Von der Liebe zu einem Gefallenen

von Sebastian Handke9.11.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Eija-Riitta will die Mauer zurück. Alles soll wieder sein, wie in den Siebzigern, als sie mit ihrem Mann den Bund fürs Leben schloss. 1979 ließ sich die Schwedin mit der Berliner Mauer vermählen, seitdem trägt sie seinen Namen. Für Eija-Riitta Berliner-Mauer ist der 9. November ein schwarzer Tag.

Sie nennt es das Desaster von 89. Am 9. November machte Eija-Riitta den Fernseher an und musste tatenlos zusehen, wie eine enthemmter Mob grölend auf ihrem Gatten herum trampelt. Ihn beschädigt, löchert, Stücke aus dem Leib reißt. Von diesem Tag an ist sie die Frau eines Gefallenen. Sieben Jahre alt war Eija-Riitta, da trat “er” in ihr Leben. Der Vater hatte gerade den ersten Familienfernseher gekauft, die Bilder des Mauerbaus elektrisierten sie. “Ich sah ihn und dachte: der sieht aber sehr gut aus.” Zuvor hatte ihr Vater ein Modell der chinesischen Mauer angefertigt und damit die Leidenschaft für alles Trennende entfacht. Sie hütete es wie einen Schatz. Doch von 1961 an hatte sie Augen nur noch für einen. “Die chinesische Mauer ist dick und unförmig. Die Berliner Mauer aber ist schlank und schön.” Anfangs war es nur eine Schwärmerei. Doch 1977 kam es zu einer ersten, schüchternen Annäherung, ein Jahr später reiste sie noch einmal nach Berlin. Am 17. Juni 1979 schließlich nahm sie das Gemäuer zum Gemahl. “Ich glaube nicht an Liebe auf den ersten Blick”, sagt Eija-Riitta mit fester Stimme. “Das ist unlogisch.” Freunde in der Stadt hatten alles vorbereitet. Eine Standesbeamtin vollzog die Trauung. Eija-Riitta sagte “ja”, die Mauer auch (mittels Telepathie). Das Wetter war schlecht, also zog man sich anschließend zu Kaffee und Kuchen in die Wohnung der Freunde zurück. Fünf mal besuchte Eija-Riitta Berliner-Mauer ihren Gatten. Doch nach 1989 kehrte sie nie wieder.

Hang zum Ding

Schon als Kind sammelte Eija-Riitta Berichte und Bilder von Mauern. Heute schmücken gemalte, gestickte, fotografierte Mauern das Holzhaus, in dem sie geboren wurde und heute noch lebt mit ihren acht Katzen. Eija-Riitta ist außerdem bekannt für ihre Nachbauten. Wie ein Bildhauer an einer weiblichen Skulptur modelliert sie zärtlich ihre Objekte. Aber niemals das ganze Ding. “Nur die Abschnitte, die schön sind.” Objektophilie nennt man diese seltene Form der Sexualität. Eija-Riitta fühlt sich hingezogen zu Dingen mit parallelen Linien. Dinge, die etwas trennen. Auch Brücken, Zäune, Schienen und Tore können ihr gefallen, für Eija-Riitta sind es Lebewesen. Sie haben eine Seele. Und erotische Anziehungskraft. Doch es ist eine andere Erotik als jene, die unsere Gesellschaft in den letzten beiden Jahrhunderten prägte, glaubt Sexualforscher Prof. Volkmar Sigusch. “Ich bezeichne diesen allgemeinen Prozess als Hylomatie. In unserer Kultur wird immer mehr Lebendiges tot gestellt und Totes verlebendigt.” Wenn sich Eija-Riitta mit der Mauer vermählen lässt, ist sie nur einen Schritt weiter als der Mann, der seinem Auto mehr Aufmerksamkeit schenkt als der eigenen Frau. “Sein Auto zu mögen ist normal. Ein Bauwerk zu mögen gilt dagegen heute noch als ungewöhnlich, obgleich keine anderen Mechanismen zum Zuge kommen.” Ist Eija-Riitta also die Avantgarde einer neuen Liebe? “Ich war immer schon eine Außenseiterin”, sagt sie. “Ich tue nichts, was ich nicht tun will.” Als sie in die Schule kam, wollte Eija-Riitta von ihrem Lehrer wissen, warum man das alles lernen müsse. Weil man es später vielleicht braucht, sagte der Lehrer. “Ich dachte: wenn das die Antwort ist, gehe ich lieber nach hause.” Und Eija-Riitta ging nach hause. Als ihr Vater noch lebte, befand sich eine Apotheke im Haus, “aber Gott sei Dank muss ich nicht mehr arbeiten.” Inzwischen lebt Eija-Riitta in Rente und betreibt ein Museum über Mauern, Zäunen, Brücken und Guillotinen. Auch ihre eigenen Modelle können dort besichtigt werden, die Golden Gate Bridge etwa oder die Brücke am Quai. Ein Schild fordert Besucher auf, nicht schlecht von der Berliner Mauer zu sprechen. Wer es trotzdem tut, fliegt raus.

Das Desaster von 89

Verständnis haben die Wenigsten für diese Liebe zum Bollwerk. Für Eija-Riitta aber war ihr Gatte der Ruhepol ihres Lebens. Einer, der standfest ist. Den so leicht nichts umhaut. Auf den man sich verlassen kann und der auch in schwierigen Situationen nicht von der Stelle weicht. In der Liebe, glaubt Eija-Riitta, ist nichts so wichtig wie Stabilität und Sicherheit. Beides habe die Mauer ihr geben können. “Sie wurde zur rechten Zeit gebaut. Es hätte sonst noch einen Weltkrieg gegeben.” Das Desaster von 89 stellte die Partnerschaft allerdings auf eine schwere Probe. Zehn Jahre lang blendete Eija-Riitta alles aus, was mit der Mauer zusammen hing, räumte ihre Sammlung und die Modelle weg, versuchte, zu vergessen. “Aber man muss sich der Katastrophe stellen.” Leicht ist das freilich nicht. “Mein Mann ist jetzt Invalide. Hätte man nicht einfach ein paar Brücken bauen können?” Es gibt eine neue Mauer, die ihr ganz gut gefällt, der Schutzwall zwischen Israel und der West Bank. “Sie erinnert mich an die Berliner Mauer, an ihre modernen Bauteile, nicht die alten, die waren nicht so schön.” Noch fehlen ihr die genauen Maße, dann aber will sie auch von dieser Mauer ein Modell anfertigen. “Das wird schwer, denn sie ist konisch geformt.” Ein Ersatz für die Mauer von Berlin aber kann auch das nicht sein. Wird Eija-Riitta also doch irgendwann wieder nach Berlin reisen? “Niemals. Ich möchte ihn so in Erinnerung behalten, wie er war. Damals, in seinen besten Tagen.”

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