Der intrinsische Erkenntnisdrang der Forscher mag einem abgeklärten Journalisten fremd sein. Andrea Kamphuis

Von Podolski lernen

Es gibt immer mehr Kinder mit Migrationshintergrund in Deutschland. Ihr Bildungsweg ist oft steinig und schwer. Genau jetzt bietet sich die Chance, ihnen unter die Arme zu greifen.

Der Auftaktsieg der deutschen Mannschaft bei der WM in Brasilien hätte kaum spektakulärer sein können, doch im Internet dominierte ein Foto: die Kanzlerin Arm in Arm mit Lukas Podolski. Lukas Podolski ist eine zentrale Säule des Teams. Er gilt nicht nur als besonders fröhlich und optimistisch, sondern zeigt stets allergrößte Einsatzbereitschaft und spielt schon seit Jahren auf höchstem Niveau – für die Nationalmannschaft wie für den internationalen Top-Club Arsenal FC in London. Dabei hatte er es besonders schwer.

Er kam als kleiner Junge aus Polen nach Deutschland. Seine Eltern hatten wenig Geld und sprachen kaum Deutsch. Inzwischen leben viel mehr Kinder mit Migrationshintergrund in der Bundesrepublik. Angesichts des demografischen Wandels ist dies sehr erfreulich und es kommt nun darauf an, all diesen Kindern die besten Zukunftschancen zu geben. Hierzu gibt es gerade in diesen Tagen eine gute und eine schlechte Nachricht.

Helft den Kleinen!

Zuerst die Schlechte: Letzten Freitag wurde der neue Nationale Bildungsbericht veröffentlicht und hat deutlich darauf hingewiesen, dass weiterhin eine starke soziale Ungleichheit bei der Bildungsbeteiligung besteht. Besonders prekär sei die Bildungssituation von Personen mit Migrationshintergrund. Mit anderen Worten: Kinder aus sozial benachteiligten sowie Zuwandererfamilien bleiben auf ihrem schulischen und beruflichen Weg oft deutlich hinter ihren Mitschülern aus bessergestellten Verhältnissen zurück.

Dies trägt auch dazu bei, dass es eine sehr große Zahl von Schülern gibt, die im Alter von 15 Jahren lediglich ein so geringes Kompetenzniveau erreicht haben, dass sie als Risikogruppe bezeichnet werden. Doch nun die gute Nachricht: CDU und SPD haben endlich ihr Wahlversprechen eingelöst und ein Milliardenpaket für die Bildung bereitgestellt. Die Länder haben dieses Geld aber für sich beansprucht, da sie für die Bildung zuständig sind. Sie haben das Geld dann tatsächlich bekommen, ohne erklären zu müssen, wofür sie es genau einsetzen wollen. Die Erkenntnisse aus dem Bildungsbericht nehmen ihnen diese Antwort nun ab: Die Länder sollten eine große, koordinierte Initiative starten, um die Bildungschancen von Kindern aus sozial benachteiligten- und Zuwandererfamilien zu verbessern. Aus drei Gründen:

  1. Die Kinder können nichts dafür, in welche Verhältnisse sie hineingeboren werden und deshalb ist es ein Gebot der Gerechtigkeit allen Kindern gute Zukunftschancen zu eröffnen.
  2. Wenn wir das nicht schaffen, wird die Spaltung der Gesellschaft künftig dramatisch zunehmen.
  3. Die Wirtschaft sucht schon heute dringend nach geeigneten jungen Leuten. So gibt es einen neuen Höchststand der unbesetzten betrieblicher Ausbildungsplätze, während auf der anderen Seite die Zahl der unversorgten Bewerber um über 30 Prozent gestiegen ist.

Die deutsche Regierung hat vor einigen Wochen diese Zahlen verkündet, die amerikanische Regierung hat vor einigen Jahren ein sehr interessantes Reformprogramm gestartet. US-Präsident Barack Obama hat gleich zu Beginn seiner ersten Amtszeit ebenfalls ein Milliardenpaket für die Bildung bereitgestellt. Ähnlich wie in Deutschland ist in den USA jedoch nicht die nationale Regierung für die Bildung zuständig, sondern teilweise vor allem die Bundesstaaten. Aber Obama wollte das Geld nicht einfach nur so an die Bundesstaaten ausreichen, sondern es nutzen, um sie zu wirklichen Reformen in seinem Sinne anzuregen. Deshalb startete er das Race to the Top – den Wettlauf zur Spitze: Um an das Geld heranzukommen, müssen die Staaten belegen, wie sie beispielsweise die Ausbildungsfähigkeit aller Schüler verbessern, in Lehrer investieren und besonders Schulen an soziale Brennpunkten helfen wollen.

Mittlerweile haben sich fast alle Bundesstaaten an diesem Wettbewerb beteiligt und dabei wurden offensichtlich schon beachtliche Erfolge erzielt. Bundeskanzlerin Merkel und Bildungsministerin Johanna Wanka hätten den Ländern vielleicht einen ähnlichen Vorschlag machen sollen, als in den letzten Wochen so stark über die Gelder gestritten wurde. Doch das ist nicht passiert. Gerade deshalb sollten die Länder nun diesen Freiraum nutzen und von sich aus eine solche Initiative für den Bildungsaufstieg starten. Dies hätte einen entscheidenden Vorteil.

Von den Amerikanern lernen

Die Länder wollen natürlich auch, dass die Schüler, welche es am Schwersten haben, stärker unterstützt werden. Aber jährlich mehr als eine Milliarde Euro zusätzlich vom Bund wecken natürlich auch andere Begehrlichkeiten, ganz abgesehen von dem Druck unter dem die Landesfinanzminister stehen, um künftig die Schuldenbremse einzuhalten. Wenn sich jedoch alle Landesbildungs- und Kultusminister öffentlich auf eine solche Initiative verpflichten, können sie besser sicherstellen, dass das Geld wirklich für diesen Zweck eingesetzt wird. Dies wiederum könnte sich für die Länder schon in absehbarer Frist auszahlen, wie sie mithilfe der gerade veröffentlichten Berechnungen der beiden Münchener Bildungsökonomen Ludger Wößmann und Marc Piopiunik zeigen können. Wenn die Zahl der Risikoschüler wirksam reduziert wird, ließen sich demnach bereits bis zum Jahr 2020 volkswirtschaftliche Erträge von fast sieben Milliarden Euro erzielen, bis zum Jahr 2030 sogar fast 70 Milliarden. Das ist mehr als heute in fast allen Bundesländern an öffentlichen Geldern für die Schulen ausgegeben wird.

Es wäre natürlich großartig, wenn wir mit Lukas Podolski und unserem ganzem Team Fußball-Weltmeister werden. Noch wichtiger wäre es jedoch, endlich für mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland zu sorgen. Die Chancen darauf waren vielleicht noch nie so groß wie heute. Jetzt ist es an den Ländern, sie gemeinsam zu nutzen – im Interesse der Kinder, der Wirtschaft, der Staatsfinanzen und des Zusammenhalts der Gesellschaft.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Dokumentation - Texte im Original, Albert Wunsch, Clemens Schneider.

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