszenieren und Verräter am Interesse jener, für die sie einzustehen vorgeben. Auf zum letzten Gefecht.

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