Seehofers Klartext im Heute-Journal | The European

Ausgesprochen ehrlich

Sebastian Pfeffer17.05.2012Innenpolitik

Was so ein bisschen Klartext bewirken kann. Ausgerechnet Horst Seehofer bricht mit dem Politikersprech. Die Reaktionen darauf zeigen, wie nötig es wäre, dass Politiker sagen, was sie denken.

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knallgrün / photocase.com

Am vergangenen Wochenende lief Samstag Fußball und Sonntag Wahl. Beides wies eine frappierende Ähnlichkeit auf: die Sprache der Akteure. Bis Horst Seehofer im „heute journal“ sprach. Kaum hatte Bayern gegen Dortmund im Pokalfinale eine krachende 2:5-Niederlage kassiert, standen Philipp Lahm, Arjen Robben und Trainer Jupp Heynckes vor der Kamera. Sie warfen dem Zuschauer einen erstaunlichen Sprech um die Ohren: „Überragend“ (Heynckes) habe man gespielt, sei das „bessere Team“ (Lahm) gewesen und habe „guten Fußball“ (Robben) gezeigt. Ungeniert und aalglatt plapperten die Bayern den eigenen Wunschvorstellungen nach dem Mund. Für jeden enttäuschten Fan und neutralen Beobachter klang das wie Hohn. Echte Emotionen und Gedanken – Fehlanzeige.

Warum nicht einfach mal sagen, was man denkt?

In dem Stil ging es am Sonntag weiter. Ob in den Sondersendungen direkt nach der ersten Hochrechnung oder in der Abendrunde bei Jauch – Schönfärb- und Strategiesprech noch und nöcher. Wenn der famos gescheiterte Norbert Röttgen gleich dutzendfach sagte, all das sei „sein Fehler“ gewesen, dann hielt er es oberflächlich verklausuliert und sagte z.B. nicht: Ich hätte mich klar zu NRW bekennen sollen. Obendrein schien allzu sehr die Taktik durch, die Partei rhetorisch besänftigen zu wollen. Peter Hintze, Vorsitzender der NRW-Landesgruppe in der Unionsbundestagsfraktion, beschrieb das Abschneiden der CDU mit den verquasten Worten, man habe verpasst, „eine Wechselstimmung im Land zu erzielen“. Philipp Rösler entkorkte gleich die ganz große Pulle: „Die Menschen hören uns wieder zu, sie vertrauen uns.“ Echte Emotionen und Gedanken – auch hier Fehlanzeige. Warum nicht einfach mal sagen, was man denkt? Wenn Interviews mit Politikern geführt werden, sind die Sätze oft schon glatt, wenn sie von der Autorisierung kommen, meist wie blank poliert. Anerkennung ringen dem Leser da höchstens die Kunstfertigkeiten im Ausdruck ab: Ducken, ausweichen, umlenken – unfehlbar und damit unberührbar bleiben. Als Claus Kleber zu CSU-Chef Horst Seehofer in der „heute“-Sendung sagte, die Gespräche nach den Gesprächen seien ja leider immer die besseren, stimmte Seehofer spontan einer Veröffentlichung zu. Auch da spielte sicher der taktische Instinkt des Politprofis eine Rolle. Geplant war die Aktion dennoch nicht, das atypische Weichspül-Interview zuvor hätte sich Seehofer sonst gespart. Er erkannte die Gelegenheit und griff zu.

Eingefahrene Sprache der Politik

Besagtes Interview, in dem Seehofer ungewöhnlich direkt sagt, was er denkt, schlug hohe Wellen. Wenige später folgte “Röttgens Rücktritt”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/11091-ruecktritt-von-norbert-roettgen – wenngleich man den direkten Zusammenhang nicht sicher herstellen kann. Doch die Kraft dieser ehrlichen Äußerungen sollte dem in die O-Töne verliebten Politikbetrieb zu denken geben. Jeder Politiker möchte mit öffentlichen Sätzen zitiert werden und das am liebsten oft und prominent. Dass Seehofer dies nun gelang, lag nicht nur an der Brisanz seiner Worte (wer Polterei aus Bayern sucht, braucht keine Trüffelschweine) – sondern an der Art und Weise. Die eingefahrene Sprache der Politik ist einer der Gründe, warum der Bürger sie oft nicht mehr versteht. Er kennt inzwischen all die Wortakrobatik und Winkelzüge und durchschaut sie. Er rät die Intention und wittert das Ungesagte.

Schon im Fußball unglaubwürdig

Dabei ist es bei Weitem nicht so, dass Politiker per se Phrasendrescher wären. Natürlich können sie Klartext. Sie tun es nur selten und sind daran nicht alleine schuld. Die Medienöffentlichkeit klebt an ihren Lippen, Worte verbreiten sich verkürzt, interpretiert und aus dem Zusammenhang gerissen. Ein falscher Satz kann viel Ärger produzieren. Am Ende sind es aber Politiker, die das Volk erreichen wollen und müssen. Das geht nicht ohne klare Positionen und nicht ohne Gefahr (für sich und andere). Die Piraten sind auch deshalb auf dem Vormarsch – sie haben noch eine Ausdrucksweise, die nah dran ist. Kommunikation, die schon im Fußball unglaubwürdig ist, ist es in der Politik allemal. Diese Botschaft kommt hoffentlich an.

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