Seid verschlungen, Millionen! Das Monster in Zeiten des Mangels

Sebastian Handke26.10.2009Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft

Es ist nicht zu übersehen: Zombies und Vampire sind beliebt wie nie. Von “Zombieland” über “True Blood”, von “Plants vs. Zombies” bis hin zu “Pride and Prejudice and Zombies” – Film, Fernsehen, Computerspiel und Literatur sind kontaminiert. Wenn so viel Totes grassiert, muss es Gründe geben. Ein Erklärungsversuch.

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Jetzt wüten sie wieder, die apokalyptischen Schleicher. Und zwar zahlreich. Seit Jahren befindet sich der Zombiefilm im Aufschwung. Das Science-Fiction-Blog io9.com machte sich unlängst gar die Mühe, die Produktion entsprechenden Filmguts in den letzten hundert Jahren in einer Grafik abzubilden. Es stellt sich heraus: Die Zahl der Zombiefilme ist nach 2001 geradezu explodiert. Aber nicht nur das. Auch für den Vampir, nicht minder untot, ließe sich eine ähnliche Fieberkurve zeichnen. Der Blutsauger und der Fleischfresser – was macht sie gerade jetzt so attraktiv? Jede Zeit hat ihre eigenen Schreckensbilder. 1929, auf dem Höhepunkt der Großen Depression, tauchte der Begriff “Zombie” wohl erstmals im Westen auf, in W. B. Seabrooks Buch “The Magic Island”. Drei Jahre später etablierte der Film “White Zombie” den wandelnden Toten als Horrorikone auf der Leinwand. Bela Lugosi trat darin als Kapitalist in Erscheinung, der sich seine Arbeitssklaven durch Zombie-Zauber gefügig macht. Seine Wurzeln im Voodoo-Kult Haitis hatte der Zombie da noch nicht abgestreift.

Der innere Zombie

Dann formte George A. Romero das Zombievolk endgültig zur Sozialmetapher (“Night of the Living Dead”, 1968). Seitdem suchen sie uns in unserer Mitte, an symbolischen Orten – sei es in Vergnügungsparks (“Zombieland”, 2009) oder in Einkaufszentren (“Dawn of the Dead”, 1978). “Wir sind das!”, stellt einer der noch Lebenden darin fest: gieriges, sich selbst verschlingendes Menschenpack. Kein Zufall, dass Francis Lawrence für seine Verfilmung des Genre-Klassikers “I am Legend” 2007 aus klugen Vampiren geistlose Zombies macht: Nachts fällt Manhattan in die Hände des Mobs. Und sie mutieren weiter. Seit Danny Boyles “28 Days Later” (2002) haben Zombies rennen, springen, fast sogar fliegen gelernt. Vor allem sind sie nicht mehr nur hungrig und dumm. Sie sind jetzt auch wütend. Der Post-9/11-Zombie, das ist der aus seinen Löchern kriechende Pöbel, lästige Modernisierungsverlierer, die noch ein Mal nerven, bevor die Welt gänzlich den Bach runtergeht. Ein stinkendes Übel wie das über die Küste tretende Meer im Katastrophenfilm. Dieser moderne Zombie ist übrigens ein recht exklusives Geschöpf des Westens – in starkem Kontrast etwa zum jahrhundertealten Geisterhorror des japanischen Films.

Ungebetene Gäste

Und Dracula? Auch er war zunächst ein Statthalter alles Fremden, allerdings nicht magisch, sondern sexuell bewegt. Die Gruselromanze galt als Warnung an junge Frauen: Hütet euch vor eleganten Fremden! Sie könnten ansteckend sein. Als die Geschichte des transsilvanischen Dandys 1897 erstmals publiziert wurde, war die Angst vor Syphilis stark verbreitet. Noch 1992 nutzte Francis Ford Coppola für seine Verfilmung den Stoff als AIDS-Metapher. Der oral-erotische Glamour ist dem Vampir bis heute geblieben. Geschliffene Zähne, gute Manieren – Vampire kommen, saugen und lassen die Reste zurück. Es sind Plünderer auf der Durchreise, exzessiv und parasitär wie Hedgefonds-Manager und Investmentbanker. “Ich gestehe, dass es in London und Paris Börsenspekulanten, Händler, Geschäftsleute gibt, die eine Menge Blut aus dem Volk saugen, aber diese Herren sind überhaupt nicht tot, allerdings ziemlich angefault”, schrieb einst Voltaire und fügte hinzu: “Die wahren Sauger wohnen nicht auf Friedhöfen, sondern in wesentlich angenehmeren Palästen.” Später befand Karl Marx: “Kapital ist tote Arbeit, die, vampirgleich, nur durch das Einsaugen lebendiger Arbeit lebt.” Heute wiederum vernimmt man den verzweifelten Ruf: Zerschlagt die Zombiebanken!

Der doppelte Bürgerschreck

Es treten also auf: der Fürst aus der Fremde und die Plage aus der Nachbarschaft. Die fahrende Elite – frei, sexy, weltläufig, korrupt. Und das gesichtslose Kollektiv trauriger Verlierer. In der Rezession werden Vampir und Zombie zum doppelten Bürgerschreck: plündernde Heuschrecken und die meuternde Unterschicht. Nicht ein Gespenst geht um in dieser Zeit, sondern Sauger ohne Gewissen und Fresser ohne Verstand. So ansteckend wie Schweinegrippe. Aber das ist ein anderes Thema.

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