Der klassische Anzug hat an Glaubwürdigkeit verloren. Joachim Schirrmacher

Zurück in die Zukunft

„Zum ersten Mal hatte ich keine Angst vor den Polizisten, denn dieses Mal sind sie vor uns weggerannt. Das war der beste Tag meines Lebens!“, sagt ein junger Ägypter in Kairo. Dieser beste Tag vom Tahrir-Platz liegt nun über vier Jahre zurück. Seitdem hat sich am Nil einiges geändert. Eine Fotokolumne.

Vier Finger hoch: Das Symbol für Raaba, den Ort in Kairo, an dem die Anhänger des gestürzten islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi ein Protestcamp errichteten. Während der Erstürmung dieses Camps im August 2013 durch die neue Militärregierung kam es zu Hunderten Toten. Besonders bei den Anhängern der inzwischen verbotenen Muslimbruderschaft hat dies ein Trauma ausgelöst. „Unsere Proteste gehen weiter, wir haben sie aber in kleine Straßen außerhalb der Innenstadt, in die Wohnviertel, verlegt, da wo die Polizei keine freie Schussbahn hat“, so ein führender Kopf der Muslimbrüderschaft, der nicht genannt werden möchte.

Mitglieder der Jugendbewegung „6. April“ gedenken auf einer Pressekonferenz am 6. April 2014 ihrer getöteten Mitstreiter. Diese Bewegung hatte maßgeblich zu der Mobilisierung beigetragen, die 2011 zum Sturz Mubaraks führte. Die Konferenz fand im Syndikat für Rechtswissenschaften statt. Am Eingang zum dem Gelände kam es zu Tumulten und Schlägereien. Die Anwälte und Richter waren sich untereinander uneins darüber, ob sie die Aktivisten vom Betreten des Geländes abhalten oder diese willkommen heißen sollten. Die „6. April“-Bewegung ist dem Regime ein Dorn im Auge. Am Tag nach der Konferenz wurden die Haftstrafen gegen drei der Führungspersonen der Bewegung von je drei Jahren bestätigt.

Die Spaltung in unterschiedliche politische Lager findet nicht nur unter den Rechtswissenschaftlern statt, sondern auch unter den Studenten. Ein Studentenwohnheim, das von Studenten des islamistischen Lagers bewohnt ist, wird von einem Mob angegriffen. Die Studenten wehren sich mit Steinwürfen vom Dach des Wohnheimes und treffen so auch den hier auf dem Bild zu sehenen blutenden Jungen. Nach einigen Stunden kommt die Polizei dem Mob zu Hilfe und feuert Tränengasgeschosse auf das Dach und in den Innenhof des Wohnheimes.

Die Spaltung mit dem größten Eskalationspotenzial liegt zwischen dem regierenden Militär und den Islamisten. Nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi im Juli 2013 durch das Militär kommt es immer wieder zu tödlichen Auseinandersetzungen. Sowohl der Einsatz von scharfer Munition gegen Protestierende als auch islamistisch motivierte Anschläge fordern in Ägypten viele Opfer auf beiden Seiten.

„Sisi-Mania“ so wird der Kult um den ehemaligen Oberbefehlshaber der Streitkräfte genannt, der nun aussichtsreichster Kandidat der Ende Mai angesetzten Wahlen ist. Das Konterfei von Abd al Fattah al Sisi bestimmt zunehmend das Straßenbild in Kairo. Kopien von 100-Pfund-Scheinen, T-Shirts, Schmuckanhänger, Poster, Masken und sogar Pralinen, die sein Abbild zeigen, werden zum Kauf angeboten. Bilder eines Gegenkandidaten sind in den Straßen Kairos nicht zu finden.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sebastian Backhaus: Sisi-Mania

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