Die Menschen müssen wissen, dass, wenn sie kein neoliberales Europa wollen, sie ein neues erschaffen können. Chantal Mouffe

Schnuffigkeit statt Weltschmerz

In “Whatever Works” hat eine der schönsten Figuren des komischen Films ihren wahrscheinlich letzten Auftritt. Der Stadtneurotiker tritt ab. Wer könnte seine Stelle neu besetzen?

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Nur in der Stadt ist das Alleinsein tragikomisch, denn es findet unter Menschen statt. Niemand hat das besser verstanden als Woody Allen in seinen Filmen der 70er-Jahre. Allen ließ uns teilhaben an seinen Zwängen und Ängsten, an manischer Glücksvermeidung und allgemeiner Lebensuntüchtigkeit. Und wir lachten, auch weil wir uns darin wiedererkannten. Mit “Whatever Works” kehrt Woody Allen jetzt in sein Revier zurück: Vierzig Jahre ist das Drehbuch alt, und das merkt man auch. Was damals komisch war, ist es heute nicht mehr.

Das Um-sich-selbst-Rotieren, die Paranoia, das endlose Kopfkino – Woody Allen machte den Narren zum komischen Kauz. Seine neurotischen Figuren sind eine aus dem Zeitgeist der 70er geborene Variation einer tief im jüdischen Humor wurzelnden Figur: der Außenseiter. Anders sein, ausgeschlossen sein, daran leiden, aber sich auch etwas darauf einbilden. “Niemals”, so ein alter Spruch von Groucho Marx, zitiert nicht nur bei Woody Allen, “würde ich Mitglied werden in einem Klub, der mich als Mitglied akzeptiert.”

Heute gründet man seinen eigenen Klub. Minderheit ist der neue Mainstream. Jeder ist anders, da ist das Anderssein einfach nicht mehr komisch genug. Jerry Seinfeld galt in den 90ern gemeinhin als Woody Allens Erbe: Er und Larry David, der jetzt in “Whatever Works” die Hauptrolle spielt, machten mit “Seinfeld” diesen speziellen amerikanisch-jüdischen Humor so populär, dass er Allgemeingut wurde. Doch Seinfelds New York ist nicht mehr bedrohlich – und aus Neurosen waren Spleens geworden (es sei denn, man hieß Costanza).

Es gab andere Außenseiter. Ally McBeal etwa, die als Fundamental-Romantikerin im Milieu der Rechtsverdreher und Scheidungsbeschleuniger ihre neurotischen Pirouetten drehte, oder Monk, dessen humorlose Gehemmtheit allerdings eher wie exzentrischer Protestantismus daherkommt. Und natürlich Larry David. Er hält bis heute durch als urbaner Narr (“Curb Your Enthusiasm”), musste sich dafür allerdings nach Los Angeles zwangsverpflanzen lassen. Die sonnige Heiterkeit Kaliforniens ist für Stadtpaniker heute ein letzter, dankbarer Feind.

Ist also der neurotische Stadtclown eine Figur von gestern? Im Mai dieses Jahres brachte das New York Magazine ein Doppelporträt von Woody Allen und Larry David. Es las sich wie ein ausführlicher Nachruf: Schaut sie euch genau an, diese beiden schlecht gelaunten alten Herren! So was Herrliches seht ihr nie wieder.

Stimmt das? Haben Seth Rogan und Judd Apatow mit Filmen wie “Jungfrau (40), männlich, sucht …”, “Knocked Up” oder “Funny People” innerhalb der jüdischen Humortradition nicht längst eine eigene Marke etabliert? Sie haben. Ihre Helden allerdings leiden nicht an der Sinnlosigkeit des Seins. Sie hadern mit den Anforderungen des neoliberalen Erfolgsmodells. Ihr Anderssein ist nicht mehr ein Problem der Psychologie. Es ist allein eine Frage des Lebensstils.

Der Nerd allerdings dreht keine Pirouetten

Seit den 80ern, als er in Hacker- und College-Komödien seine ersten Auftritte hatte, erfreut der Nerd sich eines langsamen, aber unaufhaltsamen Aufstiegs. Er übernahm jene Rolle, die zu vergeben war, als der Neurotiker von der Bühne trat: der Außenseiter, mit dem wir lachen, über den wir lachen und in dem wir uns erkennen. Der Nerd allerdings dreht keine Pirouetten. Er sitzt auf der Couch. Er wandert nicht nervös durch Straßen, sondern baut sich ein Nest. Paranoia? Angst? Selbsthass? Nerds lassen sich nicht gerne stören, schon gar nicht von sich selbst. 

Diese Komödien, vor allem der bisweilen harsche, aber menschenfreundliche Humor von Seth Rogan und Judd Apataow, haben durchaus neue und sehr eigene Außenseiterfiguren geschaffen. Aber etwas fehlt. Etwas, das schon bei Seinfeld weitgehend verschwunden war: die Romantik. Die Melancholie. Der Riss durchs Leben.

Denn inmitten von 70er-Zeitgeist, städtischer Paranoia und jüdischer Humortradition litt Woody Allen doch vor allem an dem zentralen Dilemma des Intellektuellen: wenn das weite, schwarze und unfassbar gewalttätige Universum sich explosionsartig ausdehnt, wenn es Gott nicht gibt und der bedeutungslose, blinde Zufall regiert, wenn also alles umsonst ist und der Tod besser früher kommt als später: Warum verliebe ich mich trotzdem?
Woody Allen, Larry David, oder der schroffe Mel Brooks, sie kultivierten ihren Status als Außenseiter, weil sie nicht anders damit leben konnten. Einer wie Seth Rogan aber richtet sich darin ein. Auch beim Nerd wird aus Cole Porters heiterem “Anything goes” ein schulterzuckendes “Whatever works”. Doch es tut ihm nicht mehr weh. Dem Nerd geht‘s zu gut.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jamie Oliver, Bill Gates, David Cameron.

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