Marvel bleibt Marvel

von Sebastian Handke6.10.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Medien

Die Übernahme von Marvel Comics durch Disney könnte das Ende der düsteren und gespaltenen Superhelden-Charaktere bedeuten. Eine Untersuchung am Beispiel Pixar.

Disney gebärdet sich wie einst der Softwareriese Microsoft: Wenn es an eigenen Ideen fehlt, kauft man die der anderen – und die Urheber gleich mit. Anfang des Jahrtausends waren die hauseigenen Animationsabteilungen in einem derart jämmerlichen Zustand, dass man sie vorübergehend dichtmachte. Stattdessen holte man Robert Zemeckis (“Forrest Gump”, “Polarexpress”) mit seiner Performance-Capture-Technik ins Haus und kaufte das erfolgreiche Animationsstudio Pixar (“Oben”). Jetzt, wo es wieder besser läuft, will man außerdem das Zielpublikum über Kinder und weibliche Teenies hinaus erweitern. Also kauft Disney den Comic-Verlag Marvel. Dabei hatte Marvel sich mit dem eigenproduzierten Film “Iron Man” doch gerade selbst als erfolgreiches Filmstudio ins Spiel gebracht. Muss man jetzt nicht fürchten, dass die düsteren und gespaltenen Marvel-Charaktere dem familienfreundlichen Disney-Ideal angepasst werden? Schauen wir uns den Präzedenzfall an. Hat Pixars künstlerische Freiheit unter Disney gelitten?

Indiz Familie

Anlässlich des Kinostarts von “Oben” schrieb Georg Seeßlen jüngst in der Zeit, der Kampf zwischen Disney und Pixar tobe bereits in jedem Pixar-Film. Für Seeßlen ist der Nachweis einiger Familienmotive darin schon Beweis genug. Aber das ist eine müßige Indiziensuche. Natürlich lässt sich vielerorts das Thema Familie nachweisen. Wenn man aber so vorgeht, dann gehören auch Quentin Tarantinos “Kill Bill” und Lars von Triers “Antichrist” zum Genre des Familienfilms. Nein, noch wichtiger als Werte ist bei Disney das Geschäftsmodell. Der Konzern verdient sein Geld weniger an der Kinokasse als mit dem Verkauf von Lizenzen. Und da sieht es zunächst so aus, als habe Pixar seine Eigenständigkeit bewahren können: Im Gegensatz zu Disney (und Konkurrent Dreamworks) gibt es in Pixar-Filmen wenig niedliche, sprechende Tiere, die sich in Plüsch oder Plastik zu Geld machen lassen. Analysten an der Wall Street nörgeln sogar darüber, dass Pixar-Filme zu wenig kommerziell sind; Pali Research stufte die Disney-Aktie im Frühjahr daher gar auf “verkaufen” herunter. Das kann Disneys Chefetage nicht kalt lassen.

Wird Pixar die neue Merchandising-Hochburg?

Wie unabhängig Pixar tatsächlich bleiben darf, lässt sich daher noch nicht sagen. Die drei Meisterwerke “Ratatouille”, “Wall-E” und “Oben” waren zum Zeitpunkt der Übernahme ohnehin längst in der Mache. Erst in nächster Zeit laufen Pixar-Filme an, die unter Disney angeschoben wurden – und die Liste dieser Filme lässt tatsächlich aufhorchen. Denn für ein Studio, das Fortsetzungen seiner Filme einst ablehnte, steht mit “Toy Story 3”, “Toy Story 2 3D” und “Cars 2” nicht nur erstaunlich viel Bewährtes vor der Fertigstellung. Es werden ausgerechnet jene Filme wieder aufgegriffen, die sich am ehesten für Merchandising und Spielzeugverkauf eignen. Bei Marvel dagegen muss man sich keine Sorgen machen. Disney wird das Marvel-Erbe unberührt lassen. Denn man braucht die bewährten Charaktere ja gerade so, wie sie sind: als Anreiz für junge Männer. Ihnen hatte der Unterhaltungskonzern bislang wenig anzubieten. Jetzt muss Disney die Superhelden nur noch einspeisen in sein Verwertungssystem zwischen Spielzeug, T-Shirts, Toastern und Themenparks. Und die Zeiten, als der ehemalige Disney-Chef Michael Eisner so stark in die Abteilungen hineinregierte, dass er Drehbücher kurzfristig umschreiben ließ und sogar Teppiche und Toilettenkacheln in den Ressorthotels selbst auswählte, sind glücklicherweise vorbei.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

"Mut verbindet"

Wie gendergerecht muss unsere Sprache sein? Was darf man beim Karneval sagen? Dürfen Kinder im Indianerkostüm zum Fasching? Wie viel Fleisch darf ich essen? Wenn man sich anschaut, in welchem Ausmaß sich Teile der politischen Öffentlichkeit in diesen Debatten engagieren, dann würde jemand mit d

Wie ein Präsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und ausländischen Freunde der Ukraine ist entsetzt über den Ausgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und Geschäftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in Brüssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erläutert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und Parlamentspräsident, sowie den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grünen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der über dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu