Aufheben und Anfassen

von Sebastian Handke8.02.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Wenn Apple zur Präsentation lädt, kommen die Jünger in Scharen. Großzügig, so scheint es, sehen sie über die mangelhafte Ausstattung der Apple-Geräte hinweg. Aber fehlt da überhaupt was? Apple konzentriert sich bei der Entwicklung ganz auf die Verwendung eines Gegenstandes – und nähert sich mit dem iPad einem Kulturträger, den manche schon abgeschrieben hatten.

Kaum war das Ding in der Welt, ging das Gequengel los. Und der Spott. Keine Kamera, kein USB, kein Flash. Witze machten die Runde: Was ist der Unterschied zwischen einem Stein und dem iPad? Das iPad hat einen Touch-Screen! In den Foren und Blogs gehört ihnen noch die Deutungshoheit, den Geeks, den Bastlern und den Ingenieuren. Was sie nicht verstehen, ist, dass Apple sich schon lange nicht mehr an sie wendet. Sondern an die anderen. Und diese anderen wollen ihr Gerät nicht beherrschen. Sie wollen es verwenden. Jahrzehntelang quälten uns Geeks, Bastler und Ingenieure mit ihrer Vorstellung davon, wie ein Computer zu sein habe. Sie maßen ihn an seinen Features, Taktraten und Auflösungen. Sie stellten uns beige Kisten in Wohn- und Schlafzimmer, zwangen uns dazu, Druckertreiber aufzutreiben, Steckkarten einzustecken und Schnittstellen zu bestücken. Doch wer mag schon immer schrauben, stecken und partitionieren? Wäre es nicht schön, wenn man das Gerät einfach nahtlos einbinden könnte in den Alltag? Wenn sich damit arbeiten und Zeit verschwenden ließe, ohne dass man es vorher einrichten und später aufrüsten muss? Und hübsch aussehen darf es übrigens auch.

Aus Bausätzen werden Zauberkisten

Bei Apple hat man das offenbar früh verstanden. Mehr als anderswo scheint dort die Leitfrage bei der Entwicklung die nach der Verwendung zu sein: Was macht man damit? Und vor allem: wie? Dann nehmen die Designer alles weg, was diesem “Was” und “Wie” im Wege steht. Mehr noch als Apples geschicktes Marketing ist es diesem Prinzip zu verdanken, dass iPod und iPhone so großen Absatz finden. Wer sich davon anstecken ließ, konnte ähnlich erfolgreich sein: Nintendo etwa verweigerte sich dem Wettrüsten der Konkurrenten Sony und Microsoft und konzentrierte sich mit seiner Wii-Konsole stattdessen erfolgreich auf deren eigentliche Verwendung – das Spiel. Das alte Leitbild des Computers lässt sich allerdings nicht über Nacht abschaffen. Ein dänischer Unternehmensberater verstieg sich gerade erst zu der Behauptung, Apple-Nutzer ignorierten die Mängel von Apple-Produkten so beharrlich, dass man bereits vom Stockholmsyndrom sprechen könne. Doch Apples Designer haben im Gegenteil eine kleine Revolution angezettelt. Sie verwandelten Rechnerbausätze in “magic boxes”: Geräte, denen man sich nicht ängstlich nähern muss, sondern die man annehmen soll wie ein lieb gewordenes Ding.

In ruhigen Stunden

Das iPad ist das nächste Produkt aus dieser Reihe. Verlage und Herausgeber erhoffen sich daher Großes von ihm: die Rettung des Journalismus. Sie denken dabei allerdings vor allem an das Geschäftsmodell. Die Erfolgsgeschichte des AppStores müsste sich doch vom iPhone auf das iPad übertragen lassen? Doch Nachrichtenorganisationen und Tageszeitungen haben auch hier nicht viel zu gewinnen. Denn das iPad ist ein Web-Pad. Die Konkurrenz kostenloser Nachrichten wird man sich nicht vom Leib halten können. Für Magazine allerdings wendet sich das Blatt, und das hat nicht so sehr mit dem Geschäftsmodell als mit ihrer Verwendung zu tun. Denn wann wird am Computer bislang gelesen, geschrieben, gestöbert? In Mittagspausen. Kurz vorm Herunterfahren des Arbeitsrechners. Am Smartphone in der U-Bahn oder dem Laptop im Zug. Das iPad aber verlegt Lesen, Schreiben und Stöbern in die ruhigen Stunden. Wenn sich Verlage diese Besonderheit zunutze machen, könnte etwas gewonnen werden, von dem man glaubte, dass es in der Sphäre des Digitalen nicht herstellbar sei: ein intimes Leseerlebnis. Magazine oder Bücher liest man ungern an den Rechnern alten Zuschnitts, weil sich ein solches Leseerlebnis dort nicht einstellt – an Geräten nämlich, die erst hochfahren müssen, wenn man sie einschaltet; die eine Peripherie brauchen aus Kabeln, Mäusen, Tastaturen; in denen Prozessorlüfter und Festplatten fiepen; deren Bedienung überhaupt erst mal erlernt sein will. Statt dieser altmodischen Kisten liegt demnächst ein Tablet am Frühstückstisch, auf der Couch, neben dem Bett. Ich muss es nur aufheben und anfassen.

Datenverarbeitung als Handschmeichelei

Das Schöne an diesem Ding ist seine Schlichtheit. Es ist kein Netbook, also ein Schrumpfcomputer, an dem sich wieder dieses und jenes einstellen und anstecken ließe. Es ist ein berührungsempfindlicher Handschmeichler. Welche Formen das iPad und seine Nachahmer auch noch annehmen werden – dünner, leichter, bieg- und vielleicht sogar faltbar – die unselige Trennung von Print und Online wird sich auf ihren Oberflächen wieder aufheben. Von der “Konvergenz”, dem Zusammenwachsen der Medienkanäle, wird schon lange gesprochen. Der Fernseher, so dachte man, wäre dafür der ausgesuchte Ort. Jetzt scheint es, als fände sie anderswo statt: auf einem Ding, dessen Verwendung nicht der des Fernsehers ähnelt, sondern einem Kulturträger, den einige bereits abgeschrieben haben: das Buch.

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