Der Popo in der Politik

von Sebastian Esser23.09.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft

Die Wahl ihres Mannes zum Präsidenten der Vereinigten Staaten hat Michelle Obama weltweit zu einem Star gemacht. Die erste schwarze First Lady – ihr Stil, ihre Intelligenz, ihr Selbstbewusstsein – ist für viele Amerikaner ein Vorbild. Michelle O. beeindruckt ihre Landsleute aber noch mit einer anderen Qualität: ihrem großen Hintern.

Das Weiße Haus war bisher von eher flachen Pos bevölkert, die angelsächsischen, auf eine hagere Figur bedachten Präsidentengattinnen gehörten. Generationen von Frauen mühten sich im 20. Jahrhundert wie die First Ladys, ihre Hinterteile mit Diäten im Zaum zu halten, um dem protestantischen Ideal der schlanken Taille und der vornehmen Zurückhaltung auch des Pos näher zu kommen. Mit Michelle Obama ist nun auch ein anderes Schönheitsideal ins Weiße Haus eingezogen: das der Afroamerikaner und der wachsenden Bevölkerungsgruppe der Latinos. “In den vergangenen Jahren haben die Amerikaner einen Flirt mit dem großen Hintern erlebt”, schreibt Myra Mendible auf der Internetseite des National Sexuality Resource Center. Die Kulturwissenschaftlerin an der Florida Gulf Coast University glaubt, dass die große Aufregung um große Popos ein Anzeichen dafür sein könnte, dass ihre Landsleute heute eine größere Bandbreite von Körperformen als geschmackvoll akzeptieren. So wie sich die amerikanische Gesellschaft ändert, ändern sich auch ihre Ideale des perfekten Hinterteils.

Alle reden über Michelles Körper

Es hat durchaus etwas Sexistisches, wie Michelle Obamas Körper zum bis ins Detail studierten Objekt des Interesses der Weltöffentlichkeit geworden ist. Über ihre angeblich ungewöhnlich muskulösen Oberarme ist wahrscheinlich mehr geschrieben worden als zum Beispiel über Atomwaffen-Proliferation, über ihre Größe mehr als über den Putsch in Honduras. Schon lange gibt es Anzeichen, dass ein fülliger Po zunehmend als etwas Begehrenswertes gilt. Werbespots haben den Begriff bootyful etabliert, Hip-Hop-Musikvideos konzentrieren sich zum Teil ausschließlich auf diesen Körperteil, und die gesäßspezialisierten Männerzeitschriften King, Sweets oder Smooth machen dem Playboy Konkurrenz. Ein großer Teil dieses Siegeszugs ist der Schauspielerin und Popsängerin Jennifer Lopez zuzurechnen, die ihr eigenes Hinterteil – absichtlich oder nicht – zu einer Kulturikone machte. JLo wird auch der Boom des “Brazilian Butt Lift” zugeschrieben, einer Schönheitsoperation, bei der Fett aus Bauch oder Oberschenkeln abgesaugt und zum Aufpolstern ins Gesäß gespritzt wird. Po-Vergrößerungen sind in Deutschland noch selten; Polster “für perfekte Gesäß-Konturen” aber sind bei eBay für 29,90 Euro zu haben. In Südamerika dagegen war ein voluminöser Hintern schon immer wichtiger als zum Beispiel große Brüste. Po-Implantate sind in Brasilien oder Kolumbien mindestens so verbreitet wie Silikon-Busen – auch wenn diese in den vergangenen Jahren deutlich aufgeholt haben.

Emanzipation durch “Black Booty”

So ist das Einsickern des neuen Po-Ideals ins nördliche Amerika auch ein Anzeichen für demografischen und gesellschaftlichen Wandel. Keine Bevölkerungsgruppe der USA wächst schneller als die der Lateinamerikaner. Mit sich bringen sie andere Vorstellungen darüber, was schön ist. Aber nicht unbedingt anders geformte Körper: Weiße Frauen sind natürlich nicht von Natur aus schlanker. Aus der bisher dominierenden Kultur der Caucasians, der Weißen, stammt aber diese Körpernorm. Also hungerten sich rund gebaute Frauen auf dem Weg nach oben, junge Latinas und Afroamerikanerinnen, aber eben auch Weiße, der Karriere zuliebe einen Ostküsten-Po zurecht. Das könnte sich langsam ändern. Darum ist das schamlose Begutachten des Körpers der Präsidentengattin in Wirklichkeit ein Erfolg der Emanzipation ehemals niedrig gestellter Bevölkerungsgruppen. Nun, da sie mit Michelle Obama endgültig den Mainstream der Gesellschaft erreicht haben, ist auch der “Black Booty” dort angekommen.

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