In der Demokratie gibt es keine Ohnmacht. Jean Ziegler

Der grüne Papst?

Mit der neuen Enzyklika könnte der Papst auch Grüne für sich gewinnen und das wäre wahrlich ein Wunder. Denn die haben im Gegensatz zur Kirche seit jeher das Problem, den Menschen nicht als Teil ihrer so schützenswerten Natur zu sehen.

Nur zwei Päpste haben es bisher geschafft, vom „Time Magazin“ zum „Man oft the Year“ gekürt zu werden: Johannes Paul II. (1994) und Franziskus (2013). Dank seiner neuen Enzyklika „Laudato Si“ hätte der derzeitige Amtsträger allerdings gute Chancen, als erstes Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gleich zweimal diesen Titel zu erhalten. Weltweit wird die Enzyklika als ein revolutionäres Dokument gefeiert, und dem charismatischen Argentinier ist es sogar gelungen, die Grünen zu seinen Anhängern zu machen – was ihm bei einer eventuellen späteren Heiligsprechung durchaus als Wunder angerechnet werden könnte.

Allerdings verdankt Franziskus diesen Erfolg in erster Linie einer grünen Urtugend: sich spontan leidenschaftlich zu einem Thema zu äußern, ohne wirklich verstanden zu haben, worum es eigentlich geht. Tatsächlich zeigen sich nämlich fundamentale Unterschiede zwischen dem grünen Parteiprogramm und der soeben erschienenen Enzyklika. Letztere ist, zugegeben, recht lang ausgefallen, und man mag Verständnis dafür haben, dass viele Grüne zwischen dem Ausfüllen von Förderanträgen für Gender-Lehrstühle und dem Anpöbeln von Teilnehmern beim „Marsch für das Leben“ nicht dazu gekommen sind, das Dokument in Gänze zu studieren. Dabei wäre es auch für die Lesefaulen so leicht gewesen: Einfach die Enzyklika als PDF herunterladen und bei der Suchfunktion Begriffe wie „Abtreibung“ oder „Geschlecht“ eingeben, schon landet man bei folgenden Absätzen:

„Da alles in Beziehung steht, ist die Verteidigung der Natur auch nicht mit der Rechtfertigung der Abtreibung vereinbar. Ein erzieherischer Weg, die Schwachen anzunehmen, die uns umgeben und die uns manchmal lästig oder ungelegen sind, scheint nicht machbar, wenn man nicht einen menschlichen Embryo schützt, selbst wenn seine Geburt Grund für Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten sein sollte: ,Wenn der persönliche und gesellschaftliche Sinn für die Annahme eines neuen Lebens verloren geht, verdorren auch andere, für das gesellschaftliche Leben hilfreiche Formen der Annahme.‘“

„Ebenso ist die Wertschätzung des eigenen Körpers in seiner Weiblichkeit oder Männlichkeit notwendig, um in der Begegnung mit dem anderen Geschlecht sich selbst zu erkennen. Auf diese Weise ist es möglich, freudig die besondere Gabe des anderen oder der anderen als Werk Gottes des Schöpfers anzunehmen und sich gegenseitig zu bereichern. Eben deswegen ist die Einstellung dessen nicht gesund, der den Anspruch erhebt, ,den Unterschied zwischen den Geschlechtern auszulöschen, weil er sich nicht mehr damit auseinanderzusetzen versteht‘.“

Der Mensch interessiert Grüne meist nicht

Der letzten Endes entscheidende Unterschied zwischen der grünen und der christlichen Weltsicht besteht darin, dass Erstere die Begriffe Mensch und Natur als Gegensätze begreifen, während sich die Kirche um das „gemeinsame Haus“ sorgt und daher auch menschliches Leben als schützenswert einstuft. Als im Herbst 2005 am Frankfurter Flughafen ein Wald gerodet wurde, fanden sich in den übrig gebliebenen Baumstümpfen sieben Hirschkäferlarven, die zum Preis von 70.000 Euro (also 10.000 Euro pro Käfer) ‚umgesiedelt‘ werden mussten. Die Larve eines Hirschkäfers genießt also im Denken der Grünen ein höheres Ansehen als ein menschlicher Embryo, von denen in Deutschland jährlich weit über hunderttausend getötet werden, zum Teil mit staatlicher Unterstützung. Auch der Tod zahlloser Menschen in den Entwicklungsländern, der durch die Einführung des gentechnisch veränderten Golden Rice verhindert werden könnte, geht den Grünen nicht so nah wie die grauenvolle Manipulation des Reiserbgutes, die sie nach wie vor massiv bekämpfen – während sich die Päpstliche Akademie der Wissenschaften mit Nachdruck für die Erprobung der Grünen Gentechnik ausspricht. Nicht zuletzt kämpfen die Grünen bei jeder sich bietenden Gelegenheit für die Erhaltung des natürlichen Zustandes einer Landschaft oder die artgerechte Haltung von Tieren. Beim Menschen aber wollen sie natürliche Gegebenheiten wie etwa die Zweiteilung der Geschlechter und deren Unterschiede partout nicht anerkennen.

Auch wenn es für jene Mitbürger, die der Kirche gerne die Schuld für alles Übel dieser Welt in die Schuhe schieben, schwer zu ertragen sein mag: Christen waren seit jeher an vorderster Front dabei, wenn es um den Schutz der Natur ging. Der evangelische Pfarrer Albert Knapp gründete 1837 in Stuttgart den ersten deutschen Tierschutzverein. Bereits fünfzig Jahre zuvor veröffentlichte der katholische Philosoph Wilhelm Dietler seine Streitschrift „Gerechtigkeit gegen Thiere“, die als frühstes Dokument der modernen Tierrechtsbewegung gelten darf. Darin heißt es unter anderem: „Denn zu glauben, dass des gütigen Allvaters Liebe sich blos auf den Menschen einschraenke, waere Gotteslaesterung […] Nur der aufgeblasenste Eigendünkel des staubleckenden Menschenstolzes kann solche Fiebertraeume aushecken.“ Auch Papst Benedikt XVI. sprach im Deutschen Bundestag bereits von der unbestrittenen Notwendigkeit der Ökologie, nicht aber ohne zu erwähnen, dass auch der Mensch eine Natur habe, die er achten müsse und nicht beliebig manipulieren könne. Franziskus, der genau diesen Satz seines Vorgängers in der aktuellen Enzyklika zitiert, kann bei diesem Thema also auf eine lange Tradition zurückgreifen. Somit ist es alles andere als revolutionär, dass sich die Kirche um den Erhalt der Natur sorgt. Sollten die Grünen aber aufgrund der päpstlichen Enzyklika tatsächlich anfangen zu begreifen, dass auch der Mensch ein Teil der Natur ist, könnte wahrlich ein neues Zeitalter anbrechen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sebastian Moll: Bessere Integration für Politiker!

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