Besser Befreite als Besiegte

Sebastian Moll11.05.2015Gesellschaft & Kultur

Dass der 8. Mai 1945 ein „Tag der Befreiung“ und kein Tag der militärischen Niederlage war, entschieden nicht Historiker, sondern Politiker. Zur Entwicklung der Jahre 1989/90 hat diese Sicht positiv beigetragen.

In den USA gibt es die schöne Anekdote von der Geschichtsstudentin, die im Einbürgerungstest nach dem Grund für den Ausbruch des Bürgerkrieges gefragt wird. Als diese zu einem umfangreichen Monolog ausholen und die komplexe Situation des Jahres 1861 schildern will, unterbricht sie der Prüfer mit dem Hinweis, Sklaverei sei als Antwort völlig ausreichend. Um Bürger der Vereinigten Staaten zu werden, muss man also „wissen“, dass im Bürgerkrieg für die Freiheit der Sklaven gekämpft wurde – und nur für diese!

Jeder, der sich ein wenig mit amerikanischer Geschichte auskennt, weiß, dass die Befreiung der Sklaven nicht das ausschlaggebende Moment des Amerikanischen Bürgerkrieges war. Zwar spielte die Sklavenhaltung durchaus eine Rolle, weil sie einen wichtigen Bestandteil der Wirtschaft innerhalb der Südstaaten darstellte, welche völlig anders ausgerichtet war als ihr nördliches Pendant und somit zur Entfremdung zwischen den beiden Regionen beitrug.

Aber einen Spartakusaufstand, diesen vielleicht einzig gerechten Krieg der Geschichte, wie Voltaire einmal so schön formulierte, hat es in den Vereinigten Staaten nie gegeben. Lincoln und seine Generale zogen gegen Verräter und Rebellen in den Krieg, die aus der Union ausgeschert waren, nicht gegen Sklavenhalter. Trotzdem gehört es seither zum offiziellen Narrativ der USA, dass die tapferen Truppen des Nordens für die Befreiung der Sklaven in die Schlacht geführt wurden.

„So wollen wir es sehen“, sagt die Geschichtspolitik

Die Gründe dafür sind unschwer zu erkennen. Der Bürgerkrieg brachte etwa 750.000 Menschen den Tod, eine für damalige Verhältnisse unvorstellbare Zahl von Opfern. Bis heute ist es der verlustreichste Krieg, an dem die USA je beteiligt waren. Für die junge Nation, die noch keine hundert Jahre bestand, war es wichtig, diesem entsetzlichen Leiden einen Sinn zu geben, etwas, wofür es sich gelohnt hatte, zu sterben. Außerdem erleichterte diese Sicht der Dinge die Wiederaufnahme der Südstaaten in die Union, da man ja nicht wirklich gegen die Bewohner des Südens gekämpft hatte, sondern diese nur von der Tyrannei der Sklavenhaltung befreien wollte. Insofern kann man mit Fug und Recht sagen, dass die Wahrnehmung des Krieges als Befreiungskrieg viel Gutes für die USA bewirkt hat. Eine derartige Wahrnehmung ist somit aber keine Frage der Geschichte, sondern der Geschichtspolitik. Es geht nicht um das „so ist es gewesen“, sondern um das „so wollen wir es sehen“.

An diese Unterscheidung sollte man stets denken, wenn man sich an der derzeitigen Debatte um den 8. Mai als „Tag der Befreiung“ beteiligt. Zu Recht weisen viele Kommentatoren darauf hin, dass dieser Tag von den Deutschen seinerzeit keineswegs als Befreiung erlebt wurde, dass hingegen Elend und neue Unfreiheit für ihr Leben bestimmend waren. Dabei verkennen die Kommentatoren aber, dass am 8. Mai des Jahres 1985 kein Historiker am Rednerpult des Deutschen Bundestags stand, sondern der Bundespräsident. Sein Anliegen bestand nicht in einer historisch präzisen Rekonstruktion der Gefühlslage der deutschen Bevölkerung vor 40 Jahren. Es ging ihm nicht um das „so ist es gewesen“, sondern um das „so wollen wir es sehen“.

Die Alliierten zogen als Sieger ein, nicht als Befreier

Nach dem Ersten Weltkrieg riss die Niederlage tiefe Wunden in die deutsche Seele, man wollte sie nicht wahrhaben, die Dolchstoßlegende wurde geboren, die Sehnsucht nach der guten alten Zeit des Kaiserreiches war stark. Wer wollte aus historischer Sicht bestreiten, dass der 8. Mai 1945 zunächst einmal ebenfalls ein Tag der militärischen Niederlage war? Die Alliierten zogen als Sieger in das Deutsche Reich ein, nicht als Befreier. Niemand im Offizierskorps der Roten Armee wird seinen Soldaten im April 1945 gesagt haben: „Weiter, Männer, bald haben wir es geschafft, bald sind die Deutschen wieder frei!“

So richtig dies alles sein mag, so richtig ist aber auch, dass mit der Bewertung der Niederlage als Befreiung sämtliche Formen revanchistischer und nostalgischer Gefühle von vorneherein ausgeschlossen werden. Stattdessen wird die Möglichkeit zu einem echten Neuanfang eröffnet. Auch die Beziehung zu den Siegermächten wird durch diese Sicht der Dinge enorm verbessert. Gemeinsame Feiern zwischen Siegern und Besiegten sind per Definition ein Ding der Unmöglichkeit. Aber für gemeinsame Feiern zwischen Befreiern und Befreiten gilt dies keineswegs. Es sollte auch nicht übersehen werden, dass das 1985 manifestierte Bewusstsein vom „Tag der Befreiung“, das fortan offizielle Staatsraison wurde, mit Sicherheit auch zur positiven Entwicklung der Jahre 1989/90 beigetragen hat.

Scheitern als Scheitern – oder als Neuanfang

Hilfreiche Mechanismen der rückblickenden Bewertung kennt im Grunde jeder von uns aus seinem eigenen Leben. Ein alter Witz der Verhaltenstherapie besagt: „Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.“ Man kann seine Scheidung als ein schreckliches Scheitern betrachten, man kann sie aber auch als Chance für einen Neuanfang begreifen. Man kann die fristlose Kündigung als wirtschaftliche Katastrophe betrachten, man kann sie aber auch als Chance für eine berufliche Umorientierung auffassen.

Derartige Neubewertungen ändern natürlich nichts daran, dass Scheidungen und Kündigungen Momente persönlichen Scheiterns darstellen. Aber die Fokussierung auf die positiven Aspekte für die Zukunft kann uns dabei helfen, mit diesen Schicksalsschlägen besser umzugehen.

Was den 8. Mai 1945 betrifft, so hat selbstverständlich jeder das Recht, die Parole vom „Tag der Befreiung“ als zu einseitig zu betrachten – und hätte damit aus historischer Sicht ohne Zweifel recht. Ob das Recht aber auch aus geschichtspolitischer Sicht auf seiner Seite wäre, steht auf einem anderen Blatt.

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