Der Morgen stirbt nie

von Sebastian Handke10.11.2012Gesellschaft & Kultur

Skyfall setzt eine Tradition fort: Große Regisseure lassen die Serie neu aufleben und weiterwachsen. Besseres kann dem Format nicht passieren — auch wenn das manche wohl nie verstehen werden.

Jetzt heulen sie wieder. Die Fans. Weil der „Bond“ ein bisschen anders ist. Oder, andernorts, weil „Star Wars“ ab sofort zu Disney gehört. Und sie freuen sich, dass Peter Jackson den „Hobbit“ höchstselbst verfilmt hat, statt, wie vorgesehen, der viel inspiriertere Guillermo del Toro. Denn die Dinge sollen bitte bleiben, wie sie sind. Man hat sich gewöhnt.

Aus der Zeit, als Nerds noch in der Minderheit waren

Dabei ist „Skyfall“ ein herrliches Spektakel. Wann hat man letztmals so großartige Set-Pieces gesehen wie das nächtliche Duell in Schanghai? Einen so herrlich flamboyanten Bösewicht? Ein so eindrückliches, an altbritische Gespenster-Melodramen erinnerndes Finale?

Es stimmt ja: Die biedere Psychologisierung, die da jetzt Einzug hält, nervt. Und sie führt auch keineswegs zu mehr Realismus. Im Gegenteil: Es ist dieselbe öde Backstory, die noch jeden Comic-Helden zum einsamen Wolf machte. Alles Kinder ohne Eltern.

Trotzdem muss man das gut finden. Denn es ist ein Zeichen dafür, dass die „Bond“-Macher ihr Material leben und wachsen lassen. Nach Pierce Brosnans Demission und Daniel Craigs erfolgreichem Einstand fasste man bei MGM den Plan, jeden neuen „Bond“ in die Hände eines arrivierten Regisseurs zu geben: zunächst Marc Forster („Monsters Ball“), jetzt Sam Mendes („American Beauty“).

Wer hätte noch vor wenigen Jahren gedacht, dass die Regisseure oscar-prämierter Filme – man darf sie durchaus Autorenfilmer nennen – sich die Hände schmutzig machen an der Verfilmung zweitrangigen Spionage-Pulps? Mit jedem neuen Film taucht nun ein anderer das Altbekannte in neues Licht. Nur so kann es kommen, dass ein „Bond“-Film die Zuschauer auch mal rührt und schüttelt, statt dass ihnen nur warm wird ums Herz wird, weil sie Gehabtes wiedererkennen.

Den Mahnern möchte man zurufen: Heul doch! Sie fordern Werktreue – wenn nicht sogar Mitsprache – bei der Aneignung ihrer heiligen Bücher (enttäuschte „Star Wars“-Fans drehten gar den Film „The People vs. George Lucas“). Doch das ist eine Haltung aus der Zeit, als Nerds noch in der Minderheit waren. Wenn sie auf ästhetische Reinheit pochten, dann sollte das vor allem ein Ausdruck ihres überlegenen Geschmacks sein: Ihr seid Mainstream, wir sind es nicht. Macht unser Spielzeug nicht kaputt!

Mit ein paar Drinks zu viel ins Kino

Und sie hatten ja recht. So lange ist es noch nicht her, da musste man immer Schlimmes befürchten, wenn ein Studio wieder die Rechte an einem Buch, Comic oder Videospiel an sich riss. Heute aber, und gerade Disneys Pflege des einverleibten Marvel-Universums („Iron Man“, „The Avengers“) ist ein gutes Beispiel, gehen die Studios zugleich behutsamer und mutiger vor. Man muss sie fast vor den Fans in Schutz nehmen. Remix statt Aufguss! Wer den Machern das Mash-up verbietet, ist kein Fan, sondern Verwalter.

Und wie kam „Skyfall“ eigentlich zustande? Die Legende geht so: Daniel Craig und Sam Mendes trafen sich 2009 bei der Geburtstagsparty von Hugh Jackman. Sie hatten ein paar Drinks zu viel – und spannen bis tief in die Nacht an einem neuen „Bond“. Am nächsten Tag rief Craig bei MGM an. Jetzt ist der Film in den Kinos.

Der „Basic Instinct“-Regisseur Paul Verhoeven (von dem ich mir einen „Bond“ gut vorstellen könnte) präsentiert dieses Wochenende beim Filmfest in Rom seinen neuen Film, „Tricked“: Die Handlung wurde per Crowdsourcing bestimmt. Das Ergebnis ist sicher sehenswert. Vielleicht sogar großartig. Aber es ist doch schön, zu wissen, dass manchmal noch zwei Gentlemen über einem Drink die Köpfe zusammenstecken und allein eine Idee aushecken.

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