Ein neuer Bildersturm?

von Sebastian Moll27.11.2014Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

In Europa wird überlegt, den Verkauf von Zigaretten künftig nur noch in schlichten, einfarbigen Packungen zu erlauben. Das ist ein Angriff aufs freie Unternehmertum und auf die menschliche Kreativität und Ästhetik – und erinnert an frühere Zeiten.

Als ein Bekannter von mir kürzlich nach Australien flog, wurde er bei der Einreisekontrolle gefragt, ob er irgendwelche Vorstrafen habe. Sich an die koloniale Vergangenheit des Kontinents erinnernd, gab er mit einem Lächeln zur Antwort: „Ist das zur Einreise hier immer noch erforderlich?“ Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Schlagfertigkeit eine jener Tugenden ist, die bei Flughafensicherheitspersonal fehl am Platze sind, so erhielt er diesen in der anschließenden „Besprechung“.

Obwohl die Australier ihre kriminelle Vergangenheit längst abgelegt haben, scheint eine gewisse Vorliebe für Regeln und Verbote durchaus als kulturelles Erbe erhalten geblieben zu sein. Wer sich bereits hierzulande über den ausufernden staatlichen Paternalismus beschwert, würde sich am anderen Ende der Welt vermutlich wie in einem Roman von George Orwell vorkommen. Denn während bei uns autoritäre Initiativen wie der Veggieday (noch) abgelehnt werden, ruft die Polizei im australischen Bundesstaat Queensland bereits dazu auf, jede Privatparty bei der örtlichen Wache mindestens zwei Wochen im Voraus anzumelden.

Die Folgen wären ohne Zweifel weitreichend

Als Staatsfeind Nummer eins hat sich der australische Staat allerdings die Raucher auserkoren, gegen die er einen wahren Kreuzzug führt. Nicht nur führte Australien als eines der ersten Länder ein komplettes Rauchverbot in der Gastronomie ein. Gemäß der _Tobacco Plain Packaging Bill_ aus dem Jahre 2011 dürfen sämtliche Tabakprodukte nur noch in einer einheitlichen, olivgrünen Verpackung verkauft werden, ohne Firmenlogo, dafür aber natürlich mit den entsprechenden Schockbildern verfaulter Füße und zersetzter Lungenflügel. Um die Proteste der Tabakkonzerne scherte man sich wenig, umso ernster nahm man hingegen die Sorgen der Olivenfarmer. Die fanden es nämlich gar nicht nett, dass die Farbe der neuen Einheitspackung stets als olivgrün bezeichnet werde, da dies schlechte PR für ihre Geschäfte sei. Dieses Problems nahm sich die australische Regierung selbstverständlich sofort an. Es sei hiermit also klargestellt: Die Verpackung sieht zwar nach wie vor olivgrün aus, ist in Wirklichkeit aber „drab dark brown“.

Hatte sich Europa früher seiner lästigen Elemente in Richtung Australien entledigt, scheint sich das Spiel nun umzudrehen. Irland möchte als erstes Land in Europa das _plain packaging_ für Zigaretten einführen. Ob das entsprechende Gesetz tatsächlich ratifiziert wird, ist zwar derzeit noch offen, die Folgen wären aber ohne Zweifel weitreichend. Denn Irland liegt ja nicht nur in Europa, es ist auch Teil der Europäischen Union, wie wir alle spätestens seit der Finanzkrise wissen. Ein entsprechender Präzedenzfall in einem ihrer Mitgliedstaaten wäre für die Kommission in Brüssel ein gefundenes Fressen. Denn dort ist man immer dankbar für neue Regulierungsideen, je origineller, desto besser.

Das Imperium schlägt zurück

Oder ist die Idee des _plain packaging_ am Ende vielleicht gar nicht so originell? Kenner der Geschichte werden sich womöglich an die Bilderstürmer früherer Epochen erinnert fühlen, als es Mode wurde, religiöse Gemälde, Skulpturen und Kirchenfenster zu zerstören, auf dass sich nichts mehr in den Kirchen fände, was die optischen Sinne reizen könnte. Die theologischen Debatten über die Frage, ob die materielle Darstellung des Göttlichen erlaubt sei oder nicht, dürfte für die meisten Steinewerfer dabei eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Hier ging es wohl mehr um die Lust an der Zerstörung und den Hass auf die reiche Kirche.

Überhaupt sollte bei Bilderstürmern jeglicher Couleur öfter mal nach ihrer Motivation gefragt werden. Vordergründig geht es natürlich immer um die Seelen der Irrenden, oder, wie im Falle des Sturms auf die Tabakkunst, um ihre Körper. Aber ist das der wirkliche Grund? Sind diese Menschen tatsächlich derart von Liebe und Mitleid erfüllt, wenn sie einen armen Raucher sehen, dass sie ihm das Rauchen zu seinem eigenen Schutz so unangenehm wie möglich machen wollen? Ist es nicht vielleicht eher so, dass man das, was man sich selbst versagt, auch anderen missgönnt?

Ernst ist das Leben, heiter die Kunst

In der Verfilmung von Dan Browns Bestseller „Illuminati“ weist der Symbolexperte Robert Langdon, gespielt von Tom Hanks, in den Hallen des Vatikans auf die große Kastration des Jahres 1857 hin, als Papst Pius IX. Hunderte von Statuen „entmannen“ ließ, da die männliche Form Lust hervorrufe. Ernesto Olivetti, Vertreter der vatikanischen Polizei, reagiert darauf leicht verunsichert und fragt: „Sind Sie gegen Katholiken, Professor Langdon?“, woraufhin dieser lakonisch erwidert: „Nein, ich bin gegen Vandalismus.“ Besser lässt es sich nicht zusammenfassen. Man muss nicht unbedingt ein Gegner der katholischen Sexualmoral sein, um die Zerstörung von Kunstwerken zu verurteilen. Ebenso kann man auch überzeugter Nichtraucher sein, ohne deshalb gleich ein Konformitätsghetto für die Tabakkonzerne zu fordern.

Symbole, auch die der Werbung, gehören zu unserer Kultur. Die Firmen haben oft Jahrzehnte in die Entwicklung und Etablierung ihrer Markenzeichen investiert, sie sind ihr geistiges Eigentum. Es muss ihnen gestattet bleiben, sich durch ihre Symbole von ihren Konkurrenten zu unterscheiden. Neben der Einschränkung des freien Unternehmertums, die ja gleichsam als Leitlinie über einem Großteil der EU-Gesetzgebung steht, wird mit dieser neuen Ära des Ikonoklasmus auch ein Angriff auf die menschliche Kreativität und Ästhetik unternommen. Doch der Kampf ist noch nicht verloren. Die Freiheit des Menschen lässt sich nicht so einfach einsperren. Auch nicht die künstlerische.

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