Die Regierung befriedigt Klientelinteressen. Hugo Müller-Vogg

Deutschtümelei oder demokratischer Kampfgeist?

Hört man Burschenschaft, denkt man schnell an elitäres und nationalistisches Gehabe. Doch das war nicht immer so. Einst waren sie Wegbereiter für Demokratie und Meinungsfreiheit.

In der kommenden Woche jährt sich die Gründung der Jenaer Urburschenschaft. Heute sind Burschenschafter, in linken Kreisen auch „Burschis“ oder „Burschenschaftler“ genannt, als nationalistisch, rassistisch, chauvinistisch und sexistisch verschrien. Die Vorwürfe ließen sich fortsetzen, insbesondere in Bezug auf Seilschaften und den mehr oder minder gelebten Elitarismus. Tatsächlich erscheinen Burschenschafter heute wie ein Relikt aus vergangener Zeit, mit den bunten Bändern und Mützen, ihren alten Häusern und Traditionen. Allein der Wahlspruch der Jenaer Urburschenschaft Arminia auf dem Burgkeller „Ehre, Freiheit, Vaterland“ klingt antiquiert, aus der Zeit gefallen. Kann all dies ein Grund zum Feiern sein? Oder handelt es sich nur um Deutschtümelei? Was bleibt von 200 Jahren Urburschenschaft? Was bringt die Zukunft?

Vor 200 Jahren galten Burschenschafter als Opposition, als fortschrittliche Revolutionäre, die für Freiheit und Demokratie eintraten und sich gegen die restaurative Reaktion unter Metternich auflehnten. Dies führte sogar zum Verbot und zur Auflösung infolge der Karlsbader Beschlüsse. Sie waren damit die Sponti-Bewegung ihrer Zeit, die 68er des frühen 19. Jahrhunderts. Allein ihre Art sich zu kleiden und ihr Erscheinungsbild, Bärte und wallendes Haar, führten zu einem Aufschrei in der damaligen Gesellschaft. Die Parallelen zur 68er-Bewegung oder zur Sponti-Bewegung sind verblüffend und dürften so manchen Alt-68er erschrecken. Zumal die 68er-Bewegung von den bürgerlichen Rechten Gebrauch machen konnte, die durch Burschenschafter in Zeiten der Zensur gefordert und schließlich Schritt für Schritt erstritten wurden.

Burschenschaften – Vorreiter für Freiheit und Demokratie?

Ein Grundsatz des Wartburgfestes lautete: „Freiheit und Gleichheit ist das Höchste, wonach wir zu streben haben […]. Aber es gibt keine Freiheit als in dem Gesetz und durch das Gesetz, und keine Gleichheit als mit dem Gesetz und vor dem Gesetz. Wo kein Gesetz ist, da ist keine Gleichheit, sondern Gewalttat, Unterwerfung, Sklaverei.“ Abschaffung der Geburtsvorrechte, Rede- und Pressefreiheit sowie die Einheit Deutschlands waren weitere, prominente Forderungen.
Sind Burschenschaften als studentische Bewegung des 19. Jahrhunderts damit Vorreiter für Recht, Freiheit und Demokratie? Ich kenne Burschenschafter, die gern und ausführlich auf diese Vorreiterrolle verweisen.

Die Gründung der Urburschenschaft und das Wartburgfest sind ein wichtiges Glied in der Kette der Ereignisse, die in das Hier und Jetzt, zu Freiheit und Demokratie führten, aber nicht das einzige, singuläre. Die Beschlüsse des Wartburgfestes können aber Ernst Rudolf Huber folgend als „erstes deutsches Parteiprogramm“ bezeichnet werden. Die Gründung der Urburschenschaft ist zudem die Geburtsstunde der deutschen Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold. Diejenigen, die bei Spielen der Nationalmannschaft die Straßen und Plätze in ein Schwarz-Rot-Goldenes Fahnenmeer verwandeln, schwenken – unbewusst – die Farben der Urburschenschaft, die noch heute über dem Verbindungshaus der Jenaer Urburschenschaft Arminia auf dem Burgkeller wehen. Nicht zu vergessen ist auch das Gründungsmitglied der Urburschenschaft, Heinrich von Gagern, späterer Präsident der Frankfurter Nationalversammlung von 1848. Ohnehin liest sich die Stammliste der Urburschenschaft wie ein Who’s who der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts.

Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und die Burschenschaft

Wo Licht ist, findet sich aber auch Schatten. Heinrich Heine, einst selbst Burschenschafter, schrieb:
„Auf der Wartburg krächzte die Vergangenheit ihren obskuren Rabengesang, und bei Fackellicht wurden Dummheiten gesagt und getan, die des blödsinnigsten Mittelalters würdig waren! (…) Auf der Wartburg herrschte jener beschränkte Teutomanismus, der viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichts anderes war als Hass des Fremden und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand, und der in seiner Unwissenheit nichts Besseres zu erfinden wusste als Bücher zu verbrennen!“

Antisemitismus und völkisches Denken wurde auch später in Burschenschaften gelebt, wie in den meisten Korporationen der Kaiserzeit ab 1870/1871. So verwundert es nicht, dass auch und gerade Burschenschafter mit den Nationalsozialisten sympathisiert und sich teils mit ihnen gemein gemacht haben. Fakt ist aber, dass Burschenschaften durch die Nationalsozialisten aufgelöst wurden, es Burschenschafter im Widerstand gab. Auch die DDR verbot Verbindungen – und damit auch Burschenschaften. Viel zitiert ist diesbezüglich ein Satz von Bernhard Vogel: „Wo Burschenschaft verboten ist, herrscht Unfreiheit!“

Burschenschaft ist nicht gleich Burschenschaft

In der jüngeren Vergangenheit haben deutschtümelnde Burschenschaften mit obskuren Diskussionen für Aufsehen gesorgt. Burschenschafter, die meinen, es sei „nicht hinnehmbar, dass Menschen, welche nicht von deutschem Stamm sind, in die Deutsche Burschenschaft aufgenommen werden“ oder Mitglieder des Widerstandes als „Volksverräter“ bezeichnen, haben aus der Geschichte nichts gelernt und gehören in das Visier der Staatsanwaltschaft.

Falsch ist es indes, alle Burschenschaften und Burschenschafter gleichzusetzen, über einen Kamm zu scheren. Burschenschaft ist nicht gleich Burschenschaft. Es gibt auch liberale Burschenschaften, wie die Jenaer Burschenschaften Arminia, Teutonia und Germania, die vor mehreren Jahren aus der Deutschen Burschenschaft ausgetreten sind. Für diese liberalen Verbindungen sind 200 Jahre Urburschenschaft ein Grund zum Feiern, aber auch Anlass zur Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und der eigenen Zukunft. Dem müssen die Burschenschaften nachkommen, wenn es auch in 200 Jahren noch einen Grund zum Feiern geben soll. Eine klare Abgrenzung nach rechts ist ebenso erforderlich wie das Überdenken des eigenen Selbstbildnisses und der eigenen Traditionen.

Ein Ausharren im Verbindungshaus als geschütztem Raum und winzig kleinem Mikrokosmos führt jedenfalls nicht weiter. Burschenschaft hat nur Zukunft, wenn sie sich öffnet, den Fragen der Zeit begegnet und zur Sponti-Bewegung der Gegenwart wird.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Hamed Abdel-Samad, Lothar Wieland, Omid Nouripour.

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