Es gab und gibt nur die Musik. Die Idee des Scheiterns kam mir nie. St. Vincent

Mehr Licht!

Die Republik hat sich in seinem Glanz gesonnt, ihr fehlt diese Wärme jetzt. Guttenberg kann sicher sein: Er wird vermisst.

Nein, Karl-Theodor zu Guttenberg ist nicht zurück. Aber er hat ein Buch über den Teich geschickt und alleine das reicht, um hier gehörig für Aufregung zu sorgen. Vielleicht bleibt es dabei, wer weiß: Da Zukunftsprognosen der sicherste Weg sind, sich lächerlich zu machen, sollte man damit vorsichtig sein. Ein Blick in die junge Vergangenheit wird auch auf ein Buch und viel Getöse fallen. Wer weiß, was Sarrazin gerade macht? Keinen Schimmer? Genau.

Trotzdem, auch ohne von der Zukunft zu fabulieren, kann man aus dem Hier und Jetzt seine Schlüsse ziehen: Das politische Berlin ist aufgeschreckt, das mediale auch, zahlreiche Bayern schlafen schlecht. Die meisten Autoren schaffen das nicht. Warum der Freiherr?

Noch stemmen sich viele Medien gegen eine Rückkehr

Die Antwort ist vermutlich ganz einfach: Er fehlt der Republik. Guttenberg war Konsens, auf ihn konnte man sich einigen, weitgehend unabhängig von Bildungsgrad, Brieftasche und Partei. Alle vermissen ihn.

Manche wollen es natürlich nicht zugeben: Ein Großteil der Medien stemmt sich noch gegen die mögliche Rückkehr. Der Betrug, das Nicht-wirklich-eingestehen-Wollen, sehen sie – mit Ausnahme der „Bild“ – als unerlässliche Sünde. Kein Wunder, sitzen dort doch vornehmlich Menschen, die sich über einen Doktortitel, mindestens aber einen anderen akademischen Grad freuen. Die sind naturgemäß ein bisschen tiefer verletzt, gerade weil sie Guttenberg einst so sehr liebten.

„Mir doch egal“ gibt es nicht

Über die lauten Stimmen vergisst man schnell, dass die Masse der Menschen in Deutschland nicht mal einen Doktor im Freundeskreis hat. Wer weiß, ob dieses elitäre Statussymbol oder der Verstoß gegen dessen Würde dort dieselben, heftigen Reaktionen hervorruft? Und dass es gerade die Akademiker-Zeitschrift „Zeit“ ist, die Guttenbergs (medialer) Rückkehr den Weg ebnet, entbehrt nicht nur einer gewissen Ironie nicht, es lässt auch ein zartes Verzeihen der Kaste anklingen.

Weil man es dort genau wissen wollte, hat der „Stern“ eine Umfrage in Auftrag gegeben: Je nach Betonung lehnen demnach 51 Prozent der Deutschen eine Rückkehr Guttenbergs ab, bzw. 49 Prozent befürworten eine solche. Je nach Lesart halten 53 Prozent Guttenberg für wenig glaubwürdig, bzw. 47 Prozent für glaubwürdig. Man kann sich die Überschrift also gewissermaßen aussuchen – die Hälfte bleibt so oder so eine ganze Menge. Fraglich, ob viele Politiker an Guttenbergs Stelle noch halb Deutschland hinter sich hätten. Und die zentralste Botschaft: Die Prozente gehen auf, die Option „mir doch egal“ gibt es nicht! Guttenberg interessiert.

Dass Seehofer Guttenberg nicht vermisst, verwundert nicht

Was man (wie so oft bei solchen Umfragen) ohnehin nicht erfährt, ist der Zeitpunkt der Befragung. Der aber ist wichtig: Wenn nämlich erst die Mehrheit der Medien eine Woche lang druckt und sendet „bleib wo der Pfeffer wächst!“ und man dann die Leute fragt, so misst man auch (!) die Wirkung der Berichterstattung und nicht nur wirkliche, dauerhaft beständige Meinung. Einen Vergleich mit einer Erhebung vom März 2011 (62 Prozent Zustimmung) raucht man deshalb besser in der Pfeife, als darauf aufgebaut von einem „Abwärtstrend“ Guttenberg’scher Beliebtheit zu sprechen.

Spannender ist das öffentliche Schweigen der Politik: Dass Seehofer die Rückkehr Guttenbergs ungefähr so sehr herbeisehnt, wie Philipp Lahm die von Michael Ballack, ist leicht zu begreifen – nicht jeder hat sich ohne Allergie in Guttenbergs Licht gesonnt. Darüber hinaus herrscht weithin Stille: Glaubt man Guttenberg, hätte Angela Merkel ihn gerne behalten, geäußert hat sie sich dazu bisher nicht. Zu hören war dagegen der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel. Er warf Guttenberg im „Stern“ vor, „einen Ehrenkodex gebrochen“ zu haben. „Ein Großteil der deutschen Elite, die fleißig ihre akademischen Arbeiten geschrieben hat, kommt nicht darüber hinweg.“

Guttenberg: Einer fürs Herz

Eliten. Henkels Definition schließt locker 98 Prozent der Deutschen aus. Und man kann sich vorstellen, dass viele im Volk ohnehin skeptisch auf „die Eliten“ schauen – ob nun zu Recht oder nicht, sei dahingestellt. Vielleicht wird Guttenberg Henkel den antielitären Ritterschlag noch mal danken. Sicher ist: Technokraten (auch mit Doktortitel) ist in Krisenzeiten kaum zuzutrauen, des Volkes Herz zu gewinnen.

Der „Spiegel“ geht in seiner aktuellen Ausgabe davon aus, dass Merkel Guttenberg genau deshalb vermisse: Vielleicht nicht der Beste in der Sache, aber einer fürs Herz, (eine gute Ergänzung zu Kanzlerin). Vielleicht ahnt Guttenberg all dies, wenn er nun zum Rundumschlag ausholt, gegen Parteien, Politiker, Wirtschaft, Universitäten schimpft: Er muss gar nicht zu Kreuze kriechen, zu groß ist die Sehnsucht nach ihm vielerorts.

Das nämlich ist die (vorzeitige) Pointe der Geschichte Guttenberg: Wenn da nicht so ein großes Loch gähnte in unserer politischen Landschaft, würde ein Buch von drüben vom Teich nicht solche Wellen schlagen. Für Guttenberg dürfte deshalb klar sein, der Funke glüht noch. Mal sehen, wann er pusten kommt.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sebastian Pfeffer: Die lauwarme Partei

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