Alma Mater ist die Beste

von Sebastian Litta29.12.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Besonders US-amerikanische Hochschulen sehen sich nicht nur als Wissens-, sondern auch als Wertevermittler. Dies kann ein virtuelles Netzwerk nicht übernehmen. Aber im Hinblick auf die Finanzierungsmöglichkeiten von US-amerikanischen sowie deutschen Universitäten drängt sich die Frage auf, ob diese ihrer Funktion als Wissensvermittler überhaupt noch gerecht werden können. Droht die Endstation Online-Campus?

Neue Kommunikationswege, veränderte Anforderungen an Absolventen und globaler Wettbewerb bleiben nicht folgenlos. “In 20 Jahren werden unsere Hochschulen anders aussehen als heute(Link)”:http://www.theeuropean.de/androulla-vassiliou/5034-eu-bildungspolitik. Dennoch beruht die gegenwärtige Debatte über die Ablösung der traditionellen Universität durch ein virtuelles Netzwerk aus Lernern und Lernenden auf einem unklaren Bild von der Funktion einer Universität.

Einst Stolz der Nation, nun viel zu teuer

Der Economist verglich jüngst die großen US-Universitäten mit den Autobauern aus Detroit: einst Stolz der Nation, weltweit führend, aber dann viel zu teuer und unflexibel. Wozu brauchen sie immer mehr Milliarden, wenn ihre Lehrinhalte bald auch online und kostenlos verfügbar sind? Abdul Waheed Khan spricht von der Notwendigkeit, die teuren Campusuniversitäten zu ersetzen. Wir dürfen aber nicht den Fehler begehen, amerikanische Hochschulen auf Wissensvermittlung zu reduzieren. Andrew Abbott sagte 2002 an der University of Chicago den Erstsemestern zur Begrüßung etwas Erstaunliches. Selbst wenn sie in den vor ihnen liegenden vier Jahren keinen einzigen Kurs besuchten, sondern nur miteinander lebten und redeten, würden sie durch gemeinsame Diskussionen und das Erkunden von Unterschieden immer noch sehr viel lernen. Natürlich kann nicht jede Universität ein so intensives und spannendes Umfeld bieten, aber viele amerikanische Hochschulen sehen ihre Mission auch in der Vermittlung von Werten, in der Heranbildung von Persönlichkeiten. Diese Funktion kann eine Webseite, die Vorlesungsskripte zur Verfügung stellt, niemals übernehmen. Auch Ersatzmechanismen, wie Konferenzen von Fernstudierenden, erfüllen diese Funktion nicht. Und reden wir nicht momentan häufig davon, dass wir mehr Wertevermittlung und soziale Kompetenz wollen?

Hochschulen sind mehr als nur Wissensvermittler

In Deutschland ist dagegen die Sozialisierungsfunktion der Universität vergleichsweise schwach. Sind deutsche Hochschulen durch ihre Beschränkung auf Wissensvermittlung besonders gefährdet? Immerhin besitzen sie das Monopol der Vergabe von akademischen Titeln. Auch wenn Onlinepioniere wie David Wiley und John Hilton argumentieren, dass zum Beispiel Microsoft-Zertifikate für manche Firmen ein wichtigeres Einstellungsmerkmal seien als eine bestimmte Anzahl von absolvierten Informatikklausuren, ist dies doch ein extremes und auf wenige Bereiche beschränktes Beispiel. Der “jetzige deutsche Außenminister(Link)”:http://www.theeuropean.de/wenzel-michalski/5132-friedensnobelpreis-fuer-liu-xiaobo hätte sich die Inhalte seiner Promotion zu Parteienrecht und politischen Jugendorganisationen vermutlich auch anlesen können. Aus verschiedenen Gründen war ihm jedoch ein von der Fernuniversität Hagen ausgestelltes Zertifikat wichtig. Hochschuldiplome erfüllen eine Signalfunktion, sie erlauben Arbeitgebern, die Qualifikation eines potenziellen Arbeitnehmers einzuschätzen. Hochschulen sind also mehr als nur Wissensvermittler. Interessant wird die Debatte jedoch, wenn man sich die Finanzierung von Hochschulen anschaut. US-Hochschulen sind oftmals so teuer, dass Selbstzahler überlegen müssen, nicht vielleicht doch ein Online-Angebot anzunehmen. In Deutschland übernimmt der Staat die Kosten für ein Hochschulstudium fast vollständig. Mit zurückgehenden Finanzierungsmöglichkeiten der Länder stellt sich allerdings die Frage, ob Universitäten selbst die Wissensvermittlungs- und die Zertifizierungsfunktion noch in ausreichendem Maße erfüllen können. Wenn nicht, wäre die Universität in der Tat durch die Online-Konkurrenz gefährdet.

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