Politische Einstellungen zum Verzweifeln | The European

Volksverdrossen

Sebastian Pfeffer15.06.2015Gesellschaft & Kultur, Medien

Gebildet, gesund, wohlhabend und selbstbestimmt: Formal kommen wir dem Ideal des mündigen Bürgers sehr nah. Im wahren Leben fühlt sich das oft anders an.

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Alex Proimos

*Den Text vorlesen lassen:*

„Die Medien“, sagt er, Diplom-Maschinenbauingenieur, 49, „berichten doch eh nicht über das, was wirklich wichtig ist.“ Er schaut mich vielsagend an. Die seien doch Teil des Systems.

„Pegida-Level“, denke ich, frage aber freundlich, wie er darauf kommt. „Pah!“, sagt er, „überall steht dasselbe drin.“ Systematisch sei das. „Ja?“, frage ich. „Ja“, sagt er, leitender Angestellter bei einem Weltmarktführer. Mit Systemen kenne er sich aus. Da, wo er arbeitet, habe jedes Teil einen Sinn, seine Funktion, ein definiertes Ziel. „Wenn alle dasselbe schreiben, wird das schon seinen Grund haben, oder?“

Ich warte darauf, angezwinkert zu werden. Tut er aber nicht. Also protestiere ich: „Es gibt ihn ja, diesen Herdentrieb. Aber wer etwas genauer hinsieht, nicht nur auf Titelblätter und Topmeldungen schaut, findet ganz verschiedene Themen und Meinungen überall.“

„Ja ja“, antwortet er, MBA in den USA mit 45, auf den hinteren Plätzen dürfe dann auch mal was anderes stehen – ­„for the record“.

Ich will entgegnen: Was der ökonomische Druck mit dem Journalismus macht, den er („alle Abos gekündigt“) mitverantwortet. Was die Digitalisierung, die Geschwindigkeit, die Klickjagd anrichten. Dass die Medien natürlich in einem Anpassungsprozess sind, in dem Fehler passieren. Und Dummheiten. Die aber gerade deshalb gemacht werden können, weil es keinen staatlichen Fünf-Wochen-Plan für die Berichterstattung gibt. Dass nur Putins Medienlandschaft von außen so wunderbar geordnet wirken kann …

Zu lange nachgedacht, er springt zur Politik. Von der er auch wenig hält. „Volksvertreter in Berlin“, klingt bei ihm wie Sommerurlauber auf Malle, er, der in keiner Partei oder Gewerkschaft ist, spuckt die Worte mehr aus, als dass er sie spricht.

Ob er denn wählen geht, frage ich. „Ja“, sagt er, Wechselwähler, aber das fiele schon schwer, „bei dieser Auswahl“. Früher habe er sein Kreuz gerne bei den Grünen gemacht, obwohl er für Atomkraft gewesen sei, mit der werde die deutsche Ingenieurskunst schon fertig. Umweltschutz sei ihm halt wichtig gewesen.

„Aber die Grünen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren“, sagt er, Vorliebe für Oldtimer und Drittwagen („Ein Opel Kapitän von 1962. Mit Panoramascheibe!“). Jetzt fände er Angela Merkel gut. „Warum?“, frage ich. „Weil die in Europa nicht den Schwanz einkneift.“ Die Griechen dagegen müssten längst raus aus dem Euro sein. Untauglich seien die. „In Deutschland wird eben noch wirklich was geleistet“, sagt er, bezahlte Überstunden, betriebliche Altersvorsorge, Dienstwagen, Weihnachtsgeld, unkündbar.

„Überhaupt Europa!“ – „Ja?“, frage ich müde. „Zu langsam. Zu viel Gedöns.“ Singapur, Hongkong, Dubai – er reise beruflich viel, meistens Business-Klasse –, da würden Projekte einfach angepackt und umgesetzt. „Also weniger Demokratie wagen?“, will ich wissen. „Ach, Demokratie“, sagt er, „haben wir die?“

Ich höre halb zu. Will ihm sagen, dass er nur zu faul ist, guten Journalismus zu suchen und zu verarbeiten, dass Demokratie nicht an eine Serviceagentur ausgelagert werden kann, sondern von ihm und mir gemacht werden muss. Aber ich glaube, er weiß das und es ist ihm egal. Gerade, weil er gebildet, wohlhabend und mündig ist. Er will sich den Luxus leisten, auf all das Gedöns zu scheißen.

Ich fühle ich mich leer. Denke meinerseits: „Scheiß drauf.“ Und frage mich: „Bin ich volksverdrossen?“

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