Im Rausch der Tiefe

von Sebastian Handke30.10.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Das 3D-Kino ist erwachsen geworden. Längst lenkt die Technik nicht mehr von schlechtem Inhalt ab, sondern unterstreicht guten. Kein Wunder, dass die Regisseure die dritte Dimension vor allem als Kunstmittel für ihre Filme entdecken.

Firlefanz oder Heilversprechen? Künstlerisch und technisch war das frühe 3D-Kino der 50er- und 70er-Jahre ein Desaster. Dennoch: Jetzt feiert die dritte Dimension fröhliche Wiederauferstehung – als Hoffnungsschimmer für die krisengeschüttelte Filmindustrie: Menschen sollen wieder in die Kinos strömen und für das “Premiumerlebnis” bitteschön auch mehr bezahlen. Die Hoffnung ist nicht unberechtigt. Es gab bemerkenswerte Erfolge in den letzten beiden Jahren. Jetzt warten alle auf den einen, großen, lange angekündigten Testballon: James Camerons “Avatar”. Es ist der teuerste Film aller Zeiten, der erste Spielfilm, der genuin in und für 3D hergestellt wurde. Die Sorge der Filmpuristen ist groß, dass aufwendige Hollywood-Produktionen nun noch mehr auf vordergründige Effekte abzielen.

Aus der ersten Reihe

Das kann, muss aber nicht so kommen. Anders als früher sind es heute nicht B-Regisseure aus der dritten Reihe, deren Horrorfilme fürs Autokino aufgeblasen werden: Es geht um Peter Jackson (“Herr der Ringe”), Steven Spielberg (“E.T.”) oder Robert Zemeckis (“Forrest Gump”), die momentan an 3D-Filmen arbeiten. Regisseure also, die zwar gerne mal ein Feuerwerk abbrennen, aber alle Technik in den Dienst ihrer Geschichte stellen. Meistens jedenfalls. Gleiches gilt für James Cameron, dem mit “Titanic” und “Terminator 2” dieses Kunststück schon zwei Mal gelang. Cameron treibt die 3D-Entwicklung seit Langem wesentlich voran – im Grunde schon seit seinem letzten Film “Titanic” 1997. Dass aber der begabteste Epiker seiner Generation viele Jahre seines Lebens für Forschung und Entwicklung aufwendet, statt neue Filme zu drehen, kann nicht nur wirtschaftliche Gründe haben. Nein, Camerons Begeisterung für 3D ist die Begeisterung eines Geschichtenerzählers für ein neues Werkzeug.

Neue Spielräume

Bei digitalen 3D-Kameras sitzen, ähnlich wie beim Menschen, zwei Kameraaugen nebeneinander. Ihr Abstand und ihr Winkel zueinander sind variabel. Damit aber sind zwei neue Parameter dem Gestaltungswillen des Filmemachers unterworfen. Da ist einerseits der Winkel, in dem die Augen zueinander stehen, also der sogenannte Konvergenzpunkt, an dem sich die Blicklinien in der Ferne treffen. Das ist wichtig für die Tiefenstaffelung. Da ist zweitens der Abstand der Kameraaugen zueinander. Davon wiederum hängt die Gesamttiefe des Bildraums ab. Beide stehen in einem freien Verhältnis zueinander und vor allem: in einem freien Verhältnis zum Fokus des Bildes. Neue Spielräume im buchstäblichen Sinne also. Was kann man mehr wollen als Regisseur? Diese Parameter können jetzt gegeneinander ins Spiel gebracht werden. Etwa so: Eine Frau steht allein auf weiter Flur, ihre Einsamkeit soll dem Publikum ins Auge springen. Also richtet der Kameramann es so ein, dass diese Frau zwar scharf im Bild zu sehen ist – und dennoch ganz weit weg. Sie erscheint verloren im Hintergrund und zugleich scharf wie im Fokus: unnatürlich, aber ausdrucksstark.

Vom Bild zur Bühne

Und da haben wir den Bereich jener Filme, die tatsächlich vor einer Kamera entstehen, noch gar nicht verlassen. Noch wilder wird es, wenn der Film ganz oder hauptsächlich an Rechnern hergestellt wird. Dann ist jeder Bildpunkt manipulierbar, Schauspieler werden im “Motion-Capture”-Verfahren nicht mehr abfotografiert, sondern gemessen wie eine Skulptur in Bewegung. Der Zuschauer wird – anders als beim alten 3D – nun in den Raum hineingeholt: Das Vorbild, nach dem dieser Raum gestaltet wird, muss keineswegs die Realität sein. Einen ersten Eindruck davon gab Robert Zemeckis mit “Beowulf”, dessen Tiefenstaffelung wie ein aufgefaltetes Bühnenmodell wirkte. Oder Henry Selick unlängst mit seinem herrlichem Stop-Motion-Film “Coraline”: Selick inszenierte einen Bühnen- und Puppenraum. Selick und Zemeckis haben begriffen, dass dieses 3D ein neuartiges Ausdrucksmittel des Künstlers ist. Auch das Arthouse-Kino wird diese Tiefe noch für sich entdecken.

Ein Paar Augen mehr

Noch ist sie sehr teuer, die neue Technologie. Und vor allem: Das Filmemachen – ohnehin nicht gerade unkompliziert – wird noch ein bisschen unübersichtlicher. Es gibt da zwei, drei Dinge mehr, an die jetzt gedacht werden muss, an das Licht etwa und an die Platzierung der Objekte. Oder daran, wie eine Szene am Ende geschnitten werden wird. Denn das Auge braucht bis zu einer Sekunde, um sich auf einen neuen Raum einzustellen. Bei schnellen Schnitten darf sich die Tiefe zwischen den Einstellungen daher nicht sprunghaft ändern. Großprojekte wie James Camerons “Avatar” brauchen, wie James Cameron seinen zusätzlichen Kameramann nennt: einen “Stereografen”. Die Lernkurve ist recht steil, zu steil vielleicht für die meisten etablierten Filmemacher. Tim Burton jedenfalls hat bei seinem neuen Film “Alice in Wonderland” dann doch auf gewöhnliche Kameras zurückgegriffen. Es ist wie damals, als Farbe, Ton oder Cinemascope erfunden wurden: Jene Regisseure, die dieses 3D zu nutzen verstehen, haben vielleicht gerade mal ihre Ausbildung aufgenommen.

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