Man soll nicht glauben, dass die Ehe einfacher ist als der Zölibat. Joseph Ratzinger

Mit Bart und Messer

Die Protestler von Pro-NRW gegen die Salafisten: Die Gewalt in Bonn hat nicht nur die Polizei schockiert – denn Bilder solch brutaler Religiosität kennen wir ansonsten nur aus fernen Ländern. Jetzt darf sich die Gesellschaft nicht spalten lassen.

Da steht sie die Gesellschaft, wieder einmal, und starrt geschockt in den Abgrund, der sich so mittig aufgetan und sie zu spalten droht.

Die Bilder aus Bonn, der entfesselte Mob. Die Angst vor Köln, das massive Polizeiaufgebot. Wir kennen derartige Bilder. Seit Jahren suchen rechte und linke Chaoten fast ritualisiert die Republik heim. Und doch hat Bonn eine neue Qualität – die Männer haben Bärte.

Wir haben uns in Deutschland daran gewöhnt, dass Religion friedlich ist. Vorbei die Zeiten, als fanatisierte Prediger auf Marktplätzen standen. Vorbei die Zeiten, als öffentlich Himmel gepriesen und Hölle gedroht wurden. Religion ist heute entweder gesittet oder ruhig. Religiöse Mobs kennen wir aus den Nachrichten, aus fernen Ländern, darum kümmern sich Soldaten.

Wahn mit fremden Gesichtern

Dabei hat das, was in Bonn geschah, kaum viel mit Religion zu tun, sondern mit Wahn. Ein Einsatzleiter der Polizei, ein großer und kräftiger Mann, sprach auf einer Pressekonferenz sichtlich geschockt: „Das Besondere war die Aggression, die nackte Wut. Körperliche Unversehrtheit bis hin zu Menschenleben spielten keine Rolle mehr.“ Moussa Acharki vom Rat der Muslime in Bonn zeigte sich ähnlich erschüttert. Der Rat hatte bis zuletzt dazu aufgerufen, friedlich zu bleiben oder am besten gleich fern.

Der Wahn der Salafisten lässt uns noch mehr erschauern, weil er fremde Gesichter hat. Linke gegen Rechte, Linke gegen Polizei, Rechte gegen Polizei – all das ist uns vertraut. Islamistisch aufgeladene Faschisten jedoch, obwohl im Zweifel hier geboren, sehen aus wie Gäste. Sie bringen Stereotypen und Ängste hervor, die den Schreck potenzieren. Eine neue Qualität.

Das Fremde wird zum bestimmenden Element

Da kann man noch so sehr herausstellen, dass die Gegenseite in Gestalt der „Pro-NRW“ auch Spinner sind. Der Biedermann im Rollkragen mit Karikaturen auf Plakaten gewinnt noch jeden Sympathiewettbewerb gegen den anderen. Allein, weil er keine Gewalt anwendet. Es verwundert deshalb nicht, dass die Politik inzwischen vom Anti-Provokationskurs (NRW-Innenminister Jäger) auf die „Wir lassen uns keinen Religionskrieg aufzwingen“-Schiene (Innenminister Friedrich) gewechselt ist.

„Jeder, der unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung ablehnt, soll unser Land schnellstmöglich verlassen“, sagt CSU-Innenexperte Hans-Peter Uhl der „Bild“. Solche Sätze kann man über deutsche Neonazis nicht sagen. Die kriegerische Religion, das Fremde wird zum bestimmenden Element, weil es die nötige Distanz schafft zu den Dingen und darüber eine Art Sicherheit. Gleiches gilt, wenn Friedrich die Nähe zu al-Quaida bemüht.

Die Republik muss sich wehren

Das hilft uns nicht. Die Islamisten sind keine von außen hereingetragene Bedrohung, der man sich einfach wieder entledigen kann. Wer das glaubt, spielt die Gefahr herunter und den Rechten in die Hände. Denn erstens gibt es hierzulande Randalierer und Polizistenmörder nicht erst seit es Muslime gibt. Und zweitens war die „Abschieben, Abriegeln“-Nummer noch immer die tumbste Antwort auf gesellschaftliche Probleme. Abgesehen davon, dass deutsche Staatsbürger ohnehin nicht abgeschoben werden können – solch eine Antwort stigmatisiert immer mehr, als sie nutzt.

Muslime wie Nicht-Muslime, Deutsche wie Nicht-Deutsche – die Republik sollte sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Sie darf der Angst und dem natürlichen Drang, in einfache Abwehrmuster zu verfallen, nicht nachgeben. Man muss auch die gewaltbereiten unter den Salafisten als das sehen, was sie sind: gefährliche Verrückte. Wie der Skinhead mit Baseballschläger und der Punk mit Molotow eben.

Bonn eskalierte vor allem auch, weil die Gefahr neu und die Polizei von der Heftigkeit überrascht war. In Köln hatte sie alles unter Kontrolle. Die Republik kann und muss sich wehren. Mit Gesetzen und Verstand. Und wenn Messer gezückt werden, mit Wasserwerfern, Knüppeln und Tränengas. Nur spalten lassen darf sie sich nicht.

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