Slumdog Entrepreneur

von Saskia Sassen7.11.2010Gesellschaft & Kultur

Mit den Städten wachsen auch die Slums. Sie erfüllen in modernen Städten eine wichtige Funktion: Kleinunternehmer stellen die Ressourcen und Dienstleistungen bereit, die Wirtschaftswachstum ermöglichen. Zu Recht entwickeln die Bewohner der Slums ein Selbstbewusstsein als wichtiger Teil der urbanen Gesellschaft.

Mit den Megastädten wachsen auch die Slums. Globale Slums sind die düstere Seite der Entwicklung globaler Städte, vor allem in der südlichen Hemisphäre. Die meisten davon sind lokal, genauso wie auch die meisten Städte lokale oder regionale Akteure sind. Aber manche Slums erreichen mit neuen politischen Forderungen und der Herausbildung eines ausgeprägten eigenen Bewusstseins globale Bedeutung. Zum einen ist das an der Rhetorik mancher Slumbewohner erkennbar. Müllsammler beschreiben sich zunehmend als “ökologische Unternehmer” und knüpfen so explizit an vorhandene globale Wirtschaftsdiskurse an. Zum anderen werden lokale Probleme auf politischer Ebene angegangen. In China gibt es Millionen von Wanderarbeitern, denen die Wohnerlaubnis für die Städte der Ostküste verweigert wird. Sie wollen von der Regierung keine zusätzlichen Gelder oder Dienstleistungen, sondern Land – um Häuser zu bauen, Leitungen zu verlegen und lokale Wirtschaftsnetzwerke aufzubauen. Die gemeinsame Erfahrung der Slums hat Millionen Arbeiter mobilisiert.

Wirtschaften abseits des Glamours

Diese Entwicklung hat eine bedeutende ökonomische Komponente. Dabei geht es um das Verhältnis zwischen den technologie- und innovationsreichen Sektoren der Wirtschaft und den angeblich rückständigen Sektoren. Letztere erscheinen im Zeitalter der Globalisierung leicht als Anachronismus. Doch es sind genau diese Wirtschaftszweige, die Innovation ermöglichen. Sie versorgen die Technologieindustrie mit den Basisgütern und -dienstleistungen, oftmals auf sehr lokaler Ebene. Das Schicksal einzelner Kleinunternehmen ist oftmals eng mit dem Erfolg von hoch entwickelten Konzernen verzahnt. Umgekehrt sind auch die innovativsten Wirtschaftszweige direkt abhängig von der Rudimentärversorgung. Diese informellen Verbindungen sind in modernen Megastädten oft nur schwer erkennbar: Die homogenisierte urbane Umgebung und der Glamour der Stadtzentren verschleiern die Verbindungen zwischen Innovationsschüben und der spezifischen urbanen Geschichte der Stadt. Die andere Verbindung besteht zwischen Technologie- und Produktionswirtschaft. Vor allem in Städten im Entwicklungsstadium kann die urbane Produktion von Materialien und Gütern eine bessere Wirtschaftsverteilung ermöglichen und die wissensdominierten Sektoren der Wirtschaft unterstützen. Es geht dabei um die Schaffung von Jobs auf mittlerem Niveau und um die Erwirtschaftung von realistischen Profiten (anstelle von den Hyperprofiten der Finanzindustrie). Im Gegensatz zur Massenproduktion ist diese Form der Fertigung sehr ortsbezogen: Kleine Betriebe leben von der Eingliederung in das unmittelbare Umfeld und dem direkten Kontakt mit Kunden. Daher ist die Fertigungsindustrie auch nicht global vergleichbar. Sie treibt in Jakarta unter Umständen andere Blüten als in Kairo und ist damit auch immer Ausdruck der jeweiligen Stadtgeschichte.

Slums ermöglichen Wachstum

Der Ort für diese Fertigungsindustrien ist der globale Slum. Durch Gentrifizierung und Stadtentwicklung sind viele Kleinunternehmen aus den Zentren und Industrieknotenpunkten verdrängt worden. In den Slums können sie jedoch weiterhin bestehen und aufblühen. Leider wird diese wirtschaftliche Bedeutung von Stadtplanern oftmals übersehen oder wird als Anachronismus abgekanzelt, weil die Beziehungen zur “fortschrittlicheren” Industrie und Wirtschaft nicht unmittelbar offensichtlich sind. Dabei ist es vor allem in Städten mit wachsender sozialer Ungleichheit – den Megastädten – so, dass die Bedeutung von Slums und informellen Wirtschaftsbeziehungen weiterhin zunimmt und urbane, wissenschaftliche und technologische Entwicklung erst möglich macht. Slums eröffnen neue urbane Felder, sie sind Teil der Moderne.

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