Wer nicht denken will, fliegt raus. Joseph Beuys

Der moralische Kompass ist kein Argument

Sich eine Meinung auf der Basis von mit Wissen angereicherten Argumenten zu bilden, ist der Debatte Kern. Fast schon eine Kunst, die die wenigsten noch zu beherrschen scheinen.

„Vor andern fühl ich mich so klein, ich werde stets verlegen sein.“ Diese Verunsicherung des Faust, die er gegenüber Mephisto äußert, kann ich nur allzu gut nachvollziehen. Auch ich spüre immer wieder eine gewisse Erniedrigung in mir, wenn mir bewusst wird, von welch beeindruckenden Menschen ich umgeben bin. Das fängt bei harmlosen Dingen wie gemeinsamem Fußballgucken in Auerbachs Keller an. Menschen, die ich aufgrund ihres Bauchumfangs niemals für Spitzenathleten gehalten hätte, können mit chirurgischer Präzision Fehler im Passspiel analysieren und hätten selber in der entsprechenden Situation natürlich aus dem Augenwinkel heraus erkannt, dass der Ball einen halben Zentimeter weiter nach links hätte gespielt werden müssen. Gravierende Fehler in der Mannschaftsaufstellung bleiben ihnen ebenfalls nicht verborgen – jedenfalls nach dem Spiel.

Aber auch bei komplexeren Themen staune ich über die Fachkenntnisse meines Umfelds. Wieder kommt ein gewisses Schamgefühl in mir hoch, da mir nicht bewusst war, dass ich von ehemaligen NATO-Generälen und/oder Mitgliedern internationaler Geheimdienste umringt bin. Die Lage im Nahen Osten beispielsweise ist für solche Leute natürlich leicht zu überblicken, zu jedem Zeitpunkt kennen sie die genauen Zusammenhänge und vor allem auch die jeweils Schuldigen. Ich selbst halte mich bei solchen Diskussionen meistens zurück, eingewickelt in das wohlige Gefühl, dass meine Gesprächspartner die Sache im Griff haben. Diese wiederum sind oft enttäuscht, dass ich mich nicht äußere, ich müsse doch schließlich eine Meinung dazu haben. Ich verweise dann zumeist darauf, dass ich mir zu diesem konkreten Problem derzeit keinerlei Meinung erlaube, da ich nicht über genügend handfeste Informationen verfüge, um mir eine entsprechende Meinung bilden zu können.

Wer sind hier eigentlich die Bösen?

In solchen Momenten wird mir eines immer wieder aufs Neue klar. Während viele Menschen ihre Meinung zu einem Thema als eine Art Mitgift betrachten, die sie zu einem bestimmten Anlass in ihrem Leben ohne eigenes Zutun einfach erhalten haben, bin ich der Überzeugung, dass man sich seine Meinung selbstständig bilden muss. Dies gilt insbesondere für moralische Urteile. Vor einiger Zeit sah ich in einem Museum die Nachstellung der Schlacht bei Königgrätz (1866), bei der die preußischen Truppen über das österreichische Heer triumphierten. Ein kleiner Junge betrachtete die kleinen Zinnsoldaten mit Begeisterung und fragte neugierig seine Mutter: „Mama, wer sind hier die Bösen?“ Was bei einem Kind ganz niedlich wirken mag, bereitet mir verstärkt Sorgen, wenn es sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzt. Ein Beispiel: Obwohl mehr als drei Viertel der US-Amerikaner nicht in der Lage sind, den Irak auf einer Weltkarte ausfindig zu machen, befürwortet etwa dieselbe Zahl das militärische Eingreifen der USA in diesem Land, und zwar, wie es heißt, aus moralischen Gründen. Offenbar verfügen die Amerikaner also über einen inneren moralischen Kompass, dessen Eichung aber unabhängig von politischen oder geografischen Fakten durchgeführt wurde.

In Europa rümpfen wir zwar gern die Nase über derartige amerikanische Ignoranz, aber ist es bei uns wirklich besser? Spätestens seit den Anschlägen des 11. September lässt sich in Deutschland keine Debatte über den islamistischen Terror mehr führen, ohne dass irgendjemand die Kreuzzüge in die Runde wirft, die natürlich letztlich für die Zerstörung des World Trade Centers und die Ermordung der in ihm Gefangenen verantwortlich sind. Was glauben Sie, wie hoch ist der Prozentsatz der Deutschen, der die jahrhundertelangen Ereignisse, die wir pauschal als „die Kreuzzüge“ bezeichnen, auch nur im Ansatz richtig darstellen kann? Meiner Erfahrung nach ist er noch niedriger als derjenige der Amerikaner, die den Irak korrekt ausfindig machen können.

Moralische Urteile fällt man am besten im luftleeren Raum

Bei Diskussionen über die Kreuzzüge wiederum biete ich dann in aller Bescheidenheit meine Kenntnisse als Kirchenhistoriker an. Aber sie nützen mir nichts, mir fehlt einfach der moralische Kompass. Die Vorstellung, dass man durch Wissen und Erkenntnis zu einem angemesseneren moralischen Urteil gelangen könnte, ist den meisten Menschen völlig fremd. Schließlich ist es ja auch viel einfacher, von der Moral zum Wissen zu gelangen als umgekehrt, egal ob es sich um Kriege, Gentechnik oder Windkraft handelt. Moralische Urteile fällt man am besten im luftleeren Raum der Unkenntnis, dadurch bleiben sie in ihrer Reinheit erhalten.

Einen Hang zum Jammern oder zu zynischem Kulturpessimismus habe ich eigentlich nicht, allerdings ergibt sich aus dem Gesagten für mich eine ganz praktische Frage: Warum schreibe ich Kolumnen für ein Debattenmagazin? Ist es mir wirklich je gelungen, durch sachliche Argumente in einer Debatte zu punkten? Insbesondere beim Lesen einiger Leserbriefe auf dieser Seite kommen mir diesbezüglich immer wieder ernsthafte Zweifel. Aber ich mache weiter in der niemals versiegenden Hoffnung, dass der eine oder andere Argumente mit Argumenten zu widerlegen suchen wird statt mit moralischer Empörung. Aufgeben kommt nicht in Frage! Wie heißt es in Faust II: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sebastian Moll: Bessere Integration für Politiker!

Leserbriefe

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