Am Tellerrand der Nation

von Sebastian Backhaus6.05.2014Außenpolitik

Islamisten, Aktivisten, Soldaten und Anhänger des alten Mubarak-Systems – das sind die Akteure der ägyptischen Gesellschaft. Doch wie gestaltet sich das Leben der Menschen, die nicht Teil dieser Gruppen sein können? Eine fotografische Rundschau.

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*Frau*, homosexuell, keine Kinder, unverheiratet, Beruf: „exploring a love economy“, Tageseinkommen zwischen 10-30 EGP (ca. 1-3 Euro)

bq. „Warum willst du ein Foto von mir machen, auf dem ich nicht wiederzuerkennen bin? Vor allem in Ägypten will ich mich nicht verstecken … so als würde etwas mit mir nicht stimmen, oder als gäbe es etwas, wofür ich mich schämen oder entschuldigen müsste.
Ich habe meinen Eltern nie von meiner sexuellen Orientierung erzählt. Mein Bruder hat ihnen nie erzählt, dass er heterosexuell ist; warum sollte ich ihnen erzählen, dass ich nicht heterosexuell bin?
Ich habe keine Ahnung, was die Konsequenzen sind, wenn mein Foto veröffentlicht wird. Doch bin ich mehr darüber besorgt, wie die Medien die Homosexuellen in Ägypten porträtieren: Bilder, wie sie mit verdeckten Gesichtern aus den Gerichtssälen gezerrt werden, als seien sie Verbrecher.
Wir leben in einem faschistischen Polizeistaat, der sich selbst das Recht gibt, seine Ressourcen so einzusetzen, dass er Personen für etwas verhaftet, was selbst nach dem Gesetz nicht illegal ist.“

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*Omar Abu el Hagag* (41), Mensch mit Handicap, vier Kinder, verheiratet, Händler für Autoersatzteile, Tageseinkommen: ca. 20 EGP (ca. 2 Euro)

bq. „1986 bin ich, beim Versuch auf einen fahrenden Zug aufzuspringen, unter die Gleise geraten und habe meine Beine verloren. Ich bin ständig auf Hilfe angewiesen. Als ich noch studierte, musste ich meine Kommilitonen ständig bitten, mich die Treppen zu den Hörsälen hoch und runter zu tragen. Dafür habe ich mich so geschämt, dass ich mein Studium aufgab.
Ich wünsche mir einen guten Job als Beamter. Wenn ich einen solchen Job hätte, würde ich mich als normale und anerkannte Person in diesem Land fühlen. In meinem jetzigen Beruf im Souk bin ich ständig abhängig von Hilfe. Als Beamter wäre für Gesundheit und Unterkunft für mich und meine Familie gesorgt. Das Schlimmste ist für mich, wenn bei Straßenschlachten Tränengasgeschosse auch hier im Souk landen und ich als Einziger nicht weglaufen kann.
Mubarak, Mursi oder Sissi: Die sind doch alle gleich schlecht. Sie achten nur auf ihren Stuhl, aber nicht auf die Menschen. Der Prophet lehrt uns, gute Menschen zu werden. Wenn das auch nur ein Präsident erkannt hätte, wäre er der perfekte Präsident.“

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*Hanono Gbrel Rabi* (39), Geflüchtete, drei Kinder, verheiratet, Tageseinkommen: 150 EGP (ca. 15 Euro)

bq. „Eines Tages kam mein Mann nicht mehr von der Arbeit zurück und seitdem ist er verschwunden. Ich musste dann selber eine Arbeit finden und habe in einem Souk in den Nuba Mountains [Sudan] Tee verkauft. In dem Souk wurde ich von der Polizei verhaftet. Ich wurde angeklagt, weil meine Kunden Rebellen waren. Mir wurde vorgeworfen, dass ich eine Spionin sei.
Ich wurde zu einem Monat Haft verurteilt und nur unter der Bedingung frei gelassen, nun als Spionin für die Regierung zu arbeiten und ihnen Informationen über die Rebellen zu liefern. Nach meiner Freilassung flüchtete ich mit meinen Kindern zu einem Onkel in ein anderes Gebiet. Nun bin ich seit 2011 mit meinen Kindern hier in Ägypten.
Die Ägypter behandeln uns [die sudanesischen Geflüchteten] wie Fremde. Ich versuche, im Sinne meiner Kinder, geduldig zu sein, da wir nicht zurück können. Wenn ich zurückgehen würde, würde ich direkt verhaftet werden.“

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*Dimyana Mikhail* [Name geändert] (37), Konvertitin, zwei Kinder, verheiratet, Servicekraft in einem Café, Tageseinkommen: keine Angabe

bq. „Vor elf Jahren bin ich als Muslimin zum Christentum konvertiert. Ich fühlte, dass Gott mich gerufen hatte. Ich hatte wiederkehrende Träume, in denen mir Jesus und Maria erschienen und erhielt deutliche Zeichen. Dann entschied ich mich, gemeinsam mit meinem Mann, dem Christentum beizutreten. Ich musste die Nachbarschaft in Alexandria, in der ich aufgewachsen war, verlassen … einen Tag vor meiner Taufe flüchteten wir nach Kairo.
Als meine Familie erfuhr, warum ich geflüchtet bin, hielten sie eine spezielle Zeremonie ab, mit der sie mich für tot erklärten.
Einmal wurde ich an einem Checkpoint festgenommen, da dort bekannt war, dass ich konvertiert war. Ich wurde drei Tage festgehalten und wurde heftig geschlagen. Die Polizisten schickten mich zurück nach Alexandria und dort musste ich vor meiner Familie leugnen, dass ich konvertiert war.
Ich flüchtete erneut aus Alexandria. Seit dieser Flucht habe ich nur noch über einen Anwalt Kontakt zu meiner Familie und das nur, wenn es unbedingt nötig ist. Durch diesen Anwalt habe ich auch von dem Tod meines Vaters erfahren.
Ich bräuchte einen Ausweis, der mich offiziell als Christin ausgibt. Offiziell existiere ich für die Regierung nicht. Während der Mubarak-Zeit konnte ich dank der Korruption Papiere für meine Kinder kaufen, die sie offiziell als Christen ausgaben. Das hat aber für mich nicht funktioniert … und heute ist es nicht mehr möglich.“

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*Hasan Ali Abdi Rahman* (76), obdachlos, Familienstand: keine Angaben, Straßenhändler für Schnürsenkel, Schuheinlagen und Fliegenklatschen, Tageseinkommen: 10-15 EGP (ca. 1-1,5 Euro)

bq. „Seit 30 Jahren bin ich ohne Unterkunft. Ich schlafe in einem Hausflur. Ich verdiene nicht genug Geld und ich bin ein alter Mann. Aber das, was ich verdiene, reicht zum Essen. Mein Wunsch ist, dass die Regierung sich um die verarmten Menschen kümmert. Alle drei sind doch gleich [Mubarak, Mursi, Sissi]. Die besten Präsidenten waren Nagib, Sadat und Nasser, weil sie die Briten vertrieben haben.“

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