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Die Suche nach dem Sinn sollten wir aufgeben

Wieso die Suche nach dem eigenen Sinn des Lebens eher zu einer Tortur statt zur Zufriedenheit führen wird und welche Strategie anstelle dessen zu einem glücklicheren Leben führen kann. Von Sascha Nicke.

Es ist mal wieder soweit gewesen. Diese eine Zeit im Jahr, von “Besinnlichkeit“ zum Jahreswechsel, dieser Rückblick auf das vergangene Jahr und der Ausblick auf das Kommende mit lauter Vorsätzen; sie unterbrechen unseren Alltag und erinnern uns an das Wesentliche. Die Frage nach dem Warum und dem Wozu. Die Frage nach dem Sinn des Lebens, sie ist plötzlich wieder da. Sonst verdrängt zwischen all dem Stress, alltäglichen Routinen oder Ablenkungs- wie Kompensationskonsum; sie steht erneut vor unserer Tür und bittet um Einlass. Da hilft auch der exorbitante Alkoholkonsum wenig, in dieser Zeit kann man sich der Frage kaum entziehen. Was soll er denn nun sein, dieser Sinn unseres Lebens? Unbehagen! Vor allem ein Gefühl von Unbehagen beschleicht einen beim Nachdenken darüber.

Im Strudel der Antworten

Versucht man sich dieser Frage nun doch einmal zu stellen, fällt einem zuerst die schiere Unermesslichkeit auf; die unzähligen Möglichkeiten an Antworten, besonders für uns privilegierte, weil in gewissen Freiheiten, mit einigen Sicherheiten wie in Frieden lebenden Europäer. Sei es die Gründung einer Familie, Kinder zeugen, der Kauf oder Bau eines Eigenheimes, Karriere machen, Teil einer Religionsgemeinschaft zu sein, der Erwerb von Statussymbolen, Luxus, Reisen, gemeinnützige Tätigkeiten, die Zugehörigkeit zu spezifischen Subkulturen oder die Verbundenheit mit Sportvereinen; das Angebot ist riesig. Potentielle Gruppenzugehörigkeiten, in denen uns ein Platz in der Welt geboten wird, sowie Zielsetzungen für unser Streben gibt es viele, unfassbar viele. Nur welche passen zu mir? Die Antwort darauf liegt nur in uns selbst, doch sie fällt immer wieder anders aus. Denn auch als Teil jeder Bezugsgruppe ist es mir meistens nicht vergönnt, dauerhaft in und durch diese glückselig zu werden. Das Zerbrechen von Freundschaften, Beziehungen wie manchmal sogar der Familie gehört genauso zum Leben dazu wie stetiger Wandel unserer Tätigkeiten oder auch Lebensorte. Veränderung trifft uns alle und das dazu auch noch permanent. Was mir heute sinnvoll erscheint, kann sich morgen als sinnlos herausstellen.

Zeit und Sinn

Wieso soll es eigentlich auch den einen Sinn gebenden Gehalt im Leben geben, der unsere ganze Existenz erfüllt, wenn wir Menschen Wesen sind, die permanente Veränderlichkeit bestimmt. Retrospektive Betrachtungen unser selbst zeigen uns doch immer ein anderes Ich auf (nicht nur in optischer Hinsicht) und erinnern uns an vergangene Vorstellungen und Bedürfnisse, die wir heute oftmals nicht mehr teilen und die uns in einigen Fällen gar peinlich erscheinen. Und damit sind nicht nur kindliche Träume oder pubertäre Phantasien gemeint. Unsere Identität(en) entwickelt sich doch Zeit unseres Lebens konsequent weiter, unsere Lebenswelten und dementsprechend auch unsere Bedürfnisse, Ansichten und Ziele verändern sich kontinuierlich. Wie soll es da den einen Lebenssinn geben, wenn jede Zeit für sich bestimmte Orientierungen und Eigenheiten hat? Und wann entscheiden wir dann eigentlich darüber, was der Sinn des Lebens sein sollte bzw. gewesen ist? In der retrospektiven Betrachtung verändern sich unsere Sichtweisen doch entscheidend, weil unser späteres Ich einerseits weiß, welche Folgen jene Entscheidung oder Erfahrung hatte. Andererseits besitzt es auch andere Intentionen und Interessen als unser früheres Ich. Eine “Einigung“ auf den einen Lebenssinn erscheint da fast unmöglich.

Die Vielschichtigkeit unserer selbst und Lebenswelten

Diese temporale Pluralität unseres Daseins stellt dabei nur ein Problem dar, welches von der Quantität und Vielschichtigkeit unserer Lebenswelt nochmal um einiges übertroffen wird. Denn in jeder Phase unseres Lebens befinden wir uns gleichzeitig in einer Vielzahl verschiedener Konstellationen von Tätigkeiten, Rollen und damit einhergehenden Gefühlen wie Bedürfnissen sowie in unterschiedlichen sozialen Umfeldern und Personengruppen. Sei es unser direktes soziales Umfeld, welches sich in familiäre, freundschaftliche wie Beziehungswelten unterteilt, von Hobbys oder ehrenamtlichen Aktivitäten noch gar nicht gesprochen. Sei es unsere berufliche Lebenswelt, in welcher wir sowohl in deren sozialer Hierarchie als auch infolge persönlicher Präferenzen (mit einigen Kollegen versteht man sich, mit anderen nicht) verschiedene Rollen einnehmen. Und sei es in unserer eigenen Perspektive, in der wir zwischen den vielen, uns von den jeweiligen Anderen vermittelten Erwartungshaltungen und unseren eigenen einen Balanceakt orchestrieren müssen. Unsere Lebenswelten sind vielschichtig, komplex und manchmal auch in seinen einzelnen Elementen grundverschieden. Kontinuität ist dabei besonders im Hinblick auf die ganze Lebenszeit kaum vorhanden. Einen grundlegenden, alles durchziehenden Sinn kann es deswegen doch einfach nicht geben.

Selbstbefragung als Lösungsmittel

Dieses Eingeständnis mag hart, aber vor allem auch befreiend wirken. Denn es nimmt uns den Druck, diesen Sinn zu finden. Was könnte nun jedoch an dessen Stelle rücken? Wie kann ich mein Gefühl von Unbehagen stillen? Einen Platz in der Welt zu finden, scheint ja eine anthropologische Grundkonstante zu sein. Und oftmals haben wir diesen Platz ja auch, nur machen wir uns dessen nicht bewusst. Richten wir unser Augenmerk ganz auf uns selbst und fragen uns in ehrlicher Weise, wie es uns gerade geht, was uns zufrieden, was uns unglücklich macht, dann bekommen wir eine Orientierung. Dann können wir sowohl unsere Problem- als auch unsere Glückszonen erkennen, uns an die Arbeit machen, um die einen zu minimieren oder gar zu lösen und die anderen zu befördern. Nur durch die Befragung unserer selbst, können wir herausfinden, welche von den vielen verschiedenen Sinn-Angeboten und Zielsetzungen, die in jeder Gesellschaftsform vermittelt werden, uns zufrieden stellen. Jedes Individuum verfügt dabei über seine eigenen Kategorien, Maßstäbe und Ansprüche, welche zu seiner temporären wie längerfristigen Zufriedenstellung beitragen. Diese generieren sich als ihre jeweils eigene Vergangenheit, aus Erfahrungen wie aus ihrer Persönlichkeit und Identitäten. Deswegen gibt es auch keine generellen Antworten, es kann sie gar nicht geben. Dazu verändern wir uns selbst wie unsere Umwelt permanent, weswegen wir uns immer wieder von neuen selbst befragen müssen. Nur durch dieses konstante Selbstgespräch, durch unsere Selbstreflexion kann es uns gelingen, uns nicht zu verlieren, Widrigkeiten abzuwenden und uns unsere Zufriedenheit zu erhalten.

Zufriedenheit anstelle von Sinn

Die Suche nach dem Sinn sollten wir also aufgeben! Das gewisse Unbehagen über die eigene Existenz, das Gefühl über die nicht zufrieden stellenden Antworten auf die großen Fragen, warum man eigentlich genau jetzt existiert und wozu, können wir nur mit unseren temporären Zufriedenheiten kompensieren. Vielleicht erlangen wir ja sogar das Glück, in vielen unserer Lebensphasen glücklich und zufrieden zu sein, was uns in unserer retrospektiven Betrachtung den Eindruck vermittelt, ein Leben voller Glückseligkeit, ein Leben von Sinnhaftigkeit gelebt zu haben. Diese späte Erkenntnis erhalten wir aber nur, wenn wir uns immer wieder selbst befragen und uns ehrlich Antwort geben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ansgar Lange, Jule Blogt, Rob Hopkins.

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