Geschieden, schwul und untreu

von Sebastian Esser7.10.2009Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Führungsfiguren der schwarz-gelben Koalition passen so gar nicht zum traditionellen Weltbild der Konservativen. Die Hintergründe über die neue Prinzipienlockerheit im bürgerlichen Lager.

Montag. Merkel, Westerwelle und Seehofer stehen zu Koalitionsverhandlungen aufgereiht nebeneinander. Ein tristes Trio lächelt krampfhaft drei Politikerlächeln für die Kameras. Es ist das erste Bild, das die neue Koalition für die Zuschauer und Leser anschaulich macht. Alle sehen auf einmal klarer als zuvor, was für eine Staatsführung die deutschen Wähler sich da ausgesucht haben: eine geschiedene Protestantin aus dem Osten, ein schwuler Schmalhans aus dem Rheinland und ein zum Querulantentum neigender Fremdgeher aus Oberbayern. Huch? Das alles ist auch nicht ansatzweise schlecht, schade oder schlimm . Es ist vielmehr der Ausdruck einer gesellschaftlichen Liberalität, auf die Deutschland stolz sein sollte. Ein offen schwuler Vizekanzler ist eine vielleicht noch nicht zur Genüge gewürdigte Errungenschaft, ähnlich wichtig wie eine Frau als Regierungschefin oder ein Schwarzer als amerikanischer Präsident. Gesellschaftspolitisch repräsentieren die Anführer dieser Regierung den Fortschritt. Es stellen sich aber irritierende Fragen: Ist diese Regierung wirklich das, was sich die rechtere Hälfte Deutschlands wünscht? War aus dieser Richtung nicht immer von einer geistig-moralischen Wende die Rede, und war damit nicht das Gegenteil gemeint von schwul, geschieden, Ehebruch?

Im Kern reicht es nicht mehr

Konservative werden normalerweise dafür gewählt, dass sie ein traditionelles Familienbild haben – mit einem starken, zupackenden Vater und einer fürsorglich-zurückhaltenden Mutter, die in einer kirchlich gesegneten Ehe zusammenleben, möglichst seit Jahrzehnten und bis zum Tod. Das war der Kern der katholisch geprägten CDU. Und dazu reicht es weder bei Merkel noch Westerwelle noch Seehofer. Seit dem Patriarchen Kohl, der sich zumindest nach außen noch an all diese Milieu-Regeln hielt, haben sich die „Bürgerlichen“ geändert. Erstaunlich strukturkonservativ dagegen sind die Sozialdemokraten. Sie befinden sich seit Jahren auf der Suche nach einem neuen Schröder, einem Basta-Mann mit Testosteron in der Stimme. Die CDU-Kanzlerin regiert anders. Statt auf den Tisch zu hauen, sortiert sie ihr Reich mit eiskalten Händen. Einem aufrechten Konservativen ist so eine Frau fremd, vielleicht unheimlich, jedenfalls nicht sympathisch. Gewählt wird sie trotzdem.

Stil und Substanz weichen erheblich voneinander ab.

Die neue Prinzipienlockerheit bedeutet nicht, dass die Rechten die neuen Linken wären; sie sind weiter gegen eine gleichberechtigte Schwulenehe, wollen die Institution Ehe weiter steuerlich privilegieren, sorgen weiter dafür, dass Frauen wegen des Ehegattensplittings lieber zu Hause bleiben. Der entscheidende Unterschied zu früher ist, dass man in der guten alten Zeit hehre Prinzipien hochhielt, nur um sich privat nicht darum zu scheren. Affären und außereheliche Kinder wurden verschwiegen, solange eine Scheidung das Karriereende bedeutete. Mancher Rechte dürfte die Linken darum beneidet haben, wie viele Frauen sie öffentlich heiraten und wieder verlassen konnten. Lange her: Nun sucht die SPD nach King Kong; Merkel, Westerwelle und Seehofer dagegen profitieren von der Lockerung der Sitten, die ihre politischen Vorfahren immer als Verlotterung kritisiert haben.

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