Technologie hat einen stark männlichen Ethos an sich. Jessica Erickson

Die europäische deutsche Krise

Die Geschichte von Europas Krise wurde in Deutschland falsch erzählt. Teutonische Enthaltsamkeit hat den Hungernden kein Fleisch auf die Rippen gebracht. Zeit umzudenken.

Europa steht schon so lange am Abgrund, die Erinnerungen an den Weg dorthin verblassen. Fast ist die Krise so etwas wie Alltag. Joschka Fischer hat nun in der „Süddeutschen Zeitung“ mit einem Brandbrief Alarm geschlagen. Das Medium passt dabei zu der Botschaft: das Haus Europa steht lichterloh in Flammen, schreibt der ehemalige deutsche Außenminister. Und Angela Merkel lösche mit Kerosin.

Der Eindruck, dass die Sparpolitik in der Krise nicht zur Genesung Europas führt, scheint sich auch in der Bundesregierung durchzusetzen. Als am Dienstagabend eine Runde aus Koalition und Opposition in Berlin zusammensaß, um über den Fiskalpakt zu reden, war klar, Merkel ist zu Zugeständnissen bereit.

Wir können den Rauch riechen

Wirklich beruhigen kann all das nicht. Seit Jahren nun dreht sich das Krisenkarussell mal schneller und mal langsamer. Nur still steht es nie. Zuletzt nimmt es erneut Fahrt auf, wieder drohen Staaten von ihrem Sitz geworfen zu werden und die Implosion des ganzen Konstrukts. Vermutlich geht es mir wie vielen Bürgern. Weder verstehe ich wirklich, was da passiert, noch bin ich unerschütterlich im Glauben, dass es den Verantwortlichen anders geht.

Bislang blieb Deutschland weitgehend verschont. Der Eindruck verstärkt sich jedoch, zu uns hat sich das Feuer einfach noch nicht vorgefressen. Wir sitzen auf einer kleinen grünen Insel und hoffen immer noch darauf, dass „deutscher Fleiß“ es ist, der uns retten und nicht „südländische Faulheit“, die uns verderben wird. Inzwischen können auch wir den Rauch riechen. Die Konjunkturaussichten haben sich spürbar eingetrübt.

War der Sparansatz wirklich so falsch? Der deutsche Michel ist nicht Sparweltmeister, weil die Werbung der gleichnamigen Kassen so klasse ist. Es ist ein einfaches Prinzip, das er verstanden zu haben glaubt: Man kann nur Geld ausgeben, das man hat. Ein Blick auf die Zähler der Schuldenuhren weltweit, auch der deutschen, und es quellen die Augen hervor. Das zahlt keiner jemals wieder zurück. Aber was verstehen wir vom globalen Finanzmarkt?

Merkels harte Haltung war zu populär

Tragisch ist, dass aus der deutschen Selbsteinschätzung heraus, verhältnismäßig gescheit mit Geld umzugehen, eine Haltung entstand, die sich als fatal erweisen kann. Damals, als es zu zündeln begann, vibrierte Stolz mit in der Gewissheit, „das haben sich die Südländer selbst eingebrockt“. Alle blickten neidisch auf das Land der Teutonen, wurde uns gesagt, und wir haben es gerne geglaubt. Ohne diese Popularität im Volk hätte es Merkels harte Haltung so nie gegeben.

Was wir vergessen haben, ist, längst sind es Teile unseres eigenen Körpers, die gegeißelt werden. Uns umfließt eben kein breiter Wassergraben, der deutsches Grün vor den Flammen schützt. Auch seine wirtschaftlichen Erfolge feiert die Republik nicht unabhängig von den Staaten, die es umgeben.

Bis vor wenigen Jahren drehten sich alle Überlegungen zu Europa noch darum, wie wir aus dem mehr oder weniger künstlichen Gebilde EU eine wirkliche Gemeinschaft formen können. Dann wurde die „Rettung“ zur Norm. Neben all den Operationen an offenen Wunden gab es aber keinen, der sich mal ans Bett gesetzt und der Schwerverletzten die Hand gestreichelt hätte.

Die Geschichte falsch erzählt

Denn was da brennt, ist auch unsere Zukunft. Die Arbeitslosigkeit der Jugend in vielen Ländern ist mehr als eine traurige Statistik. Es ist genau die Gruppe Menschen, die nun bestens ausgebildet zu Hause Daumen dreht, die zukünftig dem Gebilde seine Seele geben sollte. Sie haben im Ausland studiert, Sprachen gelernt, sich mit Gleichgesinnten aus anderen Ländern angefreundet. Die Krise, zu der sie nichts können, frisst ihre Perspektive auf – und ihre Perspektive ist unsre.

Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn man die Geschichte von Anfang an so erzählt hätte. Nicht, dass es darum ginge, Menschen ohne Maß, mit zu vielen Urlaubstagen und zu früher Rente auch noch gutes deutsches Geld in die Hängematte zu werfen. Sondern solidarisch mit einer kommenden Generation zu sein, die froh wäre, wenn sie arbeiten könnte.

Deshalb ist es wohl gut, wenn das strikte Spardiktat bald fällt. Man muss Fischers düstere Analogie nicht teilen:

„Es wäre eine Tragödie und Ironie zugleich, wenn jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, das wiedervereinigte Deutschland, diesmal friedlich und mit den besten Absichten, die europäische Ordnung ein drittes Mal zugrunde richten würde.“

Gut möglich aber, dass er recht hat und es an der Zeit ist für Deutschland, Opferbereitschaft zu zeigen und großes Risiko einzugehen. Es ist ja nicht so, dass Merkel es nicht anders versucht hätte. Wenn schon sie ihren Kurs jetz überdenkt, dann ist das eine gute Gelegenheit für den Rest der Deutschen, mitzuziehen. Was auch immer das kosten mag.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sebastian Pfeffer: Die lauwarme Partei

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