Ich bin kein Pazifist. Egon Bahr

Die Flüchtlingskrise ist noch lange nicht vorbei

Ein zu lange praktiziertes „Durchwinken" über die Balkanroute hatte einen schweren und nur langsam wieder gutzumachenden Vertrauensverlust in die Problemlösungsfähigkeit der Politik zur Folge.

In den letzten beiden Jahren sah sich Europa mit einer beispiellosen Migrationswelle aus dem Nahen Osten, Asien und Afrika konfrontiert, die Europa wie kein anderes Thema beschäftigt.
Die ab Sommer 2015 immer schneller werdenden Migrationsströme und der Kontrollverlust der staatlichen Behörden haben in weiten Teilen unserer Gesellschaften tiefe Beunruhigung ausgelöst, die nach wie vor spürbar ist.

Ein zu lange praktiziertes „Durchwinken" über die Balkanroute hatte einen schweren und nur langsam wieder gutzumachenden Vertrauensverlust in die Problemlösungsfähigkeit der Politik zur Folge.

Ein wichtiges Signal in die Herkunfts- und Transitländer

In enger Kooperation mit den Westbalkanstaaten, insbesondere Mazedonien und Serbien, wurde auf österreichisches Betreiben hin mit der Wiener Westbalkankonferenz am 24. Februar 2016 diese Politik des „Durchwinkens" beendet und zugleich ein wichtiges Signal in die Herkunfts- und Transitländer gesandt.

Mit der weitgehenden Schließung der Westbalkanroute ist es gelungen, den ersten entscheidenden Schritt zur Entlastung der am meisten betroffenen Aufnahmestaaten zu setzen. Zusammen mit dem EU-Türkei-Abkommen konnten die Migrationsströme massiv reduziert werden.

Die Zahlen bestätigen die Effektivität: Die irregulären Ankünfte in Griechenland sanken in den letzten vier Monaten 2016 um 98 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum. Zuletzt wurden im Dezember 2016 nur mehr rund 1150 solche Ankünfte gezählt, während es ein Jahr zuvor noch über 109.000 waren.

Heute kommen über die Balkanroute in vier Monaten im Schnitt so viele wie 2015 an zwei Tagen.

Es braucht für eine nachhaltige Lösung der Migrationsthematik ein entschlossenes und koordiniertes Vorgehen Europas und eine enge Kooperation mit unseren Nachbarn, wie etwa der Türkei.

Allerdings darf sich Europa keinesfalls – vor allem auch angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen in der Türkei – in eine Abhängigkeit gegenüber Drittstaaten begeben. Es braucht eine gesamteuropäische Kraftanstrengung, um zukunftsfähige Lösungsansätze zu entwickeln und rigoros durchzusetzen.

Die Schließung der Westbalkanroute war ein bedeutender Etappenerfolg. Dies wird aber auf Dauer nicht ausreichen. So hat etwa der von Schleppern und Menschenhändlern angetriebene Zuzug über die lebensgefährliche Mittelmeerroute im Jahr 2016 mit rund 181.000 Ankünften in Italien wieder massiv zugenommen.

Wir fordern ein radikales Umdenken

In Anbetracht des rapiden Bevölkerungswachstums zahlreicher afrikanischer Staaten ist das gewiss kein Grund, von einer Entspannung zu sprechen.
Wir fordern:

1.Der effiziente Schutz der EU-Außengrenzen bleibt Voraussetzung für eine EU ohne innere Grenzen.

2. Dem Sterben im Mittelmeer muss ein für alle Mal ein Ende gesetzt werden.

3.Die Politik des „Weitertransports" nach Mitteleuropa muss gleichzeitig beendet werden. Derzeit erledigt Europa unfreiwillig die Arbeit der Schlepper, indem es nach der Rettung von nicht hochseetauglichen, überfüllten Booten vor der Küste Libyens Migranten nach Europa weitertransportiert.

4.Es darf nicht mehr kriminellen Schlepperorganisationen überlassen bleiben, wer es nach Europa schafft und wer nicht.

5.Es braucht mehr Hilfe vor Ort und eine verbesserte Kooperation mit Herkunfts- und Transitländern im Bereich der Rückübernahme – durch Anreize, wenn notwendig auch negative Anreize.

6.Das europäische Asylsystem muss reformiert und in Richtung begrenzte Flüchtlingskontingente über „Resettlement-Programme" (mit Sicherheitschecks vor Einreise) weiterentwickelt werden. Wir wollen keine Abschottung Europas.

Im Gegenteil: Die Überlastung des Asylsystems mit Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben benachteiligt jene, die tatsächliche Fluchtgründe im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention haben.

Die nun oftmals überlasteten Sozial- und Integrationssysteme führen zudem bei vielen der Angekommenen zu Enttäuschung und Frustration.

Flüchtlingen muss – unter Berücksichtigung der Aufnahmekapazitäten unserer Gesellschaft – auf effizienterem Wege geholfen werden.

Zugleich muss Europa eine selbstbestimmte Asylpolitik auf die Beine stellen, mit der illegale Migration besser bekämpft wird. Nur so können wir uns die große Errungenschaft des nach innen grenzenlosen Europas bewahren.

Dieser Beitrag erschien bei The Huffington Post

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Boris Palmer, Ska Keller, Alice Weidel.

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