Habt den Mut zur Debatte

von Christine Schirrmacher14.10.2009Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Seyran Ateş hat recht! Selbst in unserer ach so freiheitlich-demokratischen Gesellschaft ist eine offene Diskussion nicht erwünscht. Ein Plädoyer für den Tabubruch.

Nach fast 50 Jahren Migrationsgeschichte existieren viele Defizite. Defizite zum Beispiel bei der Sprachbeherrschung in der dritten Generation von Migranten, Defizite in Hinblick auf den Aufstieg in die “Bildungsetage”, Defizite aber auch in Bezug auf Frauenrechte in einem Teil der muslimischen Gemeinschaft. Defizite, die von einigen erkannt worden sind, über die anderen ein offenes Gespräch aber sehr schwerfällt, entweder weil sie Illusionen über ein problemloses Zusammenleben hegen oder vielleicht persönlich mit den genannten Problembereichen kaum in Berührung kommen. Wieder andere haben ein Interesse, das offene, zielorientierte Gespräch über die bekannte Problemlage zu verhindern. Wer die Diskussion trotzdem scheuklappenfrei führt, kann deshalb durchaus in Schwierigkeiten geraten, wie Seyran Ateş sagt:

Tabus und No- go- Areas

“Eine Kritik am konservativen Islam … kann zu Morddrohungen und Rufmord führen” – tatsächlich? Übertreibt Seyran Ateş da nicht ein wenig? Scheint es doch unvorstellbar, dass es in der Mitte unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft mit ihren kostbaren Freiheitsrechten wie Meinungs- und Religionsfreiheit, Freiheit zu Versammlung, Parteibildung und politischer Willensbildung unmöglich sein soll, ungehindert und ohne Scheuklappen zu diskutieren! Wirklich? Leider hat Seyran Ateş nur allzu recht: Unsere Debatte über Integrations- und Bildungsdefizite, Frauenrolle, Kopftuch, Ehrenmorde, Parallelgesellschaft und manches mehr wird von Tabus und No-go-Areas eingeschränkt. Von Tabus, die verhindern, dass die einen aus ihrer Multikultiseligkeit geweckt werden. Von Tabus, deren Verletzung bewirkt, dass politisch völlig unverdächtigen Diskutanten Rechtslastigkeit und Diskriminierung von Minderheiten unterstellt wird. Von Tabus, die bewirken, dass derjenige, der Unbequemes äußert, leicht mit Drohungen eingeschüchtert wird.

Ist Kritik überhaupt willkommen?

Als die – der Rechtslastigkeit und Diskriminierung von Minderheiten völlig unverdächtige – Grünenabgeordnete Ekin Deligöz im Jahr 2006 Musliminnen in Deutschland öffentlich dazu aufrief, endlich hier anzukommen und als Zeichen dafür, das Kopftuch abzulegen, brach ein Sturm der Entrüstung los. War diese Äußerung denn nicht ein gut gemeinter Vorschlag zur Beförderung der Integration, der weder besserwisserisch von Deutschstämmigen noch von einem männlichen Politiker noch von einem “Rechtspopulisten” vorgebracht worden war? Das schon – aber: Einige Vertreter muslimischer Organisationen verweigerten die inhaltliche Diskussion, kritisierten aber Ekin Deligöz für ihre Äußerung heftig. Eine Hetzkampagne brach los, Ekin Deligöz erhielt Morddrohungen und Polizeischutz. Selbstverständlich gibt es in Deutschland innerhalb und außerhalb der muslimischen Migrantengemeinschaft unterschiedliche Meinungen zum Kopftuch. Ist es für die einen – besonders ältere Frauen aus der ländlichen Türkei – vor allem kulturbedingtes Kleidungsstück, kann es für die anderen politisches Kampfsymbol sein und Abgrenzung zur Mehrheitsgesellschaft demonstrieren. Aber kann denn darüber nicht in Ruhe und Frieden diskutiert werden, wie es in einer Demokratie eigentlich zu erwarten wäre? Dass hier und in ähnlichen Fällen eine solche Diskussion nicht möglich war, muss nachhaltig zu denken geben. Integration und ein gelungenes Zusammenleben wird auch durch Tabus verhindert sowie durch diejenigen, die sie errichten – mitten in einer freiheitlichen Gesellschaft – das darf nicht sein.

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