Make Science, not Politics!

von Sebastian Moll6.03.2015Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Wissenschaft hat ein Ziel: eine möglichst genaue Beschreibung der Wirklichkeit. Eine politische Agenda hat hier nichts zu suchen. Wenn Gender Studies ernst genommen werden wollen, müssen sie dies beachten.

Der Historiker Leopold von Ranke legte zu Beginn des 19. Jahrhunderts fest, dass Sinn und Zweck der Geschichtsschreibung darin bestünde, möglichst objektiv und unparteilich darzustellen, „wie es eigentlich gewesen“ sei. Heute erscheint diese Definition als derart selbstverständlich, dass ihr revolutionärer Gehalt nur noch erahnt werden kann. Tatsächlich aber war es in früheren Zeiten keineswegs üblich, Geschichtsschreibung unter diesem Aspekt zu betreiben. Die Darstellung der Vergangenheit diente vielmehr pädagogischen Zwecken, der Erbauung des Volkes oder dem Lobpreis Gottes – weswegen es übrigens unsinnig ist, den Gehalt biblischer Texte nach modernen historischen Maßstäben zu bemessen.

Rankes Diktum ist nicht nur für die Geschichtswissenschaft maßgeblich, sondern bestimmt heute alle wissenschaftlichen Bereiche, sowohl in den Natur- als auch in den Gesellschaftswissenschaften. Als Isaac Newton der berühmte Apfel auf den Kopf fiel und er kurz darauf das Gesetz der Gravitation entdeckte, konnte er noch nicht ahnen, dass aufgrund dieses Gesetzes einmal Satelliten in den Weltraum geschossen werden würden. Es konnte ihm aber auch egal sein, denn die Umsetzung von Naturgesetzen für praktische Zwecke ist nicht die vorrangige Aufgabe des Naturwissenschaftlers. Dasselbe gilt für die Gesellschaftswissenschaften. Ihre Aufgabe liegt in der Beschreibung und Analyse gesellschaftlicher Phänomene, nicht in ihrer politischen Veränderung.

Wenn Wissenschaft zur politischen Agenda wird

Wohin es führen kann, wenn aus dem wissenschaftlichen Drang nach Verstehen und Beschreiben der Wirklichkeit eine politische Agenda wird, konnte man bestens an den Rassenstudien des Dritten Reiches beobachten. Auch wenn der Begriff „Rassenstudien“ in Deutschland heute aus genau diesem Grund keine Verwendung mehr findet, so hat sich die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Thema keineswegs erledigt. Die akademische Zeitschrift „Ethnic and Racial Studies“ erscheint nach wie vor regelmäßig und enthält in ihrer aktuellen Ausgabe unter anderem eine Untersuchung über die hohe Anzahl von „Asian Americans“ in den naturwissenschaftlichen und technischen Berufen. Es handelt sich hierbei um eine rein soziologische Untersuchung ohne jeden politischen Aspekt. Würde der Artikel lauten: „Wie kriegt man die ganzen Asiaten aus diesen Berufen raus?“, sähe die Sache schon anders aus – und würde vermutlich kaum in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht werden.

Genau zu dieser Verschiebung kam es bei den entsprechenden „Studien“ im Nationalsozialismus. So gründeten die deutschen evangelischen Landeskirchen im Jahre 1939 das Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben. Man kann sagen, was man will, wenigstens ist der Name ehrlich: Erforschung und Beseitigung. An diesem Institut sollte also der jüdische Einfluss auf das deutsche kirchliche Leben erforscht werden – mit dem klar definierten Zweck, ihn dadurch besser identifizieren und auslöschen zu können.

In dieser Vermischung von wissenschaftlicher Analyse einerseits und politischer Forderung anderseits liegt die aktuelle Problematik der sogenannten Gender Studies. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme wurde die Geschlechterforschung nicht erst in den letzten Jahren erfunden, sie ist seit langer Zeit fester Bestandteil der Soziologie und Anthropologie. So veröffentlichte der Kirchenhistoriker Leopold Zscharnack im Jahre 1902 beispielsweise eine Studie mit dem Titel „Der Dienst der Frau in den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche“, in der er eben das beschreibt, was sich im Titel findet, ohne jedoch daraus irgendwelche Forderungen für die Rolle der Frau in der Kirche seiner eigenen Zeit abzuleiten. Würden sich die Vertreter der heutigen Gender Studies ebenso verhalten, wäre das ganze Geschrei um sie überflüssig.

Die Gender Studies verfolgen das falsche Ziel

Es ist durchaus legitim, Untersuchungen über auffällige Phänomene im Bereich der Geschlechterverhältnisse anzustellen und nach ihren Ursachen zu fragen. Die Trierer Gender-Forscherin Franziska Schößler formuliert das Ziel ihrer Studien in ihrem 2009 erschienenen Buch „Einführung in die Gender Studies“ allerdings anders: „Die Gender Studies, die seit den 1990er-Jahren an den deutschsprachigen Universitäten verstärkt Fuß fassen, setzen dasjenige Projekt fort, das feministische Ansätze seit den 1970er-Jahren verfolgen: die Analyse und Kritik asymmetrischer Geschlechterverhältnisse.“ Hier haben wir es also wieder: Analyse und Kritik. Das Ziel der Gender Studies ist also nicht einfach nur die wissenschaftliche Beschreibung sozialer Zustände in Bezug auf die Geschlechterverteilung, sondern die bewusste Herstellung eines symmetrischen Geschlechterverhältnisses mit politischen Mitteln!

Selbstverständlich steht es allen Menschen in diesem Land frei, sich für politische und soziale Veränderungen einzusetzen. Aber man möge dies bitte abseits von staatlich finanzierten Lehrstühlen tun. Auch die evangelischen Landeskirchen könnten hierbei übrigens aus ihrer unheilvollen Vergangenheit lernen. Die betreiben nämlich seit Kurzem mal wieder ein Institut zur Erforschung und Beseitigung von „Einschränkungen durch Geschlechtsrollen und Geschlechtsidentitäten“ im kirchlichen Leben – auch bekannt als Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie.

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